Helfer als Ziel oder als Kollateralschaden

Nicht nur für UNO-Blauhelme werden Friedensmissionen immer riskanter. Auch die humanitären Helfer aus aller Welt laufen zunehmend Gefahr, von den Konfliktparteien nicht mehr respektiert zu werden. Das trifft das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) genauso wie die Ärzte ohne Grenzen (MSF).

Walter Brehm
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Nicht nur für UNO-Blauhelme werden Friedensmissionen immer riskanter. Auch die humanitären Helfer aus aller Welt laufen zunehmend Gefahr, von den Konfliktparteien nicht mehr respektiert zu werden. Das trifft das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) genauso wie die Ärzte ohne Grenzen (MSF).

Terror kennt keine Grenzen

In Afghanistan, im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika sind es oft jihadistische oder ethnische Terroristen, die auch gegenüber humanitären Helfern alle Regeln des Kriegsrechts missachten. Sie orientieren sich nicht an Humanität oder Neutralität, denen IKRK, MSF und andere Hilfswerke verpflichtet sind. Ihre Regel lautet: «Wer nicht für uns ist, ist unser Feind.» Diese Haltung macht es oft unmöglich, dringend nötige Hilfe überhaupt noch zu leisten. Aber es ist nicht die Gefahr für Leib und Leben der Helfer allein, welche Terroristen und Rebellen als Menschenfeinde entlarvt. Jihadisten erklären in ihrer religiösen Hybris gerne: «Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.» In Mali, einem Brennpunkt des Jihad in Afrika, war das IKRK schon mehrmals Ziel des Terrors von Jihad-Gruppen und wurde von diesen explizit zum Feind des Islams erklärt. Die MSF hat ähnliche Erfahrungen in der Zentralafrikanischen Republik und in Südsudan gemacht.

Terror aus Irrtum staatlicher Macht

Was als Kriegslogik von Terroristen die Arbeit von internationalen Hilfsorganisationen oft fast unmöglich macht, wird aber vollends zur Katastrophe für die humanitäre Arbeit, wenn auch staatliche Macht keinen Respekt mehr vor Hilfswerken und ihren Projekten hat. Der jüngste Luftangriff auf ein MSF-Spital in der nordafghanischen Stadt Kunduz war da beileibe nicht der erste tödliche «Irrtum» der von den USA geführten internationalen Truppen in Afghanistan. Während des Krieges gegen die Taliban Ende 2001 war ein auch aus der Luft erkennbar deutlich markiertes IKRK-Spital angegriffen worden.

Lügen und Ausflüchte

Der jüngste «Irrtum» in Kunduz ist zudem so unerträglich, weil sich die dafür Verantwortlichen in zynischer und feiger Art und Weise aus ihrer Schuld herauszulügen versuchten. Zuerst wurde verbreitet, Taliban hätten den Spital in Kunduz beschossen, was MSF umgehend dementierte. Zwei Tage später versuchte die US-Militärführung, die Schuld auf ihre afghanischen Partner abzuwälzen. Dies hätte den Luftangriff angefordert, erklärte John Campell, der zuständige amerikanische Kommandant. Selbst wenn: Die Ärzte ohne Grenzen haben die Koordinaten ihrer Projekte in Afghanistan allen Konfliktparteien bekanntgegeben. Die US-Militärführung musste also wissen, was sie in Kunduz bombardieren liess. Zugegeben hat General Campell inzwischen, dass der Angriff auf «Fehler in der US-Kommandokette» zurückzuführen sei. In Washington hat sich US-Präsident Barack Obama offiziell bei Ärzte ohne Grenzen für den versehentlichen Bombenangriff auf das Krankenhauses in Kunduz entschuldigt.

Nicht auf Irrtum in Syrien warten

Die Ärzte ohne Grenzen aber fordern eine unabhängige internationale Untersuchung. Washington sollte diese Forderung erfüllen, wenn es die Beteuerung ernst meint: «Wir würden nie absichtlich eine geschützte medizinische Einrichtung ins Visier nehmen.»

Washington, aber auch Moskau sollten nicht warten, bis ähnliche «Irrtümer» im Luftkrieg über Syrien und Irak «erklärt» werden müssen.

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