Harsche Kritik an Polizei und Regierung

Je mehr Details zur Fahndung nach Mohammed Merah und zur Belagerung der Wohnung des Mörders von Toulouse bekannt werden, desto lauter wird die Kritik an der Einsatzleitung unter Innenminister Claude Guéant – einem engen Vertrauten von Präsident Nicolas Sarkozy.

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Innenminister Claude Guéant (Bild: ap)

Innenminister Claude Guéant (Bild: ap)

«Natürlich stellen wir uns die Frage, was man hätte anders machen können», erklärte der französische Geheimdienstchef Bernard Squarcini gestern. Aber es war unmöglich, schon am vergangenen Sonntag zu sagen: Es ist Merah, der die Soldaten ermordet hat, wir müssen ihn packen.» Am Montag erschoss der Serienmörder in Toulouse dann drei jüdische Schulkinder und einen Rabbiner.

Verteidigungsargumente der Polizei

Dass Merahs Antisemitismus zuvor nicht erkannt worden war, erklärte der Chef des Inlandgeheimdienstes DCRI gegenüber «Le Monde» so: «Er hat während der Belagerung erklärt, dass er eigentlich einen weiteren Soldaten töten wollte. Weil er sich aber verspätet hatte, improvisierte er und griff die Mittelschule Ozar Hatorah an.» Squarcini verteidigte sich damit gegen den Vorwurf, seine Ermittler hätten nicht schnell genug gearbeitet und sich zu stark auf ein militärisches Täterprofil verlegt. Die Polizei hatte neben ehemaligen Soldaten auch Sportschützen, Inhaber von grosskalibrigen Pistolen und 576 Computer-Adressen von Leuten unter die Lupe genommen, die sich für ein zum Verkauf stehendes Motorrad des einen getöteten Soldaten interessiert hatten. – Und natürlich Islamisten.

Merah figurierte auf einer Liste von 15 Verdächtigen. Aber er hatte keine Priorität, obwohl er nach Afghanistan-Reisen sowohl in Frankreich wie den USA fichiert war. Merah war schon 2011 vom DCRI verhört worden. Aber da er seine «touristische» Afghanistan-Reise selber finanziert habe, führte ihn der Geheimdienst nicht als potenziellen Jihadisten. Zumal er keinen Bart trug, sich westlich kleidete und auch Alkohol konsumierte. Der französische Premier François Fillon verteidigte den Inlandgeheimdienst gestern ebenfalls: «Kein Fahndungselement hat es erlaubt, Merah vor dem Angriff auf die Schule zu erwischen.» Man könne einen Bürger nicht ständig überwachen, der ein «normales Leben führt», sagte der Premierminister. Der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande sprach dagegen an einem Wahlauftritt von einer «Schwachstelle» in der Überwachung.

Kritik an Guéant gefährdet Sarkozy

Mindestens so scharfe Kritik gibt es an der Polizeielitetruppe Raid, die der Nationalen Polizei und damit ebenfalls dem Innenministerium untersteht. Christian Prouteau, der ehemalige Chef der militärischen Elitetruppe GIGN nahm kein Blatt vor den Mund: «Wie kommt es, dass es der besten Einheit der Polizei nicht gelingt, einen einzelnen Mann zu verhaften?» Wenn die Wohnung mit Tränengas gefüllt worden wäre, hätte Merah «nicht fünf Minuten ausgehalten», sagte Prouteau. Raid-Chef Amaury de Hautecloque verteidigte sich. Er habe noch nie derartige Angriffe auf seine Leute erlebt, wie jene von Merah. Hautecloque räumte aber ein, dass er Beamten, welche die Wohnung stürmen mussten, nur Blendgranaten bewilligt habe, aber «keine tödliche Munition. Als Merah aus dem Badezimmer sprang und mit drei schweren Pistolen um sich schoss, konnten die Raid-Männer nicht verhindern, dass er aus dem Fenster sprang – und ihn dann der Kopfschuss eines dort plazierten Scharfschützen traf.

Die Unterschätzung des Täters könnte auch darin begründet gewesen sein, dass Innenminister Claude Guéant versprochen hatte, Merah lebend zu fassen. Doch nun könnte das Scheitern dieses Vorhabens auch auf Sarkozy zurückfallen. In Umfragen hat der amtierende Präsident Hollande zwar überholt, aber dies gilt vorerst nur für den ersten Wahlgang Ende April. Stefan Brändle, Paris