GIFTANSCHLAG: «London wird sich entschuldigen müssen»

Im Konflikt um die Nervengift-Attacke in Grossbritannien ist gestern der Exekutivrat der Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen in Den Haag zusammengekommen. Obwohl die Ermittlungen noch im Gang sind, feiert Russland bereits.

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Die Ermittlungen seien zusammengebrochen, erklärte gestern der russische Senator Alexei Puschkow der Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Aber Grossbritannien gestehe das nie ein. Das wäre «der Ruin für das politische Systems Grossbritanniens. Sie sind zu weit gegangen.»

Im Fall Sergei Skripals gibt sich Russland wieder betont forsch. Einen Monat nach der Vergiftung des russischen Ex-Doppelagenten und seiner Tochter Julia tagte gestern in Den Haag der Exekutivrat der Organisation zum Verbot von Chemiewaffen (OPCW), die russische Seite hatte die Sondersitzung beantragt.

Man verhandelte hinter verschlossenen Türen. Und niemand erwartete als Ergebnis einen Schiedsspruch, wer in dem er­bitterten Streit um den Giftgasanschlag recht hat: Weder die britische Seite und ihre westlichen Verbündeten, die den russischen Staat für das Verbrechen verantwortlich machten und deshalb in den vergangenen Wochen über 130 russische Diplomaten ausgewiesen hatten, noch Moskau, das alle Vorwürfe von sich weist und kurz darauf mit dem «symmetrischen Rauswurf» westlicher Diplomaten konterte. Zur Zeit analysieren OPCW-Spezialisten in England das Blut der Opfer und den Kampfstoff. Wie die OPCW gestern erklärte, wird ihr Bericht in einer Woche vorliegen.

Eindeutige Beweise fehlen immer noch

Das verbale Hauen und Stechen ging aber auch in Den Haag weiter. Die britische Delegation, geführt vom Chemiewaffenexperten John Foggo, twitterte, Russland habe den «perversen» Vorschlag gemacht, gemeinsam zu ermitteln, ein Ablenkungsmanöver, das man zurückgewiesen habe. «Es gibt in der Chemiewaffenkonvention keinen Punkt, der dem Opfer vorschreibt, den wahrscheinlichen Verbrecher zu gemeinsamen Ermittlungen einzuladen», hiess es in einer Verlautbarung der britischen Regierung. Die russische Botschaft in Den Haag twitterte ihrerseits, 14 Mitgliedländer unterstützten eine gemeinsame Erklärung an die OPCW. Laut Guardian stimmten nur 6 von 41 Staaten für den Antrag, der die Briten zur Kooperation mit russischen Ermittlern zwingen sollte. 15 stimmten dagegen, 17 enthielten sich.

Russland scheint gewillt zu sein, jedes Resultat der OPCW-Sondersitzung als Sieg zu feiern. Präsident Wladimir Putin machte schon am Vorabend in Ankara deutlich, dass man die Tagesordnung dominiere: «Als Minimum haben wir 20 Fragen zur Debatte gestellt, und ich hoffe, dass in dieser Diskussion der Schlusspunkt unter das gesetzt wird, was geschehen ist.» Auch Putins Sprecher Dmitri Peskow verbreitete Siegesgewissheit: «London wird sich auf irgendeine Weise bei der russischen Seite entschuldigen müssen.» Zahlreiche russische Medien meldeten gestern, die Briten hätten das Fehlen jedes Beweises eingestanden, dass das Nervengift aus Russland stamme. Zuvor hatte Gary Aitken­head, Chef des staatlichen «Labors für Verteidigungsforschung und -technologie», dem Sender Sky News erklärt, man habe das Gift eindeutig als den Nervenkampfstoff Nowitschok identifiziert, dessen Herstellung wohl nur für einen Staat möglich sei.

Der genaue Herkunftsort sei chemisch nicht zu bestimmen, aber die Regierung besitze eine Reihe anderer Quellen, um diesen zu überprüfen. Eindeutige Beweise fehlen bisher weiter.

Stefan Scholl, Moskau