Hat Trump da eben seine Niederlage eingestanden? Kurz sah es so aus – doch dann ging er zum Gegenangriff über

Es schien, als finde sich der amerikanische Präsident mit der Realität ab: Am Sonntag gestand Donald Trump kurze Zeit über ein, dass er das Rennen um das Weisse Haus verloren hat. Dann korrigierte er sich aber. Seine Anhänger sprechen derweil von massivem Wahlbetrug.

Renzo Ruf aus Washington
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Will von Niederlage nichts wissen: Noch-Präsident Donald Trump.

Will von Niederlage nichts wissen: Noch-Präsident Donald Trump.

Bild: Chris Kleponis / Pool / EPA

Der amerikanische Präsident hat am Sonntag erstmals öffentlich eingestanden, dass er im Rennen um das Weisse Haus als zweiter ins Ziel kommen wird. In den frühen Morgenstunden schrieb Donald Trump auf Twitter über seinen Kontrahenten Joe Biden: «Er gewann, weil die Wahl manipuliert wurde.»

Umgehend hiess es aus dem Weissen Haus, dies sei zwar kein Eingeständnis des Präsidenten, dass er verloren habe – kämpfen Trumps Republikaner doch in Gerichtssälen in Staaten wie Pennsylvania oder Arizona immer noch darum, dass die (weitgehend provisorischen) Resultate der Präsidentenwahl umgestossen werden. Aber der Präsident nähere sich immerhin der Realität an. Und weil Trump nie öffentlich eingestehen werde, dass er ein Verlierer sei, so wie dies die Demokratin Hillary Clinton im Jahr 2016 oder der Republikaner Mitt Romney im Jahr 2012 taten, muss eine Twitter-Botschaft ausreichen.

Trump allerdings kamen diese Einschätzungen seiner Berater wohl zu Ohren, weil er den Sonntagmorgen gemeinhin vor dem TV verbringt. Rasch publizierte er deshalb zwei Klarstellungen auf Twitter. Erstens, schrieb er in Grossbuchstaben, sei die Wahl manipuliert gewesen. «WIR WERDEN GEWINNEN!» Und zweitens habe «er» – gemeint war wohl Biden – nur in den Augen der Medien gewonnen. «Ich habe NICHTS eingestanden!» Und der Streit um die Auszählung der Stimmen sei noch lange nicht zu Ende, obwohl es seinen Anwälten bisher nicht gelungen ist, die Rechtmässigkeit der Wahlresultate infrage zu stellen.

Dann machte sich Trump, wie so häufig am Wochenende, auf seinen Golfplatz in der Agglomeration von Washington. Am Eingang zum «Trump National», so heisst der Club in Sterling (Virginia), fuhr seine Autokarawane dabei an einigen Anhängern vorbei, die «Trump 2020»-Fahnen schwenkten. Es handelte sich dabei wohl um Aktivisten, die tags zuvor in der amerikanischen Hauptstadt gegen den Wahlsieg von Biden demonstriert hatten.

Republikanischer Abgeordneter spricht über Wahlfälschung

Organisiert worden war diese Kundgebung, an der einige Tausende Aktivisten teilnahmen, durch ein loses Netz von Gruppierungen. So marschierten die «Proud Boys» auf, eine rechtsextreme Vereinigung von Chauvinisten. Die Mitglieder dieser Schläger-Truppe sehen sich als Prätorianergarde des Präsidenten.

An einer Kundgebung auf dem Freedom Plaza, unweit des Weissen Hauses, sprach auch der republikanische Abgeordnete Louie Gohmert aus Texas, ein treuer Verbündeter Trumps im Repräsentantenhaus. Gohmert, der sich am rechten Rand der Republikaner positioniert, vertritt die These, dass eine spanische Software-Firma mit dem Namen Scytl – die auch für die Schweizer Post das E-Voting-System entwickelt hatte – Millionen von Stimmen gefälscht und damit den Sieg von Biden ermöglicht habe. Für diese abstruse These gibt es keine Beweise.

Die Demonstranten zeigten sich aber auch enttäuscht darüber, dass selbst der Nachrichtensender «Fox News» den Demokraten Joe Biden zum Wahlsieger ausgerufen hat. Also bezeichnete ein Redner den Sender, in den vergangenen vier Jahren das Sprachrohr der Regierung von Präsident Trump, als «Volksfeind» und Hunderte von Aktivisten schrien: «Fox News sucks», Fox News ist «beschissen».

Tagsüber verliefen die Demonstrationen weitgehend friedlich. Nach Einbruch der Nacht allerdings kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen Trump-Fans und Gegendemonstranten. Die Stadtpolizei von Washington nahm mindestens 20 Demonstranten fest.