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Sie sind gestrandet vor den Toren Europas: Eine Reportage aus Bosnien

Tausende Flüchtlinge kampieren im Norden Bosniens in Ruinen und auf Feldern, weil der Weg ins EU-Land Kroatien versperrt ist. Helfer warnen davor, dass der vom Bürgerkrieg gezeichnete Balkanstaat mit der Lage überfordert ist.
Cedric Rehman
Ein verlassenes Studentenwohnheim im nordbosnischen Bihać bietet derzeit zahlreichen Flüchtlingen Unterschlupf. Bild: Slavko Midzor/Pixsell (26. Juli 2018)

Ein verlassenes Studentenwohnheim im nordbosnischen Bihać bietet derzeit zahlreichen Flüchtlingen Unterschlupf.
Bild: Slavko Midzor/Pixsell (26. Juli 2018)

Sie nennen es den Dschungel. Tannen und Fichten wachsen in den Wäldern im Norden Bosniens. Bären und Wildschweine fühlen sich hier wohl. Die Bergluft ist klar. Doch jeder Schritt kann der letzte sein. Die Hinterlassenschaften des Balkankriegs der 1990er rosten unter Moos begraben vor sich hin. So viele Minen wurden hier gelegt, dass niemand auf die Idee käme, sie auch tief in den Wäldern zu beseitigen. Dort, wo sich ohnehin kein Wanderer hinverirrt, sind seit April diesen Jahres diejenigen unterwegs, die immer wieder das «Game» wagen.

Es funktioniert so: Mit einem GPS-tauglichen Smartphone, etwas Proviant und wenn vorhanden einem Schlafsack geht es in die Wälder. Nun gilt es, dem GPS-Signal nach Norden zu folgen vom minenverseuchten Boden Bosniens auf die gleichfalls mit Munition gesättigte Erde Kroatiens und von dort weiter Richtung Slowenien. In einem der beiden Länder wird früher oder später ein Grenzschützer oder Polizist auftauchen. Er muss beweisen, dass sein Land den Schengen-Raum schützen kann. Der kroatische oder slowenische Beamte schickt den Flüchtling mehr oder weniger robust dahin zurück, woher er zum ersten Mal EU-Territorium betreten hat, also nach Bosnien. Game over heisst es für die Geflüchteten.

Flüchtlinge statt Touristen

Doch in Bosnien beginnt alles von neuem. Egal, wie sehr die Strapazen ihre Körper schon gezeichnet haben, die Flüchtlinge in Bosnien geben ihr «Game» einfach nicht verloren. Dschungel, Game, Ali Baba – in der Ruine des ehemaligen Studentenwohnheims Borroći in der nordbosnischen Stadt Bihać entsteht ein neues Idiom. Es ist eine Fachsprache für Vertriebene aus den Kriegsländern und Diktaturen des Mittleren Ostens und für solche, die ihre Heimat wegen «money» verlassen haben, wie sie sagen. Die wenigen Wörter ­dieser neuen Sprache beschreiben die Welt von nach Schätzungen mindestens 4000 Syrern, Irakern, Iranern, Afghanen und Pakistani, die seit April diesen Jahres in dem zerfallenden Gebäude Quartier bezogen haben. Sie haben sich nicht viel zu sagen ­abgesehen von Neuigkeiten aus dem Dschungel oder über die Ali Babas. Das sind die Diebe unter ihnen, die Unehrlichen, die Halsabschneider. Was gibt es auch zu reden in den dunklen Gängen von Boroći, auf Betonböden, in denen Löcher gähnen? Gestank nach Schweiss und Urin erfüllt die Luft in der Ruine. Womöglich würde sie jedes Wort verschlucken, so dick und klebrig wie sie scheint.

