Gerüchte um indische Vergeltung

Neu Delhi sieht Terrorgruppe aus Pakistan als Urheber des Bombay-Terrors. Experten glauben nicht, dass Atomwaffen beider Staaten einen geplanten Angriff verhinderten.

Willi Germund
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Bangkok. «Pakistan glaubt, wir könnten mit konventionellen Mitteln nichts machen, weil beide Seiten Atomwaffen besitzen», sagt ein Sicherheitsexperte in der Hauptstadt Neu Delhi. «Wir müssen Islamabad diesen Irrglauben nehmen», sagt der Mann, der gute Verbindungen zum Geheimdienst Research and Analysis Wing (RAW) hat, seinen Namen aber nicht veröffentlicht sehen will. Die indische Regierung dementierte, solche Überlegungen anzustellen. Diplomaten in Delhi glauben aber, indische Pläne seien der Grund für den geplanten Blitzbesuch der US-Aussenministerin Condoleezza Rice.

Als Zeichen des guten Willens hat Indien gestern von Pakistan die Auslieferung von 20 Personen gefordert. Auf der Liste befinden sich auch der Unterweltboss Dawood Ibrahim, der vor Jahren aus Bombay flüchtete, und der Islamist Maulana Masood Azhar, der vor Jahren mit der Entführung einer Maschine der Indian Airlines aus indischer Haft freigepresst worden war.

Islamistenlager als Ziel?

Mögliche Ziele eines Angriffs sind Trainingslager der islamistischen Gruppe Lashkar-e-Toiba im pakistanischen Teil Kaschmirs oder deren Hauptquartier in der Nähe der Stadt Lahore. Die Terroristen, die in der vergangenen Woche Bombay vom Meer aus angriffen, waren laut dem einzigen Verhafteten in einem Camp der Gruppe trainiert worden.

Der Lashkar-e-Toiba-Gründer Hafiz Mohamed Saeed unterhält enge Verbindungen zum pakistanischen Oppositionspolitiker Nawaz Sharif. Die Organisation, die zumindest in den 90er-Jahren mit aktiver Unterstützung der pakistanischen Armee agierte, soll jetzt zum Terrornetzwerk Osama bin Ladens gehören und strebe nach islamischer Kontrolle über Indien.

Ablenkungsmanöver Delhis?

Die indischen Überlegungen könnten aber auch ein Ablenkungsmanöver sein. Es wird immer deutlicher, dass ein Teil der Schuld für den Terrorangriff auf Bombay im Versagen der indischen Sicherheitskräfte zu suchen ist. Das Boot, mit dem die Terroristen vor die Küste Bombays gelangten, war von der indischen Küstenwache gestoppt worden. Die Männer zeigten Ausweise vor, wie Fischer des indischen Bundesstaats Gujarat sie mit sich führen. Solche Ausweise sind aber einfach zu besorgen. «Sie sind nicht gefälscht», sagt ein Sicherheitsfachmann, «sie werden gegen Schmiergeld von Beamten ausgestellt. Unsere Korruption ist so gravierend, dass effektive Terrorabwehr fast unmöglich ist.»

Information «verschlampt»

Laut der «Hindustan Times» zeichnete der Geheimdienst RAW am 24. September ein Telefonat auf, in dem über Hotels in Bombay gesprochen wurde, die vom Meer leicht zu erreichen seien. Am 18. November wurde ein weiteres Gespräch aus dem Lashkar-e-Toiba-Hauptquartier abgehört, in dem das Taj-Hotel in Bombay erwähnt wurde. Die RAW-Informationen verschwanden aber anscheinend im Irrgarten indischer Bürokratie.