Gut gebrüllt, amerikanischer Löwe

Die Reise Barack Obamas nach Kenia und Äthiopien hat die Massen begeistert. Die Eliten mussten sich offene Worte gefallen lassen. Dass die USA Afrika künftig auf Augenhöhe begegnen wollen, ist aber vorerst nur ein Versprechen.

Walter Brehm
Drucken
Teilen
Der amerikanische Präsident Barack Obama während seiner Rede im Hauptquartier der Afrikanischen Union in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. (Bild: ap/Evan Vucci)

Der amerikanische Präsident Barack Obama während seiner Rede im Hauptquartier der Afrikanischen Union in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. (Bild: ap/Evan Vucci)

Da waren sie wieder. Die Spreizschritte, die westliche Staatsgäste machen, wenn sie durch Afrika reisen. US-Präsident Obama hat sich in den vergangenen Tagen in Kenia und Äthiopien darin versucht: Optimistischer Motivator und Mahner wollte er sein. Wirtschafts- und Sicherheitspolitiker auf der einen, Ratgeber in Sachen Demokratie, Menschenrechte und Gleichberechtigung auf der anderen Seite.

Begeisterte Massen

Es war auf beiden Reiseetappen ein Bad in der Menge des Amerikaners mit afrikanischen Wurzeln, des «heimgekehrten Sohns», der es zu mehr gebracht hat, als sich jede Afrikanerin und jeder Afrikaner erträumen kann. In Kenia nahmen es die Menschen hin, dass ihre Hauptstadt zur Festung ausgebaut worden war. Sie standen stundenlang am Strassenrand, um einen flüchtigen, aber persönlichen Obama-Moment zu erleben. Auch in Addis Abeba, wo die Menschen Überwachung durch ihr diktatorisches Regime gewohnt sind, liessen sich die Menschen ihre Begeisterung nicht nehmen. Vergeben war, dass der «afrikanische» US-Präsident den Kontinent so lange ignoriert hatte. Zu wohltuend war die Botschaft: «Afrika ist auf dem Sprung, seine Volkswirtschaften und seine Menschen haben grosses Potenzial für eine leuchtende Zukunft.»

Kritik ruhig hingenommen

Und inhaltlich? Nach den nicht so öffentlichen Gesprächen mit Kenias Präsident Uhuru Kenyatta und Äthiopiens Machthaber Mulatu Teschome trat der US-Präsident immer mit klaren und offenen Worten auf: gleiche Rechte für die verfolgten Homosexuellen in Kenia forderte er von Kenyatta ebenso wie die Gewährung von Meinungs- und Versammlungsfreiheit von Teschome. Die Angesprochenen nahmen es hin. Wohlwissend, dass die Unterstützung beider Staaten für den Krieg gegen den Terrorismus dem amerikanischen Nörgler letztlich wichtiger war als die öffentlichkeitswirksamen politischen Zurechtweisungen.

Demokratie – mehr als Wahlen

Der wohl wichtigste politische Auftritt Obamas während seiner Reise war die abschliessende Rede am Sitz der Afrikanischen Union in Addis Abeba. Hier wandte er sich an die Eliten ganz Afrikas. Mahnte Menschenrechte an, kritisierte die Langzeitpräsidenten, die sich gegen ihre eigenen Verfassungen weigern, im vorgegebenen Zeitrahmen von der Macht zu lassen. «Demokratie beschränkt sich nicht auf regelmässige Wahlen. Solange Journalisten, Oppositionelle, Gewerkschafter und Menschenrechtler zwischen zwei Urnengängen im Gefängnis landen, bleibt Demokratie ein leeres Versprechen. Dagegen werden die USA ihre Stimme weiter erheben.»

Vorteil China

Gut gebrüllt, Löwe, könnte man meinen. Obwohl gerade solche Aussagen nicht nur die Glaubwürdigkeit des Sprechenden auf die Probe stellen, der die Angesprochenen gleichzeitig als Bündnispartner braucht.

Auf dem Prüfstand war damit auch die reale Kraft der Supermacht. Zwar gab Obama freimütig zu, die USA hätten den wirtschaftlichen Aufschwung in Afrika verpasst, China ohne Not den Vorrang gelassen. Und dies werde sich ändern. Das war Labsal für Afrikas oft noch perspektivlose Jugend. Aber am Gewissen der Machthaber dürfte die Botschaft abgeperlt sein, weil sich Chinas «süsser Kolonialismus» in Afrika um solche «Details» nicht schert: Peking lockt mit billigen Krediten, ohne die Vergabe an Menschenrechte oder politischen Respekt vor den demokratischen Institutionen zu knüpfen. Peking schickt Experten und Arbeiter, die Bahnlinien, Strassen, Häfen und Ölpipelines bauen. Aber China pachtet und kauft auch fruchtbares Land, das der heimischen Landwirtschaft entzogen wird. Es ist ein strategischer Plan, vor allem im Interesse Pekings, das allerdings sorgsam darauf achtet, dass die afrikanischen Eliten immer gute Profite einstreichen.

Mehr als Begeisterung gefordert

So beliebt aber die chinesischen Investoren und «Gastarbeiter» bei den Herrschenden sind, so skeptisch stehen ihnen die einheimischen Bevölkerungen gegenüber – Arbeiter und gut ausgebildete afrikanische Experten. Konfrontationen zwischen Afrikanern und Chinesen nehmen zu, werden aber verschwiegen. Es muss sich weisen, ob die amerikanische Politik und Wirtschaft Afrikas Menschen künftig mehr zu bieten hat als begeisternde Auftritte des «Afrikaners» Obama.