«Globaler Bildungsnotstand»: 10 Millionen Kinder könnten wegen Corona-Folgen für immer der Schule fernbleiben

Auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie konnten zeitweise bis zu 1.6 Milliarden Kinder nicht mehr zur Schule gehen. Während in westlichen Ländern viele wieder in die Schulzimmer zurückkehren durften, verschärft sich die Bildungs-Situation in Entwicklungsländern.

Kevin Capellini
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Kinderarbeit, Frühehen oder Teenager-Schwangerschaften: Kindern, die nicht mehr zur Schule gehen können, droht eine ungewisse Zukunft.

Kinderarbeit, Frühehen oder Teenager-Schwangerschaften: Kindern, die nicht mehr zur Schule gehen können, droht eine ungewisse Zukunft.

Jerome Delay

Wirtschaft, Tourismus und Arbeitsplätze: Das sind in vielen Staaten die Hauptsorgen nach der Corona-Pandemie und den Folgen des Lockdowns. Doch nebst all der finanziellen und wirtschaftlichen Folgen, der Menschen die arbeitslos wurden und der grossen Schuldenberge, die sich in vielen Staaten anhäufen, gibt es ein weiteres Problem, das kaum die nötige Beachtung erhält: Der wohl grösste Bildungs-Notstand in der Geschichte.

Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise konnten im März und April rund 1.6 Milliarden Kinder nicht mehr zur Schule gehen. Das entspricht 91 Prozent aller schulpflichtigen Kinder weltweit, wie aus einer Einschätzung der Kinderrechtsorganisation «Save the Children» hervor geht. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wurde die Schulbildung für fast sämtliche Kinder der Welt eingeschränkt – mit teils dramatischen und lang anhaltenden Folgen für Kinder in den ärmsten Länder dieser Welt.

Denn während in Europa vielerorts der Schulbetrieb mittels Home-Schooling fortgesetzt wurde und Kinder in den letzten Wochen wieder in die Klassenzimmer zurückkehren durften, zeigt sich in ärmeren oder unstabilen Ländern eine teils besorgniserregende Entwicklung: Entweder wird der Schulbetrieb unbefristet ausgesetzt oder Kinder müssen Arbeit suchen, um das Überleben der Familie zu sichern. Und oftmals ist beides zusammen der Fall.

So beendete zum Beispiel Kenias Präsident Uhuru M. Kenyatta am 7. Juli zwar den Lockdown, doch der Schulbetrieb wird frühestens im kommenden Jahr wieder aufgenommen. Sämtliche Schüler müssen das Schuljahr voraussichtlich wiederholen. Doch viele Familien können es sich gar nicht leisten, ihre Kinder ein weiteres Jahr in die Schule zu schicken.

«Ich hätte gerne studiert um meine Träume verwirklichen zu können», erzählt Alyce, eine eigentlich angehende Tourismus-Studentin aus Nairobi. «Doch nun wissen wir nicht, wann die Schule überhaupt wieder weitergeht und ich muss schauen, dass ich arbeiten kann, damit ich und meine Familie überleben können, denn meine Eltern haben ihre Jobs verloren und Unterstützung bekommen wir keine.»

Fehlende Bildungsausgaben im Milliardenhöhe

Solche Schicksale und Entwicklungen betrachtet auch die Kinderrechtsorganisation «Save the Children» als kritisch und warnt vor einem globalen Bildungs-Notstand durch die Corona-Pandemie. Gerade in Staaten, welche schon zuvor instabil waren, bestehe nun das Risiko, dass wegen der Covid-Folgen rund 10 Millionen Schülerinnen und Schüler – eine ganze Generation an Kindern – nicht mehr zur Schule gehen könne.

Unter den am stärksten betroffenen Ländern befinden sich etwa Nigeria, Afghanistan, Pakistan, Senegal oder der Jemen, wo Kinder aufgrund der Schulschliessungen und wirtschaftlichen Probleme in Kinderarbeit oder Frühehen gezwungen werden und wohl nicht mehr in die Klassenzimmer zurückkehren können.

Staaten, in welchen das Risiko am höchsten ist, dass Kinder nicht mehr zur Schule zurückkehren können:

  • Risiko «extrem hoch»: Niger, Mali, Tschad, Liberia, Afghanistan, Guinea, Mauretanien, Jemen, Nigeria, Pakistan, Senegal, Elfenbeinküste, Sudan
  • Risiko «hoch»: The Gambia, Tanzania, Angola, Äthiopien, Benin, Kongo-Kinshasa (DRC), Sierra Leone, Kamerun, Rwanda, Uganda, Burundi, Ghana
  • Risiko «moderat»: Ghana, Togo, Sambia, Guatemala, Union der Komoren, Indien, Bangladesh, Kambodscha, Zimbabwe, Haiti, El Salvador, Namibia, Ägypten, Burma, Malawi, Tunesien

«Fast 10 Millionen Kinder, die nicht zur Schule zurückkehren – das ist ein Bildungsnotstand, wie es ihn noch nie gegeben hat», sagt Fabian Emmenegger, Mediensprecher von Save the Children Schweiz. Wegen der wirtschaftlichen Folgen, die alle Länder hart trifft und in Entwicklungsländern besonders einschneidende Auswirkungen haben, fehlen in den ärmsten Ländern im kommenden Jahr mindestens 72 Milliarden Franken (77 Milliarden Dollar) für Bildungsausgaben.

