Gefeiert – und dann vergessen

Der Mann, der Osama bin Laden erschossen hat, erzählt seine Geschichte – anonym. Er fürchtet um sein Leben, und er steht vor dem Nichts. Von der Regierung werden viele Helden der Nation im Stich gelassen.

Thomas Spang
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Angriff auf Bin Laden: Navy Seals im Film «Zero Dark Thirty». (Bild: ap/Columbia Pictures Industries, Jonathan Olley)

Angriff auf Bin Laden: Navy Seals im Film «Zero Dark Thirty». (Bild: ap/Columbia Pictures Industries, Jonathan Olley)

WASHINGTON. Wenige Stunden vor ihrem Einsatz erhalten die Elitesoldaten des Navy Seals Team 6 Gelegenheit, Abschiedsbriefe an ihre Lieben zu schreiben. Vermeintliche Routine in einem gefährlichen Job, der jeden Augenblick den Tod bringen kann. Dem «Schützen» fällt es diesmal aber besonders schwer. So nennt der Reporter Phil Brownstein in seinem Bericht für das Magazin «Esquire» jenen unbekannten Mann, der den meistgesuchten Terroristen der Welt während einer geheimen Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad ausgeschaltet hat.

«Es wird Zeit, ihn zu killen»

Tränen tropfen auf den Brief, den das Seals-Kommando seiner Frau und Mutter zweier Kinder aushändigen wird, falls er den Einsatz nicht überlebt. «Entweder tot oder ein pakistanischer Knast» – dies sei ihm durch den Kopf geschossen, erzählt der «Schütze». Die Gefühle für seine Familie waren stärker als die Angst vor dem Einsatz. Schliesslich war alles wie schon so oft zuvor, als er während seiner zwölf Kampfeinsätze für die Elitetruppe Häuser stürmte. Auch hatte er schon mehr als dreissig Menschen getötet.

Der «Schütze» wusste, um wen es diesmal ging. Die im Oscar-nominierten Film «Zero Ground Thirty» verewigte CIA-Analystin «Maya», die Osama bin Laden im Landhaus nahe einer pakistanischen Kaserne in Abbottabad ausgemacht hatte, schärfte Team 6 vor der Aktion ein, direkt auf die dritte Etage zu gehen. Er sei hundertprozentig dort in seinem Schlafzimmer anzutreffen. «Wir dachten, yeah, es wird Zeit, diesen Motherfucker zu killen.»

Der Flug im Black-Hawk-Helikopter dauerte in der Erinnerung des «Schützen» eine halbe Ewigkeit. «Länger als sonst.» Sein grösstes Problem war aber: Er brauchte dringend eine Toilette. Statt sich in die Spezialhose zu machen, mit der die Spezialtruppen ausgerüstet sind, erleichterte er sich in seine Wasserflasche.

Von Bush-Zitat motiviert

Die Nervosität wich nach der Landung einer während 14 Jahren antrainierten Professionalität. Team 6 hatte den Sturm des Verstecks tagelang auf geheimen Übungsplätzen des CIA in North Carolina und Nevada geprobt. Dass der Präsident Obama und seine sicherheitspolitischen Berater das Geschehen vom anderen Ende der Welt aus verfolgten, kümmerte den «Schützen» nicht.

Ihn motivierte ein Zitat George W. Bushs vom 11. September, dem Tag der Terrorattacken auf New York und Washington, das er sich wie ein Mantra leise aufsagte. «Die Freiheit selbst war an diesem Morgen von einem gesichtslosen Feigling angegriffen worden und die Freiheit wird verteidigt werden.» Wenige Minuten später stand er Osama bin Laden von Angesicht zu Angesicht gegenüber. «Ich dachte, wie dürr und wie gross er ist und wie kurz sein Bart, alles auf einmal. Er trug eine dieser weissen Mützen.» Bin Laden schob seine jüngste Frau Amal vor – wie ein Schutzschild. Auf dem Regal lag griffbereit eine AK-47 mit kurzem Lauf. «In der Sekunde erschoss ich ihn, zweimal in die Stirn. Bap! Bap! Beim zweitenmal brach er zusammen... Ich traf ihn noch mal, bap! Er war tot... Seine Stirn sah fürchterlich aus. Sie war wie ein V aufgeplatzt.»

Alles verloren

In diesem Moment habe er nicht gewusst, ob es das Beste war, was er je gemacht habe, oder das Schlechteste. Jedenfalls hat es das Leben des «Schützen» nachhaltig verändert. Doch nicht so, wie der Heldenkult es vermuten liess. Statt vom 25-Millionen-Kopfgeld, das auf Bin Laden ausgesetzt war, zu erhalten, steht der Mann, der ihn zur Strecke brachte, vor dem Nichts. Weil er nicht mehr konnte, quittierte er nach 16 Jahren seinen Job und verlor damit seine Pensions- und Krankenversicherungsansprüche. Die Ehe brach auseinander; seinen Kindern hat er verboten, den Namen Bin Laden auch nur in den Mund zu nehmen. Auf dem Tiefpunkt findet ihn seine Frau mit einer Dose Schlaftabletten und einer Pistole.

Das Schicksal vieler Helden

Von der Regierung fühlt sich der «Schütze» im Stich gelassen. Ein Seal-Kommandant sagte ihm, falls sein Name bekannt würde, könne er ihm vielleicht zu einer neuen Identität als Bierfahrer in Milwaukee verhelfen. «Du musst dann alle Kontakte zu deiner weiteren Familie abbrechen. Das ist, wie wenn du die Mafia verpfeifst.»

Phil Brownstein berichtet, die Erfahrung des «Schützen» sei kein Einzelfall, sondern das Schicksal vieler Helden der Nation. So erging es auch der CIA-Agentin, die Bin Laden entdeckte. Der «Schütze» aber zollte «Maya» Anerkennung. Als sie dessen Leichnam vor Team 6 identifizierte, weinte sie. «Da nahm ich mein Magazin aus meinem Gewehr und gab es ihr als ein Andenken.» Es waren noch 27 Kugeln drin. «Ich hoffe, du hast in deinem Rucksack noch ein wenig Platz dafür.»