Grossangriff auf Flughafen

In der Ukraine haben Regierungstruppen einen Grossangriff auf den umkämpften Flughafen der Stadt Donezk gestartet. Das Gebiet wurde nach Angaben des Militärs weitgehend zurückerobert.

Paul Flückiger
Drucken
Teilen
Eine Frau aus der Ukraine schaut nach einem Angriff der Regierungstruppen aus ihrem zerstörten Fenster. (Bild: ap/Manuel Brabo)

Eine Frau aus der Ukraine schaut nach einem Angriff der Regierungstruppen aus ihrem zerstörten Fenster. (Bild: ap/Manuel Brabo)

WARSCHAU. Im Donbass herrscht seit dem Wochenende wieder regelrechter Krieg. Nach OSZE-Angaben wurde der «Waffenstillstand» dabei alleine am Samstag 138mal gebrochen. Über Neujahr und die orthodoxen Feiertage hatten die Waffen bei rund einem Dutzend Attacken pro Tag praktisch geschwiegen. Dabei gab es am Wochenende mindestens elf Tote, fünf Zivilisten und sechs ukrainische Soldaten. Die ukrainische Armee musste bis Sonntagmittag 50 Verletzte vermelden. Die Kämpfe konzentrierten sich um den Internationalen Flughafen von Donezk, der seit Monaten von Regierungstruppen gehalten wird, jedoch in den vergangenen Tagen teilweise von den prorussischen Rebellen eingenommen worden war. Militärsprecher Andrej Lysenko dementierte am Samstag in Kiew vor der Presse den Fall des strategisch wichtigen Punktes und gab erstmals zu, die Lage sei «sehr schwierig». «Wir haben den Flughafen fast komplett von den Rebellen gesäubert», vermeldete Lysenko am Sonntag wortkarg.

Kämpfe haben sich intensiviert

Rebellenführer Aleksandr Sachartschenko, «Premier» der selbsternannten «Volksrepublik Donezk», warf dagegen am Sonntag den ukrainischen Regierungstruppen vor, den Krieg im Donbass wieder voll entfachen zu wollen. In der Tat haben sich die Kämpfe im Donbass nach Absage des Ukraine-Gipfels von Astana deutlich intensiviert. Laut Kiew werden an der ukrainischen Ostgrenze dazu auch wieder russische Truppen zusammengezogen. Der ukrainische Geheimdienst spricht von aktuell 36 000 prorussischen Kämpfern, darunter 8500 regulären russischen Truppen im Donbass, die über 542 Panzer verfügten. Kiew hat nun wieder mehr Truppen beim Flughafen und anderen Brennpunkten an der «Waffenstillstandslinie» zusammengezogen. «Wir geben keinen Zentimeter ab», sagte Staatspräsident Petro Poroschenko am Rande eines Friedensmarsches mit mehreren Tausend Teilnehmern in Kiew. «Den Donbass werden wir wieder zurückerobern», drohte er.

Damit stehen die Zeichen klar auf Krieg. Der OSZE scheinen dabei die Hände weitgehend gebunden. Zwar hat sie Anfang Januar eine Aufstockung der OSZE-Beobachter auf 500 Experten angekündigt. Dies entspricht der von Moskau, Kiew und den Separatisten in den Minsker Friedensgesprächen vor über fünf Monaten vereinbarten Höchstbesetzung. Doch haben mehrere OSZE-Mitgliedstaaten damit begonnen, ihre Experten aus tatsächlichen oder vorgeschobenen Sicherheitsgründen wieder aus Donbass abzuziehen. So sollen sich mittlerweile in der Oblast Donezk nur noch knapp über 200 Beobachter befinden. Auch die ursprünglich für Freitag vorgesehenen Friedensgespräche in Minsk wurden ohne neues Datum abgesagt.

Terrorakte in ganzer Ukraine

Er rechne mit einem verbissenen Kampf um den Flughafen Donezk und von prorussischen Kräften ausgeführten Terrorakten in der ganzen restlichen Ukraine, erzählte im Gespräch mit dieser Zeitung der Donezker Menschenrechtler Sergej Tkatschenko. In Kiew kursierende Gerüchte, wonach der Flughafen kilometerlang untertunnelt sei und dort ukrainische Spezialeinheiten nur auf ihren Einsatz warteten, hält Tkatschenko für ein urbanes Märchen.

Realität geworden ist in der Nacht zum Samstag jedoch der Terror ausserhalb des Donbass. Unweit von Charkiw gingen mehrere Zisternenwagen in Flammen auf, in Odessa wurde die sechste Bombenexplosion seit Anfang Dezember gezählt und auch in Kiew kam es zu einer Explosion. In der Nacht zum Sonntag entführten Unbekannte in Kiew drei Polizisten sowie zwei prowestliche Bürgeraktivisten.