Grosse Ziele – ein langer Krieg

In Mali hat Frankreichs Armee die zweite Phase des Krieges begonnen. Bodentruppen bewegen sich Richtung Norden des Landes. Präsident Hollande hat dessen vollständige Rückeroberung und Kontrolle zum offiziellen Kriegsziel erklärt.

Walter Brehm
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Jetzt ist es klar. Und zur Klarstellung hat sich Frankreichs Präsident François Hollande als internationale Bühne einen Besuch im Golf-Emirat Dubai ausgesucht. Dort definierte er erstmals seine Kriegsziele in Mali: «Bevor wir die Mission beenden, muss Mali sicher sein, eine legitime Ordnung und einen Wahlprozess haben. Und die Terroristen dürfen die territoriale Integrität des Landes nicht mehrt gefährden.»

Kaum militärische Alliierte

Was anfänglich wie eine kurze Intervention ausgesehen hatte, um den Vormarsch der islamistischen Rebellen aus dem Norden in den Süden Malis zu stoppen, wird jetzt offiziell zu einem langen militärischen Marsch. Die Ziele sind ähnlich hoch wie jene, die sich vor über zehn Jahren die Nato-geführte Mission in Afghanistan gesteckt hatte. Daran aber erinnerte Hollande in seiner Erklärung nicht.

Mit 750 Mann war die französische Armee Ende letzter Woche in Mali gelandet. Etwa ein Drittel der Truppe wurde sofort an die Demarkationslinie zum nördlichen, von den Islamisten dominierten Teil Malis verlegt und verstärkt dort die Verteidigungslinie der Armee des Landes. Weitere Einheiten haben sich gestern zum Teil mit gepanzerten Fahrzeugen aus der Hauptstadt Bamako in Richtung Norden in Bewegung gesetzt. Nach den Luftangriffen französischer Kampfjets auf die von Islamisten besetzten Städte hat jetzt also die zweite Phase des Krieges begonnen – die Rückeroberung des Nordens von Mali. In den kommenden Tagen soll die französische Streitmacht auf gut 2500 Mann aufgestockt werden, vorläufig nur von kleinen Kontingenten aus Belgien und Dänemark unterstützt. Die USA, der stärkste Nato-Staat, haben aber bereits klargestellt, dass sie keine Kampftruppen nach Mali entsenden werden.

Die afrikanische Streitmacht

Und der seit Monaten geplante Einsatz einer 3300 Mann starken Truppe der westafrikanischen Staatengemeinschaft Ecowas hat trotz Ankündigung am Wochenende noch nicht begonnen.

Doch nicht nur die Frage, wie sich letztlich die Streitmacht zur Rückeroberung Nordmalis zusammensetzt, ist ungeklärt. Niemand weiss zum Beispiel, wie kampfstark die versprochenen Kontingente aus Senegal, Burkina Faso, Niger und Nigeria sein werden. Und während die französischen Truppen von der malischen Bevölkerung freudig empfangen worden sind, rechnen Experten mit möglichem Widerstand gegen afrikanische Einheiten – sei es aus Stolz oder weil Afrikaner aus vielfältiger Erfahrung das Vorgehen afrikanischer Truppen eher fürchten als begrüssen.

Unklar ist zudem auch, mit welcher Strategie die islamistischen Rebellen aus dem Norden auf die zu erwartende Offensive aus dem Süden reagieren werden. Auch da könnte sich schnell einmal ein ungemütlicher Vergleich mit dem Krieg gegen die afghanischen Taliban aufdrängen.

Rückzug in den Guerillakrieg

Die Jihadisten könnten schnell mit Rückzug reagieren, statt die derzeit von ihnen besetzten Städte wie Kona, Timbuktu, Gao oder Kidal ernsthaft zu verteidigen. Ein Ende des Krieges würde dies aber noch lange nicht bedeuten. Im Gegenteil. Vielmehr dürften sie versuchen, die internationalen und malischen Truppen aus der Wüste oder gar aus den Nachbarstaaten heraus in einen zähen Guerillakrieg zu verwickeln.

Sie kennen das riesige Wüstengebiet wie ihre Westentasche. Die kommende Regenzeit wird die Sandpisten in Sumpf verwandeln, in dem sich die nur leicht mobilisierten Jihadisten besser werden bewegen können als ihre Gegner mit schwerem Gerät und gepanzerten Fahrzeugen. Zudem dürften die islamistischen Rebellen keine Skrupel haben, Grenzgebiete in Algerien, Burkina Faso oder Niger mit Gewalt zu überziehen. So ergibt sich neben dem Risiko eines lang andauernden, verlustreichen Kampfes in Mali auch die Gefahr einer Ausdehnung des Konflikts auf die Nachbarstaaten.

Humanitäre Verantwortung

Neben den militärischen Unwägbarkeiten warnen internationale Hilfswerke vor einer humanitären Krise. Bereits sind über 500 000 malische Flüchtlinge im Land und etwa 150 000 in den Nachbarstaaten registriert. Wer aber wie Frankreich und seine Verbündeten mit hohen moralischen Zielen Krieg führt, hat auch organisatorische und finanzielle Verantwortung für dessen Folgen. Die Jihadisten werden sich um die Opfer foutieren.

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