Die überwachsene Ruine von aussen. Bild: Slavko Midzor/Pixsell

Die überwachsene Ruine von aussen. Bild: Slavko Midzor/Pixsell

Dort, wo die Jugend aus Bihać sich noch vor Wochen im Grafitti­sprayen übte, liegen nun Flüchtlinge Seite an Seite auf Matratzen. Einige haben Zelte aufgestellt. Sie sind die Glücklichen, die sich verkriechen können. Das Studentenwohnheim Boroći wurde während des Bosnienkrieges 1992 bis 1995 geräumt. Bihać war damals eine zwischen Serben und Muslimen umkämpfte Enklave. Nach dem Krieg bröckelte es auf einer Anhöhe gelegen vor sich hin, während Bihać sich einen freundlichen Anstrich gab und die Bewohner an jedes zweite Haus ein Schild mit der Aufschrift «Gästezimmer» anbrachten. Die Hauptstadt des nordbosnischen Kantons Una-Sana erfand sich neu als Ausflugsort, als Ziel für die Sommerfrische. Dann kam das Frühjahr 2018. Fremde Männer, aber auch ganze Familien tauchten plötzlich in der Stadt auf. Zunächst waren es hundert, dann zweihundert, und schon bald kamen Tausende. Bihaćs Bürgermeister Šuhret Fazlić ordnete an, die Flüchtlinge in Borroći und einem weiteren ungenutzten Gebäude in der Stadt unterzubringen. Es musste geräumt werden, weil es baufällig war. Der Platz in Borroći genügte bald nicht mehr. Die Flüchtlinge fingen an, unter freiem Himmel um das ihnen zugewiesene Heim herum zu kampieren. Und auf Äckern und rund um verlassene Gebäude entstehen nun über Nacht weitere Camps an verschiedenen Orten Nordbosniens.

Aussichtsloser Kampf gegen die Krätze

Die Zustände im Inneren der temporären Unterkunft sind prekär. Bild: Cedric Rehman

Die Zustände im Inneren der temporären Unterkunft sind prekär. Bild: Cedric Rehman

Amira Hadzimehmedovics Nächte sind kurz. Die Mitarbeiterin der Internationalen Organisation für Migration (IOM) fährt gefühlt pausenlos die kurvige Strecke zwischen dem Lager in und um die Ruine von Borroći und dem rund 55 Kilometer nördlich von Bihać gelegenen zweitgrössten Camp unter freiem Himmel in Velika Kladuša hin und her. Sie erzählt, dass sie oft den Van abends gerade in die Garage der IOM in Bihać parken will, da erreiche sie über das Smartphone die Nachricht von einem Notfall in Velika Kladuša: Ein Verletzter kommt von der kroatischen Grenze zurück, oder ein Kind ist verschwunden. Hadzimehmedovic wendet dann den SUV und rast über die Landstrasse zurück nach Velika Kladuša. Sie zeigt ein Video auf ihrem Smartphone. Ein Gewitterregen setzte vor wenigen Tagen das Lager unter Wasser. Das Video zeigt, wie die Flüchtlinge Plastiktüten mit ihren Habseligkeiten aus dem Brackwasser fischen. «Das war ein schlimmer Moment», sagt die Helferin. Die Bosnierin war in den vergangenen Wochen mit drei Kollegen dafür zuständig, dass circa 4000 Menschen Essen, sauberes Trinkwasser, Matratzen und Kleidung bekommen. Nach und nach half das UN-Flüchtlingswerk UNHCR mit, das Rote Kreuz und viele bosnische Freiwillige. «Ärzte ohne Grenzen» schauen abwechselnd in Borroći und Velika Kladuša vorbei, um Wunden zu versorgen. Sie geben Pillen gegen Fieber und Durchfall. Gegen die Krätze, die in beiden Lagern um sich geht, könnten sie wenig ausrichten, meint Hadzimehmedovic. «Dazu müssten wir die ganze Kleidung, die Rucksäcke und die Schlafsäcke entsorgen. Was sollen die Leute dann anziehen oder wie sollen sie schlafen?», sagt sie.

«Ich hoffe, dass Bosnien seine Grenzen schliesst»

Die Krätze scheint ohnehin nicht ihre grösste Sorge zu sein. Für eine Frau, die sich beruflich um Migranten kümmert, äussert sie einen erstaunlichen Wunsch: «Ich hoffe, dass Bosnien seine Grenzen nach Serbien und Montenegro schliesst. Aber ich weiss, dass wir logistisch dazu nicht in der Lage sind», sagt sie. Dank der europäischen Politik braue sich ein perfekter Sturm zusammen, erklärt sie. Sie schildert die Lage, als sei Bosnien eine Badewanne, bei der auf der einen Seite die Wasserleitung undicht ist, auf der anderen Seite der Abfluss komplett verstopft. Der nördliche Nachbarstaat Kroatien schottet sich rigoros nach Süden ab. Der EU wiederum seien die Konsequenzen für Bosnien entweder nicht bewusst oder gleichgültig, meint die IOM-Mitarbeiterin.

