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In Indien führen Gerüchte in Chats
zu Lynchmorden

Über Whatsapp-Gruppen mobilisierte Mobs haben in den vergangenen zwei Monaten 24 Menschen getötet. Das jüngste Opfer war ein 27-jähriger Softwareingenieur. Die Regierung will Whatsapp nun in die Pflicht nehmen.
Ulrike Putz, Singapur
Studenten protestieren in der Hauptstadt Neu-Delhi gegen die Lynchmorde. (Bild: Burhaan Kinu/Getty; 22. Juni 2018)

Studenten protestieren in der Hauptstadt Neu-Delhi gegen die Lynchmorde. (Bild: Burhaan Kinu/Getty; 22. Juni 2018)

Es sollte eine gesellige Landpartie werden: Am vergangenen Freitag lud Mohammed Azam, Softwareingenieur bei der Google-Niederlassung in Hyderabad, sein Auto voll: Mit drei Verwandten und einem aus Katar zu Besuch gekommenen Freund kurvte der 28-Jährige den ganzen Tag durch die hügelige, von Forts und Palästen gespickte Landschaft westlich seiner Heimatstadt. Auf dem Rückweg hielten die jungen Männer in einem Dorf, um etwas zu essen. Mohammed Salha­meid-al-Kubaisi schenkte einigen Schulkindern Süssigkeiten, die er aus Katar mitgebracht hatte.

Das kam bei den Dörflern gar nicht an: Über Whatsapp-Gruppen verbreitete Gerüchte misstrauisch gemacht, glaubten sie in den fünf Freunden Kinderschänder auf der Suche nach Opfern zu erkennen. Eine Menschentraube bildete sich, Azam und seine Gefährten sprangen ins Auto. Sie kamen nicht weit: Ein paar Kilometer weiter schnitt ein per Whatsapp zusammengetrommelter Mob ihnen im Ort Bidar den Weg ab. Auf von Schaulustigen gedrehten Videos des Vorfalls ist noch zu sehen, wie zwei Polizisten versuchen, die etwa 200 aufgebrachten Männer zu stoppen: vergeblich. Nach wenigen Minuten Tumult ist Azam tot, erschlagen, seine Begleiter sind allesamt schwer verletzt.

Opfer sind nicht nur Männer

Der Mord an dem Vater einer zweijährigen Tochter ist der jüngste Fall, bei dem über soziale Medien verbreitete Gerüchte in Indien tödliche Gewalt ausgelöst haben. Seit Beginn des Jahres kursieren auf indischen Whats­app-Gruppen aufgeregte Nachrichten, die davor warnen, dass Kindesentführer im Ort gesichtet worden seien. Allein in den vergangenen zwei Monaten wurden mindestens 24 Menschen gelyncht, weil sie mit solchen Botschaften in Zusammenhang gebracht wurden. Die Opfer sind dabei nicht nur Männer: Im Mai wurde eine 55-jährige Ausflüglerin in einem Dorf in Tamil Nadu erschlagen. Die Täter gaben später an, sie hätten geglaubt, die Frau habe Kinder kidnappen und ihre Organe verkaufen wollen.

Atmosphäre der Gewalt

Die Mobgewalt bricht dort aus, wenn modernste Technik auf engstirnige, gutgläubige Dorfmentalität trifft. 478 Millionen Inder – das ist bald jeder dritte Einwohner des Subkontinents – besitzen ein Smartphone. Sie beziehen ihre Informationen über Facebook, Whatsapp oder Youtube. Doch gerade auf dem Land, wo etwa die Hälfte der Inder lebt, fehlt es den Menschen an Bildung, fällt es den Bauern schwer, Fake News von Nachrichten, Gerüchte von Tatsachen zu unterscheiden. Hinzu kommt, dass sich das gesellschaftliche Klima seit der Wahl des Hindu-Nationalisten Narendra Modi zum Ministerpräsidenten im Jahr 2014 deutlich verschärft hat. Die Regierung schüre die Ressentiments gegenüber Andersgläubigen und habe ein Klima geschaffen, in dem Hassverbrechen salonfähig geworden seien, warnt die Menschenrechtsorganisa­tion Human Rights Watch.

In Bindar wurden am Wochenende zwar 28 Rädelsführer des Lynch­mobs verhaftet, darunter auch der Verwalter einer örtlichen Whatsapp-Gruppe, Manoj Biradar. Er hatte Bilder der Männer mit den Schulkindern an die Gruppenmitglieder weitergeleitet.

Auch anderswo versuchen die örtlichen Behörden, der Gewalt Einhalt zu gebieten: Im Gliedstaat Tripura wurde jüngst für 48 Stunden das mobile Internet abgestellt, nachdem an einem einzigen Tag drei Männer bei verschiedenen Mob-Angriffen ums Leben kamen. Eines der Opfer war ein Regierungsbeamter, der abkommandiert worden war, über die Dörfer zu ziehen und die Menschen über die auf Whatsapp kursierende Kidnapping-Gerüchte aufzuklären. Als Sukanta Chakrabarty in einem Dorf das Phänomen Fake News erklärte, sammelte sich eine aufgebrachte Menge, die den 33-Jährigen schliesslich lynchte.

Grösster Markt für Whatsapp

Die Zentralregierung in Neu-­Delhi hat bereits mehrfach ­versucht, den zum Facebook-Konzern gehörenden Nachrichtendienst Whatsapp in die Verantwortung zu nehmen. Mit 200 Millionen Nutzern ist Indien der grösste Markt für Whatsapp. Anfang Juli schaltete der Dienst ganzseitige Anzeigen in Hindi und Englisch in den grossen Tageszeitungen des Landes. Darin wurden Nutzern Tipps zum Erkennen von Fake News gegeben. Seit vergangener Woche sind Whatsapp-Nachrichten, die nur weitergeleitet sind, zudem mit einem Symbol markiert. Es soll die Nutzer darauf hinweisen, dass es sich bei der Nachricht womöglich um ein Gerücht handelt. Das Leben des Softwareingenieurs Mohammed Azam hat das nicht gerettet.

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