Geliebt und verhasst: Der Berliner Kult-Flughafen Tegel geht vom Netz - Was den Airport so besonders machte

Der Berliner Flughafen Tegel wird still und leise geschlossen. Wegen Corona früher als geplant. Schon bald geht dafür der neue Airport BER in Betrieb. Nach vierzehnjähriger Bauzeit.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Flugzeuge von Air Berlin heben in Tegel längst keine mehr ab: Die Airline ist insolvent. Mitte Juni ist dann für den gesamten Flughafen mit dem markanten Tower Schluss.

Flugzeuge von Air Berlin heben in Tegel längst keine mehr ab: Die Airline ist insolvent. Mitte Juni ist dann für den gesamten Flughafen mit dem markanten Tower Schluss.

Michael Sohn / AP

Es gibt in Europa wohl keinen Flughafen, der mit Berlin-Tegel vergleichbar wäre. Jedes Gate im Terminal A konnte, wenns eilig war, per Taxi direkt angesteuert werden. Lange Wege durch ein gigantisches Flughafengebäude, vorbei an Duty-Free-Shops, Kaffees und Schnellimbiss-Restaurants und Kleiderläden - Fehlanzeige. Rein ins Gebäude, Sicherheitskontrolle, warten auf das Boarding in einer engen Abflughalle. Eine Toilette, eine improvisierte Kaffee-Bar pro Gate. Das wars.

Der von den Berlinern gleichermassen geliebte wie verhasste Flughafen Tegel ist demnächst Geschichte. Mitte Juni soll der als Folge der sowjetischen Besatzung von West-Berlin 1948 erbaute und seit den 1960er Jahren für die zivile Luftfahrt genutzte Airport wegen des massiven Einbruchs bei den Passagierzahlen aufgrund der Coronapandemie vom Netz. Tegel soll ab 15. Juni zwar nur vorübergehend und für zwei Monate stillgelegt werden, doch die Wahrscheinlichkeit, dass der Airport seinen Betrieb wieder aufnehmen wird, tendiert gegen null.

Nummer vier hinter Frankfurt, München und Düsseldorf

Der innerstädtische Flughafen Tegel war im vergangenen Jahr mit 24 Millionen Fluggästen unter den deutschen Standorten die Nummer vier nach Frankfurt, München und Düsseldorf. Seit März ist der Flugverkehr praktisch zum Erliegen gekommen, im April starteten und landeten in Tegel 99 Prozent weniger Fluggäste als im April des letzten Jahres. Der Weiterbetrieb von Tegel kostet den Flughafenbetreiber Millionen.

Der reduzierte Flugbetrieb wird nun am Standort Schönefeld durchgeführt. Der ebenfalls massiv in die Jahre geratene, kleine Airport aus DDR-Zeiten soll schrittweise ebenfalls stillgelegt werden. Ende Oktober kann nach vierzehnjähriger Bauzeit endlich der Hauptstadtflughafen BER im südostlichen Teil der Stadt ans Netz gehen.

6 Milliarden statt der geplanten 2,5

Die Kosten beim BER, der eigentlich 2012 hätte eröffnet werden sollen, sind wegen Tausender Baumängel aus dem Ruder gelaufen. Statt der einst veranschlagten 2,5 Milliarden Euro wird der neue Flughafen mit mehr als 6 Milliarden Euro zu Buche schlagen.

Mit der Schliessung des nach dem deutschen Luftfahrtpionier Otto Lilienthal benannten Flughafens Tegel werden Hunderttausende von Berlinern von Fluglärm entlastet. Allerdings war Tegel wegen seiner kurzen Wege und der guten Erreichbarkeit bei den Berlinern durchaus beliebt. In einem Volksentscheid sprach sich 2017 eine Mehrheit für den Weiterbetrieb des Airports parallel zum neuen Hauptstadtflughafen BER aus. Allerdings war das Volksvotum nicht bindend.

Wie es mit dem alten Airport weiter geht

Vor allem die Berliner FDP sprach sich für einen Weiterbetrieb von Tegel aus. Auch der Bund sperrte sich lange gegen die Schliessung, da in Tegel das Regierungsterminal für An- und Abreise von Staatsgästen und der Bundesregierung angegliedert war. Dieses wird nun in Schönefeld errichtet.

Das teilweise unter Denkmalschutz gestellte Flughafengebäude mit dem markanten Tower soll nach der definitiven Schliessung umgenutzt werden. So soll in Tegel eine Hochschule einziehen, zudem sind Tausende von neuen Wohnungen und ein Naherholungsgebiet in Planung. Bereits 2008 schloss mit dem Flughafen Berlin Tempelhof ein anderer von einst drei internationalen Flughäfen im Stadtgebiet. In naher Zukunft soll es mit dem BER nur noch einen einzigen Flughafen für die Hauptstadt geben.

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