Flüchtlinge, die 2015 in Serbien oder Griechenland gestrandet waren, machten sich nun auch noch auf den Weg nach Bosnien. «Sie sind in Panik wegen der Nachrichten von den geschlossenen Grenzen überall. Jetzt hoffen sie, dass sie es doch noch auf den letzten Drücker in die EU schaffen, und bleiben hier stecken», meint sie. Der irakische Kurde Leyvan Sabir fächert auf dem Rasen vor dem Heim Borroći Flammen unter einer verkohlten Konservenbüchse an. Etwas köchelt auf dem Feuer vor sich hin. Sabir steht auf, um Amira Hadzimehmedovic zu begrüssen. Er trägt ein eng geschnittenes T-Shirt aus einer Kleidersammlung. Die Männerhemden waren wohl vergriffen. Sein Freund Abdul Wahab Alzuz aus Syrien kommt aus dem Zelt, sein rechter Arm ist einbandagiert. Sabir und Alzuz haben sich auf der Flucht kennen gelernt. Sie sind beiden mit Frau und Kind unterwegs. Also formten sie ein Team, in dem vier Erwachsene sich abwechselnd um Essen, den Plan für das Fortkommen und die Kinder kümmern. Sabir ist den Weg ins gelobte Land schon einmal gegangen. Er hatte eine Anerkennung als Kriegsflüchtling in Deutschland. «Ich bin zurück in die Türkei, um meine Familie zu holen, weil es mit dem Nachzug nicht geklappt hat. Jetzt gehen wir alle nach Deutschland», sagt er auf Deutsch. Er lacht dabei, als ginge es um ein schwieriges Fussballmatch, aber ihm als gewieften Kerl falle schon ein, wie er es gewinnen kann.

«Wir stehen im Regen»

Sabir scheint nicht frustriert zu sein, weil die Flucht nach Kroatien schon mehrmals gescheitert ist. Sein syrischer Freund wirkt weniger zuversichtlich. Auf seinem Verband zeichnen sich rote Flecken ab. Er hält den Arm angewinkelt. Es ginge nicht anders, er könne ihn seit einem Jahr nicht mehr strecken, sagt der Syrer. Dann erzählt Alzuz, wie Europa ihn ins syrische Gefängnis brachte und schliesslich auf eine Wiese in Bosnien. «Ich war Französischlehrer an einem Gymnasium in Damaskus. Im Unterricht habe ich mit den Schülern über das Leben in Europa gesprochen. Ich habe ihnen erzählt, dass dort die Menschenrechte geachtet werden», sagt er. Die Polizei steckte ihn deshalb ins Gefängnis. Sie machte etwas mit seinem Arm, der seitdem nicht heilt. Als Alzuz 2017 freikam, floh er mit seiner Familie in die Türkei. Dort gaben die Ärzte Antibiotika und sprachen von Amputation, als diese nicht halfen. Alzuz flüchtete weiter nach Griechenland, wo es andere Antibiotika gab. Auch diese wirkten nicht. Serbien, Montenegro, Bosnien, verschiedene oder gar keine Pillen und eine entzündete Wunde voller Erreger, resistent gegen alles, was heilen könnte. Dem Syrer bleibt nichts ausser die Hoffnung auf ein medizinisches Wunder. «Ich würde auch in Bosnien bleiben, wenn es hier Medikamente für mich gäbe», sagt er.

