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«Häusliche Gewalt» wird in Frankreich ein Thema für die Generalstände

Präsident Emmanuel Macron hat die Gleichheit von Mann und Frau ein «wichtiges Thema» genannt. In diesen Tagen ist die Zahl der Frauen, die ihren aktuellen oder ehemaligen Partnern ermordet wurden, auf 100 angestiegen. Staatssekretärin Marlène Schiappa will heute Dienstag die Generalstände einberufen. «Gewalt in der Ehe ist ein politisches Thema», sagt sie.
Stefan Brändle, Paris

Die Aufzählung schien endlos. «Chloé, 33 Jahre, erwürgt in Bar-le-Duc. Sandra, 31 Jahre, erstochen in Bouqueval . . .» Das war am vergangenen Mittwoch, als eine Demonstration in Paris gegen die «Feminizide» (Ermordung einer Frau) die 97 bisherigen Todesopfer ehelicher Gewalt anprangerten. Inzwischen steht der Zähler auf 100, wie die Frauenorganisation «Nous toutes» (Wir alle) gestern Montag mitgeteilt hat; Polizeistatistiken zum Thema Feminizide gibt es nicht. Der letzte Mord durch einen Partner geschah in Frankreich an diesem Wochenende in Cagnes-sur-Mer an der Côte d’Azur. Anwohner hatten in der Nacht einen lauten Streit gehört, bei dem eine Frau rief: «Ich verlasse dich.» Am nächsten Morgen fand die Polizei die zur Unkenntlichkeit zerschlagene Leiche der 22-jährigen Frau, weil ein Fuss aus einem Blätterhaufen ragte. Ihr 26-jähriger Freund wurde verhaftet.

Ein Fall von vielen. Im vergangenen Jahr waren in Frankreich 121 Frauen durch ihren aktuellen oder ehemaligen Partner ums Leben gekommen. 200 000 weitere Fälle ehelicher Gewalt wurden registriert. Diese Rekorde dürften 2019 geschlagen werden.

Marlène Schiappa.

Marlène Schiappa.

Jetzt reagiert Präsident Emmanuel Macron, der die Gleichheit von Mann und Frau im Präsidentschaftswahlkampf von 2017 zur «grande cause» (wichtiges Thema) erklärt hatte. Seine Staatssekretärin Marlène Schiappa beruft heute in Paris «Generalstände gegen die Gewalt in der Ehe» ein. Diese Veranstaltung ist seit langem geplant; dass sie nach dem 100. Feminizid beginnt, ist nur eine triste Koinzidenz. Die «Grenelle», wie diese Veranstaltungen in Anlehnung an Modelle im Bildungs- und Umweltbereich genannt werden, soll bis Ende November dauern und in konkrete Beschlüsse und Massnahmen münden. Welche, soll erst in den nächsten Wochen und Monaten bekannt werden.

Eine Million ist lächerlich, es braucht eine Milliarde!

Ihr Anfangsetat beträgt eine Million Euro. Das sei geradezu lächerlich, meint «Nous Toutes» und verlangt ein Budget von einer Milliarde Euro. Nötig seien mehr Auffangstationen für gefährdete Frauen, mehr Fachpersonal in den Polizeiwachen sowie vorbeugende Kurse an Schulen. Das alles koste Geld, viel Geld. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo wirft Macron offen vor, er belasse es bei schönen Worten. «Gewalt in der Ehe ist kein häusliches, sondern ein politisches Thema», meint die Sozialistin, die bei den Gemeindewahlen von 2010 von einem Macron-Kandidaten herausgefordert wird.

Auch Schiappa muss sich vorhalten lassen, sie bleibe in der Frage der Ehegewalt wortreich und unverbindlich wie ihr Vorgesetzter im Elysée-Palast. Das ist zum Teil unfair, hat doch die Staatssekretärin trotz der sehr beschränkten Mittel ihres Ministeriums schon einiges erreicht. Der vor kurzem noch unbekannte Begriff «Feminizid» hat sich in Frankreich erst im Zuge von Schiappas Internetpräsenz durchgesetzt.

Ein neuer Ausdruck rettet allerdings nicht die Dutzende von Frauen, die in Frankreich womöglich noch in diesem Jahr von ihrem Partner getötet werden.

Aber Schiappa wendet ein, dass sich ohne ein Umdenken nichts wirklich ändern werde. Vielen Tätern werde erst im Nachhinein bewusst, wie sie von täglichen Beschimpfungen zu Ohrfeigen übergegangen seien und dann plötzlich zum Küchenmesser gegriffen hätten. Eine Reportage auf dem TV-Sender France-2 zeigte am Sonntag den Fall eines Rentners, der seine Frau umgebracht hatte – und erst nach zehnmonatiger Therapie im Gefängnis überhaupt zur Einsicht kam, was er seiner Frau über die Jahre angetan hatte.

Wie viel die «Generalstände» mittel- und langfristig bewirken werden, muss sich zeigen. Tatsache ist, dass Frankreich heute europaweit eine der höchsten Mordraten in Partnerschaften kennt. Die 100 Todesfälle sind gemessen an der Einwohnerzahl auch mehr als in Spanien, das einst als Hort dieses Phänomens galt. Mit dem Klischee «latinischer» Machogewalt habe das allerdings nichts zu tun, meint Schiappa. Im Gespräch verweist die Staatssekretärin für Geschlechtergleichheit darauf, dass Deutschland oder England noch höhere Zahlen aufwiesen. Wenn schon, spielten eher soziale Faktoren mit, meint sie. Häusliche Extremgewalt sei auch deshalb ein gesellschaftspolitisches Problem. Zumindest in diesem Punkt herrscht in Paris Einigkeit.

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