Gipfel in höchstem Heiligtum

In Japan findet heute und morgen ein G7-Gipfeltreffen statt. Im Fokus des öffentlichen Interesses steht jedoch vor allem der geplante historische Besuch von US-Präsident Barack Obama in Hiroshima nach dem Gipfel.

Angela Köhler
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TOKIO. An dem Treffen begeben sich die Staats- und Regierungschefs der sieben Industrienationen (G7) auf göttliches Terrain. Japans Premier Shinzo Abe lädt seine Gäste nach Ise-Shima, wo seit fast 2000 Jahren der Ise-jingu thront, der heiligste Schrein des Shintoismus. Der symbolträchtige Ort gilt in jeder Hinsicht als höchste Ebene dieser nur in Japan praktizierten Religion. Die weitläufige Anlage mit zwei Haupt- und Hunderten Nebenschreinen inmitten hoher Zedern wird in Japan nur als Jingu, als «der Schrein» verehrt und jedes Jahr von rund sechs Millionen Pilgern besucht.

Die Kultstätte in Ise hat auch eine besondere Beziehung zum Kaiserhaus. Hier wird die mystische Sonnengöttin Amaterasu verehrt, von der der Tenno – laut Legende – in gerader Linie abstammt. Zur ihrer Ahnherrin pilgert auch die kaiserliche Familie regelmässig, um der Göttin wichtige Ereignisse zu berichten und für ihr Wohl zu beten.

Kritik an Abes Ortswahl

Premier Abe, dem eine sehr persönliche Affinität zu diesem religiösen Zentrum nachgesagt wird, möchte erklärtermassen, dass seine Kollegen die spirituelle Natur Japans fühlen. «Ich wollte einen Ort wählen, der den Staats- und Regierungschefs einen Eindruck von der wundervollen Natur in Japan, der grossen Kultur und den reichen Traditionen vermittelt», begründete Abe seinen Entscheid, der im eigenen Land nicht unumstritten ist.

Der Nationalist Abe wolle den Geist des alten Japan wieder heraufbeschwören, in dem das Kaiserreich unter der Flagge des Shintoismus im Zweiten Weltkrieg Nachbarstaaten überfiel, monieren Kritiker. Der bis dahin als Staatsreligion praktizierte Shintoismus sei vom Militär zur Mobilisierung des Volkes instrumentalisiert worden.

Zu welchem «Familienfoto» werden sich die ausländischen Besucher vor solchem Hintergrund wohl überreden lassen?

Die Wirtschaft als Schwerpunkt

Ansonsten agiert der 62-Jährige derzeit vor allem als Pragmatiker, der nationalistische und ideologische Ziele der machbaren Tagespolitik unterordnet. Zwei von ihm im Reichstag durchgepeitschte Gesetze hatten seine Popularität empfindlich geschmälert. Vor allem die 2015 geänderten Sicherheitsparagraphen, die es japanischen Soldaten erlauben, Verbündeten im Konfliktfall mit Waffen zur Seite zu stehen, sind im überwiegend pazifistischen Japan auf erheblichen Widerstand gestossen. Ein ebenfalls von Abe initiiertes neues Gesetz zum «Schutz von Staatsgeheimnissen» werten viele Kritiker als «Maulkorb für Medien und Behörden».

So setzt Abe in seiner zweiten Amtszeit vor allem auf die ökonomische Stärke der drittgrössten Volkswirtschaft, für die er sich am Gipfel für den Freihandel stark machen wird. Dabei will er auch seine aussenpolitischen Ambitionen verfolgen, Japan ein grösseres internationales Gewicht zu verschaffen und aus dem Schatten des konkurrierenden China zu treten.

Luxuriös und sicher

Neben den sakralen Eindrücken werden die Gäste in Ise- Shima das klassische Japan erleben. Die Region um die Ago-Bucht mit zerklüfteten Küsten ist das Zentrum der japanischen Perlenindustrie. Hier begann 1893 der legendäre Mikimoto mit der Zucht der begehrten Schmuckstücke. Die Gäste tagen und wohnen im «Shima Kanko Hotel Classic» mit atemberaubenden Blicken. Sicherheitstechnisch ist der Ort perfekt für eine solche Veranstaltung. Auf die Kashikojima-Insel in der Ago-Bucht führen nur zwei Brücken und eine Eisenbahn.

Ein historischer Besuch

Politisch bietet der Gipfel für Premier Abe die Chance zu unterschiedlichen Treffen. Doch Japans Interesse konzentriert sich auf den US-Präsidenten. Seit Monaten spekulierten die Medien, ob und in welcher Mission Barack Obama als erster amtierender Präsident der USA Hiroshima besuchen werde. Für beide Länder ist dieser Ort eine offene Wunde. Am 6. August 1945 zündeten die Amerikaner hier die erste Atombombe. Drei Tage später trafen sie mit ähnlicher Wucht Nagasaki.

Wegen der unterschiedlichen Beurteilung dieser Ereignisse hat sich bisher kein US-Präsident zu einem Besuch der Gedenkstätten in Hiroshima entschliessen können. Nun kommt Obama, aber was wird er tun und sagen? Seit Monaten ringen Diplomaten beider Seiten um jedes Wort und jede Geste. Werden Blumen niedergelegt, wird sich Obama verbeugen? Japans Premier hat mehrfach erklärt, dass sein Land keine Entschuldigung erwarte. Das scheint der Kompromiss gewesen zu sein, der den historischen Schritt erst ermöglichte. «Der Premierminister der einzigen Nation der Welt, die unter Atombombenangriffen gelitten hat, und der Präsident der einzigen Nation, die Atomwaffen eingesetzt hat, werden den Opfern gemeinsam Respekt erweisen», erklärte Abe. «Ich glaube, das ist ein Weg, den Opfern der Nuklear-Abwürfe und den Überlebenden gerecht zu werden, die immer noch leiden.»

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