Der Bürgermeister von Bihać, Šuhret Fazlić, will dafür sorgen, dass weder Abdul Wahab Alzuz noch sonst ein Flüchtling in seiner Stadt bleibt. Seit Frühjahr mache er nichts anderes mehr, als seine Bürger zu beschwichtigen. Die einen fürchten, dass es mit Tourismus bergab geht, die anderen um ihre Sicherheit. «Ich sage es klipp und klar, diese Stadt wird niemals ein Hotspot für Flüchtlinge», sagt Fazlić. Der Bürgermeister lässt im Rathaus von Bihać Espresso servieren. Seine Verbindlichkeit ist damit erschöpft. Bosnien mit seiner komplizierten Struktur nach dem Friedensabkommen von Dayton 1995 sei der letzte Ort auf dem Kontinent, der die Migrationsfrage für die EU lösen könnte, sagt er. Die Regierung in Sarajewo, die beiden Einheiten der bosnisch-serbischen Republika Srpska und der kroatisch-bosniakischen Föderation, die Kantone und die lokalen Bürgermeister stritten schon unter normalen Bedingungen miteinander. «Jetzt in der Krise schieben alle einander die Verantwortung zu, und wir stehen im Regen», sagt er. Weil die Regierung sich mit Bihać und Velika Kladuša nicht einig werde, komme die Umsiedlung der Flüchtlinge in menschenwürdigere Lager nicht voran. Die EU hat dafür jüngst 1,5 Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung gestellt. Im Herbst könnten seiner Schätzung nach allein in Bihać über 10000 Menschen in und um die Ruine Borroći leben. «Unsere Bevölkerung hat sich bisher vorbildlich verhalten, weil wir selbst Krieg erlebt haben. Aber die Stimmung kippt», sagt Fazlić.

Der Bürgermeister verschluckt sich beinahe am Espresso, als er auf die migrantenfeindliche Propaganda der nach Unabhängigkeit strebenden Republika Srpska angesprochen wird. Politiker im dortigen Regierungssitz in Banja Luka sprechen davon, dass die bosnischen Muslime gerade ihre Brüder für den Dschihad einladen. «Können die sich eigentlich vorstellen, wie sich unsere Bürger fühlen? Wir wissen doch gar nicht, ob das Terroristen sind. Und kulturell haben wir mit Leuten aus dem Mittleren Osten rein gar nichts gemeinsam, nur zufällig dieselbe Religion. Und selbst da bin ich mir nicht sicher», sagt er. Seine blonde Assistentin stolziert wie zum Beweis für die Worte des Bürgermeisters auf Pfennigabsätzen in das Büro, um den Kaffee abzuräumen.

Muslime von Bihać trotzen der Propaganda

Die Muslime von Bihać – es sind Frauen, die Hot-Pants tragen, und Männer, die schon in der Mittagspause ein Bier trinken. Fazlić will wissen, dass sich in den Dörfern entlang der Grenze zu Kroatien erste Bürgermilizen gebildet haben, um Flüchtlinge abzuwehren. Er warnt davor, dass es in Bosnien immer noch leicht sei, an Waffen zu kommen. «Wenn Fremde einmal oder zweimal unser Privatgrundstück betreten, weil sie in Not sind, dann haben wir Bosnier Mitleid. Aber beim dritten Mal schiessen wir. Wir sind nun mal nicht Schweden», sagt er. Abdul Wahab Alzuz steht mit einem neuen Blister Tabletten vor der Ruine von Borroći. Es sind Schmerzmittel. Die «Ärzte ohne Grenzen» meinten, dass weitere Antibiotika ihm eher schaden als nutzen könnten, erzählt er. «Sie sagen, ich muss ins Krankenhaus. Aber sie können mich nirgendwo hinschicken», sagt er.

Die Politiker in Sarajewo und Brüssel scheinen alle Zeit der Welt zu haben, die des Syrers läuft ab. Schon die Ärzte in der Türkei hätten Alzuz gewarnt, dass die resistenten Bakterien irgendwann sein Herz infizieren, erzählt er. Das sei vor Monaten gewesen, als sie den Arm amputieren wollten. Damals entschied Alzuz sich zur Flucht nach Europa, weil ein Syrer mit nur einem Arm in der Türkei keine Familie ernähren könne, sagt er. Es dämmert dem Lehrer, dass er in Bosnien vielleicht nicht nur seinen Arm verlieren wird. Hätte er doch damals im Unterricht in Damaskus besser geschwiegen von Europa und den Menschenrechten.

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