Terror in Brüssel

Gefährliche Gemeinsamkeiten? Was Belgien und die Schweiz unterscheidet

Ein ins Kraut geschossener Föderalismus und fehlende Integration. Belgien ist nicht mit der Schweiz vergleichbar.

Jonas Schmid und Susanne Huber
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Am Mittwochabend versammelten sich Hunderte am Börsenplatz in Brüsse, um der Terroropfer zu gedenken.
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Trauer um die Opfer der Terroranschläge von Brüssel
Trauer um die Opfer der Terroranschläge von Brüssel
Trauer um die Opfer der Terroranschläge von Brüssel
Trauer um die Opfer der Terroranschläge von Brüssel
Trauer um die Opfer der Terroranschläge von Brüssel
Trauer um die Opfer der Terroranschläge von Brüssel

Am Mittwochabend versammelten sich Hunderte am Börsenplatz in Brüsse, um der Terroropfer zu gedenken.

Keystone

Die Terroranschläge trafen Belgien nicht unvorbereitet. Die Terroralarmstufe war erhöht seit der Verhaftung von Salah Abdeslam am vergangenen Freitag. Die Behörden kannten die Gefahr eines Anschlages und warnten entsprechend. Seit den Attentaten in Paris, die auch von Brüssel aus geplant wurden, wappnete man sich verstärkt gegen die islamistischen Terroristen. Zeitweise stand ganz Brüssel still. Und konnte die beiden Anschläge schliesslich doch nicht verhindern.

Schnell wurde der Vorwurf laut, die Sicherheitsbehörden hätten versagt. Die Ursachen dafür waren ebenso rasch gefunden: Zu viele Behörden und Institutionen, die Kompetenzen sind auf zu viele Ebenen verteilt. Allein in Brüssel mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern gibt es sechs Polizeidistrikte, die 19 Bürgermeistern unterstehen. Da sind Kommunikationspannen vorprogrammiert, so die Vermutung. Und keiner fühlt sich für Probleme zuständig.

Dieser Wirrwarr ist ein Produkt des belgischen Föderalismus. Das Land zerfällt in zwei grosse Teile, das französischsprachige Wallonien im Süden und das flämischsprachige Flandern im Norden. Daneben gibt es auch ein kleineres Gebiet, in dem Deutsch gesprochen wird. Eine Situation nicht unähnlich derjenigen in der Schweiz. Doch im Unterschied zur Schweiz stiften in Belgien die politischen Strukturen keinen Ausgleich zwischen den Regionen. Vielmehr manifestieren sich in ihnen die lokalen Partikulärinteressen. Es fehlen nationale Parteien, die wallonische Bürger ebenso vertreten würden wie flämische. Und es fehlt am Miteinander der belgischen Politiker. Die politischen Grabenkämpfe haben in den letzten Jahren den Zentralstaat geschwächt und erst zur Ausbildung der föderalistischen Strukturen geführt. Belgien ist erst seit 1993 ein Bundesstaat mit drei Regionalparlamenten. Die Schweiz bezeichnet sich gerne als Willensnation. In Belgien fehlt der Wille zur Zusammenarbeit. Jede Sprachgemeinschaft schickt ihre Vertreter in die Regierung. Total gibt es deshalb 17 Ministerien, die teils den Regionen zugeordnet sind.

Belgien ist berüchtigt für sein Labyrinth an Institutionen, Zuständigkeiten sind oft ungeregelt. Diese Zersplitterung der Kompetenzen wirkt sich auch auf die Sicherheitsbehörden aus.

Eine Terroristenhochburg

Das belgische Terrorproblem besteht nicht erst seit kurzem. In keinem anderen europäischen Land geraten proportional zur Bevölkerung so viele junge Leute in die Fänge des Dschihads. Laut dem belgischen Innenministerium sind rund 440 Personen nach Syrien gereist. Viele sind zurückgekehrt, auch nach Brüssel. In den letzten zwei Jahren sind mindestens sieben weitere Attentate in Belgien verübt oder von dort aus geplant worden. So hatte ein Attentäter, der im Januar 2015 einen Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt in Paris verübte, sich Waffen und Munition in Brüssel beschafft. Im Februar 2015 liess die belgische Polizei ein ganzes Netzwerk von aus Syrien zurückgekehrten Terroristen auffliegen. Aber einige gingen ihnen durch die Lappen. Darunter auch Abdelhamid Abaaoud, der als Drahtzieher der Pariser Attentate gilt. Schon früher hielten sich islamistische Terroristen in Belgien auf. Bereits nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde in einem Brüsseler Vorort ein Terrorist gefasst, der einen Angriff auf einen Nato-Stützpunkt geplant hatte.

