Gefährliche Eskalation in Syrien

Trotz Warnungen der USA interveniert die türkische Armee mit Artillerie im syrischen Bürgerkrieg, in den nun auch die saudische Luftwaffe eingreifen will. Die Lage wird dadurch immer unübersichtlicher und bedrohlicher.

Michael Wrase
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ALEPPO. Um den syrischen Luftwaffenstützpunkt Minagh tobten die schwersten Schlachten des syrischen Bürgerkrieges. Die etwa 14 Kilometer südlich der türkisch-syrischen Grenze gelegene Basis wurde bis zum August 2013 von der Armee von Präsident Bashar al-Assad gehalten und dann von tschetschenischen Kämpfern des Al-Qaida-Ablegers Nusra-Front erobert. Vergangenen Donnerstag gelang es den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) mit Unterstützung der russischen Luftwaffe, die Jihadisten aus Minagh zu vertreiben.

Türkisches Bombardement

Es war ein «strategisch wichtiger Sieg im Kampf gegen den Terrorismus», jubelten die syrischen Kurden, die zwei Tage später von der türkischen Regierung ultimativ aufgefordert wurden, den Stützpunkt zu räumen. Kurz darauf nahmen türkische Panzerhaubitzen die Basis Minagh und andere kurdische Stellungen südlich der Grenze mehrere Stunden lang unter Feuer. Die Geschütze haben eine Reichweite von rund 40 Kilometern. Ihr Einsatz ist daher auch von türkischem Territorium aus möglich.

Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass sich die Türkei trotz Warnungen der USA entschlossen hat, im syrischen Bürgerkrieg direkt zu intervenieren. Ankara betrachtet die mit der türkischen PKK liierten syrischen Kurden als Bedrohung für die nationale Sicherheit. Für die USA sind sie jedoch der verlässlichste und gleichzeitig schlagkräftigste Partner auf dem Boden im Kampf gegen die Milizen des «Islamischen Staats» (IS). Eine vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mehrfach geforderte Entscheidung «zwischen uns und dem Terror» lehnt Washington ab.

Folgt eine Bodenoffensive?

Welche Konsequenzen die – rein formal – völkerrechtswidrige Intervention der Türkei in Syrien haben wird, ist noch nicht absehbar. Falls dem Artilleriebombardement vom Wochenende keine weiteren militärischen Schritte folgen, könnte sich die Lage wieder etwas beruhigen. Im Falle einer vom türkischen Aussenminister Mevlüt Cavusoglu angedrohten Bodenoffensive im Norden von Aleppo ist mit massiven Reaktionen der russischen Luftwaffe und der syrischen Armee zu rechnen.

Diese setzte auch am Wochenende ihren Vormarsch im Norden von Aleppo fort; aus dem Gebiet sind schon Tausende Menschen geflohen. Ziel der Truppen ist nach den Worten von Bashar al-Assad die militärische Rückeroberung von ganz Syrien, was die meisten Experten für unmöglich halten. Mit Hilfe der russischen Luftwaffe könnten Assads Truppen die Rebellen aber aus allen strategisch wichtigen Regionen des Landes vertreiben und damit mittelfristig das Überleben des Regimes sichern. Ein solches Szenario, das sich gegenwärtig abzeichnet, wollen nicht nur die Türkei, sondern auch Saudi-Arabien sowie die meisten arabischen Golfstaaten verhindern.

Saudische Kampfjets verlegt

Die Saudi-Regierung verlegte am Wochenende zwanzig F-15-Kampfflugzeuge auf den südtürkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik. «Offiziell» sollen die Jets die Bombenkampagne der Alliierten gegen den «Islamischen Staat» unterstützen. Angeblich gut informierte saudische Kreise haben arabischen Journalisten aber bereits zu verstehen gegeben, dass auch «andere Ziele» angegriffen werden könnten. Schliesslich würden die Russen genauso handeln. Allerdings sitzt Moskau in Syrien am weitaus längeren Hebel. Nach der Installierung des hochmodernen S-400-Luftabwehrsystems bei Latakia wagt es die Türkei nicht mehr, die eigene Luftwaffe im Grenzgebiet einzusetzen. Ob sich saudische Kampfjets dem Risiko eines Abschusses aussetzen werden, ist fraglich.

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