Trotz Corona und sinkender Bildungsausgaben in Entwicklungsländern soll das Recht auf Bildung nicht verloren gehen.

Trotz Corona und sinkender Bildungsausgaben in Entwicklungsländern soll das Recht auf Bildung nicht verloren gehen.

Jerome Delay

Entwickle sich die Situation weiterhin negativ, können die fehlenden finanziellen Mittel für die Bildung auf bis zu 180 Milliarden Franken (192 Milliarden Dollar) anwachsen.

«Regierungen müssen dringend in Bildung investieren. Jedoch erleben wir stattdessen Kürzungen von Bildungsetats und dadurch eine Vergrösserung der Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Mädchen und Jungen. Die Kinder, die schon jetzt am stärksten benachteiligt sind, erleiden die grössten Rückschläge, denn sie haben keinen Zugang zu Fernunterricht oder andere Arten von Bildung», erklärt Emmenegger weiter.

Ein Problem – zwar weit weg aber mit grossen Auswirkungen

Die Auswirkungen der Schulschliessungen sind – nebst dem Mangel an Bildung – weitreichend: Viele Kinder verlieren mit der Schule einen sicheren Aufenthaltsort, an dem sie mit Freunden spielen können, wo sie eine Mahlzeit bekommen und Zugang zu Gesundheitsdiensten haben. Zudem fällt eine wichtige Kontrollfunktion weg: Oftmals sind es Lehrer, die als Erste bemerken, wenn ein Kind unter häuslicher Gewalt leidet.

Die Pandemie verstärkt den Teufelskreis aus Risiken wie etwa Kinderarbeit, geschlechtsspezifischer Gewalt oder Frühehen. Diese Risiken erhöhen sich, je länger Kinder der Schule fernbleiben. Gleichzeitig machen dieselben Risiken eine Rückkehr zur Schule unwahrscheinlicher. Zusammen mit dem starken Rückgang an Ausgaben für Bildung könnte der COVID-19-Ausbruch somit Millionen von Kindern die Zukunft verbauen.

Auf diesen problematischen Umstand weist auch der Unicef-Regionaldirektor für den Mittleren Osten und Nordafrika (MENA), Ted Chaiban, hin. MENA habe einen Leitfaden erstellt, damit Schulen in betroffenen Ländern mit einfachen Mitteln hygienische Richtlinien befolgen könnten und so trotz der Corona-Pandemie wieder öffnen könnten. «Es ist wichtig, dass es trotz Corona weiterhin schulische Bildung gibt. Kinder müssen unbedingt weiterhin lernen können.»

Die extrem hohe Anzahl an Teenager-Schwangerschaften ist in vielen afrikanischen Staaten bereits jetzt ein grosses Problem.

Die extrem hohe Anzahl an Teenager-Schwangerschaften ist in vielen afrikanischen Staaten bereits jetzt ein grosses Problem.

Farah Abdi Warasmeh

Die Bildung in afrikanischen oder asiatischen Ländern mag als ein Problem erscheinen, das weit weg und für Europa kaum von Belang ist. Jedoch hat eine Bildungskrise, in der eine Generation von Kindern in Entwicklungsländern nicht mehr zur Schule gehen kann, grosse und negative Auswirkungen auf die zukünftige Entwicklung und die Wirtschaft dieser Staaten.

Forderung nach finanzieller Unterstützung

So geht die Weltbank bereits jetzt davon aus, dass die Zahl der Teenagerschwangerschaften in afrikanischen Staaten wegen der Corona-Pandemie im zweistelligen Prozentbereich zunehmen wird. Staaten, deren Hauptproblem bereits jetzt der massive und schnelle Bevölkerungszuwachs ist, werden in Zukunft also noch weiter überfordert werden, wenn die Bevölkerung nun noch stärker zunimmt.

Eine solche Entwicklung war zum Beispiel in Sierra Leone zu beobachten, wo während der Ebola-Epidemie (2014-2016) während neun Monaten die Schulen geschlossen wurden. Die Uno erfasste nach dieser Schulschliessung rund 18'000 zusätzliche Teenager-Schwangerschaften für das Land. Viele dieser jungen Frauen konnten – als die Schulen wieder öffneten – entweder wegen der Schwangerschaften oder ihrer neugeborenen Babys nicht mehr zur Schule zurückkehren.

«Wenn wir diese Bildungskrise einfach geschehen lassen, wird dies langfristige Folgen für die Kinder haben», betont Fabian Emmenegger von Save the Children. Die Organisation fordere daher, dass die Weltbank 32 Milliarden Franken (35 Milliarden Dollar) für Bildungsausgaben in Entwicklungsländern bereitstellt.

Auch sollen Gläubiger und Industriestaaten den ärmsten Ländern einen Zahlungsaufschub ihrer Staatsschulden gewähren. Dadurch könnten um die 14 Milliarden Dollar für Investitionen in Bildung frei werden – wenn die Mittel dann auch dafür eingesetzt werden.

Ob diese Forderungen jedoch in die Tat umgesetzt werden können, ist derzeit mehr als fraglich. Viele Staaten in Europa haben im Moment selber mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und bevorstehenden Rezessionen zu kämpfen. Die Bewältigung einer akuten Bildungskrise in Entwicklungsländern hat dabei, wenn überhaupt, nur eine zweitrangige Bedeutung – auch wenn die Problematik eigentlich sofortiger Aufmerksamkeit bedarf.