Isolierte Quartiere statt Einheit

Die Hauptstadt ist eigentlich ein multikulturelles Dorf. Die Viertel liegen nahe beieinander. Doch statt eine Symbiose zu bilden, entpuppen sie sich als ethnisch abgetrennte Einzelteile. Da ist das Europaviertel, in dem sich die europäischen Beamten tummeln. Dresscode: weisses Hemd, blaue Krawatte und massgeschneiderter Anzug. Nach Feierabend geht es in den umliegenden Kneipen erst hoch zu und her, dann entleert sich die Gegend rasch. Nur eine Strasse hinter dem Europäischen Parlament beginnt das kongolesische Quartier von Port de Namur. Das soziale Leben spielt sich hier nicht in Kneipen, sondern in Coiffure-Salons und Läden ab, in denen allerlei exotisches Gemüse und Früchte feilgeboten werden. Die Brüsseler Innenstadt mit den Wahrzeichen Grande Place und Manneken Pis wiederum befindet sich ganz in den Händen der Touristen. Von der Grande Place aus führt ein zehnminütiger Marsch über den grossen Kanal nach Molenbeek.

Der Stadtteil, der seit den Pariser Anschlägen im medialen Rampenlicht steht, geniesst bei Belgiern schon seit je einen zweifelhaften Ruf. Knapp 100 000 Einwohner, geschätzte 39 Prozent muslimischen Glaubens, leben hier. In gewissen Strassenzügen wähnt sich der Besucher in Marrakesch. Geschäfte mit islamischer Mode wechseln sich ab mit Läden, die keinen Alkohol, dafür Fleisch anbieten, das den religiösen Vorschriften entsprechend «halal» zu sein hat. Die Arbeitslosenquote liegt bei über 30 Prozent. Während Jahren zog sich der Staat immer weiter zurück. Gewisse Kreise radikalisierten sich. Geschichten von selbst ernannten muslimischen Sittenwächtern machten die Runde. Der ideale Nährboden für den Terror. Erst jüngst wurden sich die Stadtbehörden des Problems bewusst: Sie liessen entlang des Kanals schicke Lofts, eine Polizeistation und grosszügige Pärke errichten.

Zu spät: Längst haben sich gut vernetzte Islamisten im Quartier eingenistet – mit den heute bekannten Folgen.

