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Sachsens Ministerpräsident wird entweder zum grossen Held oder zum Depp seiner Partei

Michael Kretschmer hat eine schwierige Mission: Er muss deutlich Kante gegen Rechtsextremismus zeigen. Aber er will auch jene Wähler zurückgewinnen, die seine Partei an die AfD verloren hat.
Christoph Reichmuth, Berlin
Der 43-jährige Michael Kretschmer sieht politisch stürmischen Zeiten entgegen. (Bild: Monika Skolimowska/Keystone (Dresden, 28. August 2018))

Der 43-jährige Michael Kretschmer sieht politisch stürmischen Zeiten entgegen. (Bild: Monika Skolimowska/Keystone (Dresden, 28. August 2018))

Der Dreitagebart verleiht Michael Kretschmer etwas Verwegenes. Noch bei seiner Vereidigung zum jüngsten Ministerpräsidenten Deutschlands im Dezember 2017 hielt er seine Ansprache mit glatt rasiertem Gesicht. Irgendwann hat er das bleiben lassen mit der Nassrasur. Rein optisch wirkt er nun lockerer, und das passt auch ganz gut zu ihm. Keiner, der den Freistaat Sachsen seit der Wiedervereinigung regiert hat, war so unkompliziert im Umgang mit Bürgern und Reportern wie er, ­attestieren Journalisten.

Seit rund neun Monaten steht der 43-Jährige dem Freistaat in einer Regierung aus CDU und SPD vor. Zuvor sass er im Bundestag, doch so richtig Notiz von ihm nahm die Nation eigentlich erst in den letzten Tagen. Zuerst war da dieser skurrile Fall eines Mannes am Rande einer Pegida-Demonstration, der – mit Deutschland-Hütchen – ein TV-Team des ZDF vor laufender Kamera zusammengestaucht hatte. Das Video ging viral. Darauf zu sehen war, wie die Polizei die Journalisten festhielt, anstatt den Demonstranten zur Räson zu bringen. In den Medien machten sie aus dem Pegida-Mann den «Hut-Bürger», und Michael Kretschmer spielte sich mit einem Tweet in die Hauptausgabe der «Tagesschau»: «Die einzigen Personen, die in diesem Video seriös auftreten, sind die Polizisten.»

«Der rechte Verteidiger»

Das war voreilig, die Polizei entschuldigte sich später beim ZDF. Kretschmer konnte da noch nicht ahnen, dass es nur ein paar Tage später noch schlimmer kommen würde. Der tragische Todesfall eines 35-jährigen Deutschen – mutmasslich in einem Streit mit einem Syrer und einem Iraker ­erstochen – in Chemnitz war der Auftakt zu wüsten Protesten in der drittgrössten Stadt des Freistaates. Am Montag gingen Tausende von Menschen auf die Strasse, darunter Hunderte von Rechtsextremisten. Es gab Bilder von Männern, die ihre Arme zum Hitlergruss reckten, und verwackelte Videos, die Angriffe gegen Migranten zeigten. Es folgten, auch international, Schlagzeilen über den fremdenfeindlichen ­Osten Deutschlands.

Experten äusserten sich in ­den Medien über die seit 1990 regierende sächsische CDU, die das Problem mit den Rechtsextremisten über Jahre unterschätzt habe. Michael Kretschmer sagte, über das Ausmass der Ereignisse in Chemnitz glaubhaft schockiert: «Wir lassen nicht zu, dass das Bild unseres Landes durch Chaoten beschädigt wird.» Dieser Satz wurde Kretschmer von Experten wiederum um die Ohren gehauen. Das Image seines Bundeslandes sei ihm wichtiger als das Problem mit den Rechtsextremisten, hiess es.

Seit Wochen tourt Kretschmer durch sein Bundesland, um mit Bürgern in den Dialog zu treten. Er verteufelt weder Pegida noch die Wähler der AfD, ruft dazu auf, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, warnt vor der «Bevormundung der Wähler» durch die Politik. Er findet: «Nicht jeder, der einen kritischen Punkt hat, ist radikal und fällt für ein Gespräch aus.» In der Flüchtlingspolitik ­revoltierte er zwar nicht offen gegen Angela Merkel, aber er ­verteidigte den Grenzzaun, den Ungarn errichten liess. Das machte ihn bei Kritikern von Merkels Flüchtlingskurs beliebt. 2016 entwarf er als Antwort auf das Erstarken der AfD eine «Leit- und Rahmenkultur», in der er mehr «Stolz auf unsere Nation» eingefordert hatte. «Ein junger Alter mit Verständnis für Wutbürger», titelte die «Süddeutsche Zeitung» über ein Kretschmer-Porträt, und der «Spiegel» meinte: «Der rechte Verteidiger».

Die AfD kommt der CDU bedrohlich nahe

Der 43-Jährige steht unter Druck. Bei den Bundestagswahlen im letzten Jahr wurde die AfD in Sachsen stärkste Kraft vor der CDU. Im September 2019 wählen die Sachsen ihr neues Landesparlament. Noch führt die CDU in Umfragen, doch die AfD rückt den Christdemokraten bedrohlich nahe. Kretschmer kann als Held seiner Partei in die Geschichte eingehen, wenn er die AfD zurückbindet. Oder er wird zum Deppen der CDU, wenn unter ­seiner Ägide zum ersten Mal überhaupt die AfD bei einer Landtagswahl an der Spitze steht.

Kretschmers Dilemma: Einerseits muss er auf die Unzufriedenen zugehen. Andererseits droht er durch besonders rechtskonservative Positionen die AfD zu stärken. «Trifft Kretschmer die Sprache der Wütenden nicht, kommt er in Sachsen nicht an. Redet er ihnen zu sehr nach dem Mund, bekommt er Ärger aus ganz Deutschland», räsoniert die «Zeit».

Kretschmer hat eine Mission. Er will den Geist der AfD aus seinem Bundesland vertreiben. Ob er mit seiner Bürgernähe Erfolg haben wird, wird sich zeigen.

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