Geheimer Bericht statt Aufklärung

Nach dem US-Luftangriff auf eine Klinik der «Ärzte ohne Grenzen» in Afghanistan verstummt die Kritik nicht. Der amerikanische Bericht sei «ungenügend», eine internationale Untersuchung weiter nötig.

Walter Brehm
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3000 Seiten soll er umfassen, der Untersuchungsbericht der US-Armee, der klären und erklären soll, warum in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 30 Menschen in einem Spital der «Ärzte ohne Grenze» in der nordafghanischen Stadt Kunduz von amerikanischen Bomben getötet worden waren. 14 von ihnen waren Mitarbeiter der Hilfsorganisation.

Fragen nicht zugelassen

Von den 3000 Seiten hat das Pentagon jedoch nur über ausgewählte Teile informiert. Diese wurden von US-General John Campell in der afghanischen Hauptstadt Kabul der Presse vorgestellt. Campell ist der Oberbefehlshaber der internationalen Militärmission am Hindukusch. Was er zu sagen hatte, hinterliess mehr Fragen als Antworten: Die 30 Toten von Kunduz seien «das Ergebnis menschlichen Versagens». Demnach sei nicht das Spital das Ziel des Luftangriffs gewesen, sondern der Sitz des afghanischen Geheimdienstes in der Stadt, wo sich Taliban verschanzt haben sollen. «Es war ein tragischer und vermeidbarer Fehler», sagte Campell.

Fragen von Journalisten waren danach nicht zugelassen. Der General hatte seine Erklärung vom Blatt abgelesen und verliess danach die Medienorientierung.

Ungeklärte Widersprüche

Von Verantwortung hatte der höchste ausländische Nato-Kommandant in Afghanistan nicht gesprochen. Und mit «menschlichem Versagen» meinte er vor allem die Piloten der Kampfjets und allenfalls den Kommandanten seiner Spezialkräfte am Boden.

Campell sprach von «Müdigkeit seiner Männer nach schweren Gefechten», von «technischen Ausfällen» und «fehlerhaft arbeitenden Messgeräten» an Bord der Kampfflugzeuge. Der General erklärte, der Luftangriff habe 17 Minuten gedauert. Überlebende sprechen dagegen von etwa einer Stunde. Campell gab sogar zu – ohne es zu erklären –, dass anhaltende Hilferufe der «Ärzte ohne Grenzen» in der US-Kommandozentrale registriert worden waren.

Dort waren zudem die Koordinaten der Klinik der «Ärzte ohne Grenzen» bekannt. Ohne Namen oder Ränge zu nennen, sagte Campell, einige Militärs seien vom Dienst suspendiert worden.

Wer hat befohlen, wer geprüft?

Diese Mitteilung hätte wohl zur Frage geführt: Wer hat diesen Luftangriff angeordnet oder die dazu führenden Daten überprüft? Aber Fragen der Journalisten waren eben nicht zugelassen. So blieb auch ungeklärt, was an dem internen Untersuchungsbericht der US-Streitkräfte so geheim ist. Auch «Ärzte ohne Grenzen» sollen laut eigenen Angaben nicht einmal Teile des Berichts bekommen haben. Lediglich telefonisch sei die Organisation kurz vor der Medienorientierung in Kabul «über erste Ergebnisse» informiert worden. Sie fordert nun die Veröffentlichung des ganzen Berichts.

Eine Minimalforderung, bedenkt man, dass «Ärzte ohne Grenzen» und internationale Rechtsexperten zuvor eine unabhängige internationale Untersuchung des Luftangriffs auf die Klinik in Kabul gefordert hatten.

Kein Vertrauen ohne Aufklärung

Die Debatte über die Risiken und den Nutzen eines Luftkrieges wird derzeit nicht nur in Afghanistan geführt. Die Bombardements sowohl westlicher Staaten wie auch Russlands in Syrien und Irak sind Gegenstand von Kontroversen.

Umso störender ist die amerikanische Verweigerung der unabhängigen Untersuchung eines Vorfalls, der internationales Kriegsrecht verletzt. Dies dürfte kaum zum Vertrauen der vom Luftkrieg immer wieder betroffenen Zivilbevölkerung beitragen – weder in Afghanistan noch im Mittleren Osten.