Der Terroranschlag am Flughafen Brüssel. Die mutmasslichen Attentäter von Brüssel wurden von einer Kamera am Flughafen aufgenommen.
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Der dritte Flughafen-Attentäter: Die Behörden veröffentlichten dieses Standbild einer Überwachungskamera im Brüsseler Flughafen.
Dieser belgische IS-Kämpfer kündigt in einem Video weitere Anschläge. an.
Vermummte störten am Ostersonntag die Trauerfeier in Brüssel
Das Atomkraftwerk in Doel (Belgien)
Bei einem Polizeieinsatz am Karfreitag im Brüsseler Schaerbeek-Quartier nehmen Polizisten einen angeschossenen Verdächtigen fest
Ibrahim El Bakraoui wurde im Juni in der Türkei verhaftet. Trotzdem konnte er in Brüssel Terror sähen.
Nothelfer beobachten am Karfreitag eine Schweigeminute für die beim Anschlag getöteten Menschen. Place de la Bourse in Brüssel.
Nothelfer beobachten am Karfreitag eine Schweigeminute für die beim Anschlag getöteten Menschen. Place de la Bourse in Brüssel.
Nothelfer beobachten am Karfreitag eine Schweigeminute für die beim Anschlag getöteten Menschen. Place de la Bourse in Brüssel.
Nothelfer beobachten am Karfreitag eine Schweigeminute für die beim Anschlag getöteten Menschen. Place de la Bourse in Brüssel.
Bombenräumexperten
In der Nacht auf Karfreitag nimmt die Polizei in und bei Brüssel sechs Personen fest. Es besteht laut Angaben der Staatsanwaltschaft ein Zusammenhang mit den Terroranschlägen vom Montag.
Das Leuven-Spital präsentiert Metallsplitter, die aus den Körpern der Opfer entfernt wurden: Schrauben, Muttern, Metallplatten.
König Philippe und Königin Mathile lassen sich im Spital Leuven Bombensplitter zeigen und bedanken sich bei den Ärzten.
Das Leuven-Spital präsentiert Metallsplitter, die aus den Körpern der Opfer entfernt wurden: Schrauben, Muttern, Metallplatten.
Das Leuven-Spital präsentiert Metallsplitter, die aus den Körpern der Opfer entfernt wurden: Schrauben, Muttern, Metallplatten.
Das Leuven-Spital präsentiert Metallsplitter, die aus den Körpern der Opfer entfernt wurden: Schrauben, Muttern, Metallplatten.
Das Leuven-Spital präsentiert Metallsplitter, die aus den Körpern der Opfer entfernt wurden: Schrauben, Muttern, Metallplatten.
Menschen ehren die Opfer an der Station Maelbeek in Brüssel.
Anteilnahme auf der Place de la Bourse im Zentrum von Brüssel.
Ein Paar küsst sich vor einer belgischen Flagge auf der steht: Homage an die Opfer vom 22. März.
Das Phantombild zeigt den zweiten mutmasslichen Attentäter aus der Brüsseler Metrostation.
Khalid El Bakraoui sprengte sich in der U-Bahn in die Luft.
Der dritte Täter vom Flughafen Brüssel: Najim Laachraoui
Die Attentäter und Brüder Khalid und Ibrahim El Bakraoui.
Dieses Röntgenbild vom Brüsseler Krankenhaus, wo einige Verletzte behandelt wurden, zeigt einen Nagel im Brustkorb.
Menschen kommen am Dienstagabend am Platz vor der Börse im Zentrum von Brüssel zusammen und gedenken der Opfer.
Dieses Bild der indischen Stewardess Nidhi Chaphekar geht um die Welt. Sie wurde beim Terroranschlag im Brüsseler Flughafen verletzt.
Dieses Bild zeigt: Die Anschläge von Brüssel lösen auch im Flüchtlingslager in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze Emotionen aus.
Menschen kommen am Dienstagabend am Platz vor der Börse im Zentrum von Brüssel zusammen und gedenken der Opfer.
Belgiens König Philippe hat sich in einer kurzen Ansprache an die Nation gewandt. «Feige und widerlich» hat er die Anschläge genannt und sie verurteilt.
Sicherheitskräfte im Zentrum von Brüssel.
Am Flughafen von Brüssel hat es am Dienstagmorgen zwei Explosionen gegeben.
Augenblicke nach der Explosion im Flughafenterminal
Das Flughafengebäude nach den Explosionen
Geborstene Scheiben nach dem Anschlag auf den belgischen Flughafen Zaventem bei Brüssel.
Szene aus der Abflughalle im Brüsseler Flughafen nach den Explosionen. Am Boden liegen mehrere Tote.
Hier schlugen die Attentäter zu
Nach dem Anschlag auf den Flughafen Zaventem: Menschenmassen vor dem Flughafengebäude.
Ein belgischer Polizist überwacht die Evakuierung des Flughafens
Das Haupt-Terminal nach den Explosionen.
Menschenmassen vor dem Brüsseler Flughafen: Passagiere und Mitarbeiter wurden aus dem Gebäude evakuiert.
Evakuierte Passagiere vor dem Flughafen Brüssel.
Mitarbeiter reagieren auf die Anschläge am Brüsseler Flughafen Zaventem.
Nach Explosionen in Brüssel: Mitarbeiter und Passagiere werden evakuiert.
Evakuiert: Flugbegleiterinnen vor dem belgischen Flughafen Zaventem bei Brüssel
Evakuierte Flugbegleiter und Passagiere vor dem Flughafen in Brüssel.
Abflug-Terminal Flughafen Brüssel: Hier sind die Bomben explodiert.
Passagiere werden aus der Brüsseler U-Bahn evakuiert.
Rauch steigt auf ausserhalb der U-Bahnstation Maelbeek in Brüssel.
Diese TV-Standbild zeigt Rettungskräfte und Opfer des Anschlags auf die U-Bahn in Brüssel.
Ein TV-Standbild zeigt, wie sich Einsatzkräfte um ein Opfer des Anschlags auf die Brüsseler U-Bahnstation Maelbeek kümmern.
Rettungskräfte kümmern sich um eine verletzte Frau vor einer U-Bahnstation in Brüssel.
Vermummte belgische Polizisten vor dem Garre dü Midi in Brüssel
Ein Wagen der belgischen Armee in Brüssel.
Rettungskräfte in der Rue de la Loi.
Die italienische EU-Abgeordnete Federica Mogherini bricht bei einer Medienkonferenz in Jordanien in Tränen aus.
Der französische Innenminister Bernard Cazaneuve spricht vor den Medien
Krisentreffen in Frankreichs Elysée-Palast in Paris: Aussenminister Jean-Marc Ayrault (l.) und Wirtschaftsminister Emmanuel Macron.
Der französische Premierminister Manuel Valls trifft zum Krisentreffen mit Präsident Hollande im Elysée-Palast in Paris ein.

Der Terroranschlag am Flughafen Brüssel. Die mutmasslichen Attentäter von Brüssel wurden von einer Kamera am Flughafen aufgenommen.

Zur Verfügung gestellt

Vorteil Schweiz

Gewiss, die Schweiz hat keine so grosse Stadt, in der sich Gettos bilden wie in Molenbeek. Hierzulande ist keine Gegend bekannt, in der ausländische Clans den Tarif durchgeben. Die Schweiz hat bei der Integration vieles richtig gemacht. Allen voran die Schulen betreiben einen immensen Aufwand, um Einwanderer rasch zu integrieren. Sie sorgen dafür, dass Migranten einer Landessprache mächtig sind.

Der wichtigste Integrationsfaktor aber bleibt der Arbeitsmarkt: Das duale Berufsbildungssystem erweist sich als Vorteil, um Migranten rasch in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Es erweist sich als so durchlässig, dass bei entsprechenden Bemühungen jeder eine Chance auf einen Job bekommt. Sich auf diesen Erfolgen auszuruhen, ist aber keine Option. Integration bleibt ein fortwährender Prozess. Hierzulande werden geringqualifizierte Arbeitsstellen ins Ausland verlagert oder fallen der Automatisierung zum Opfer, die Mietpreise in den Zentren steigen. Das alles ist das Gift für die Integration der Neuankommenden, die in der Schweiz ihre Chance suchen.