Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Geeint kämpfen, getrennt erinnern

1956 sah den ersten grossen Aufstand gegen die Vorherrschaft der Sowjetunion über Osteuropa. Ungarn gedachte gestern des 60. Jahrestages seiner «Oktoberrevolution», ohne westliche Prominenz.
Rudolf Gruber/Wien
Ehrengarde unter den Augen von Ungarns Präsident Áder, flankiert von Premier Orbán (l.) und Parlamentspräsident Kövér. (Bild: Noemi Bruzak/EPA)

Ehrengarde unter den Augen von Ungarns Präsident Áder, flankiert von Premier Orbán (l.) und Parlamentspräsident Kövér. (Bild: Noemi Bruzak/EPA)

Zweimal haben die Ungarn den Aufstand gegen die kommunistische Diktatur geprobt: 1956 gewaltsam und vergeblich, 1989 friedlich und erfolgreich. In beiden Fällen zeigte sich die Nation geeint, stark und entschlossen. Doch ein dauerhaft nationaler Konsens ist bis heute ein Traum geblieben, politische Gegensätze werden auf der Strasse oder in den Medien ausgetragen. Der rechtspopulistische Premier Viktor Orbán, der seit sechs Jahren regiert, hat das Land tiefer gespalten denn je.

Kommt in absehbarer Zeit der dritte Aufstand? Orbáns autokratischer Staat grenzt gut die Hälfte der Bevölkerung aus, die Unzufriedenheit wächst beständig. Nur seine Wähler gelten als «gute Ungarn», wie er einmal sagte; der Rest wird zu Staatsfeinden erklärt. Nur seine Partei Fidesz ist seiner Ansicht nach würdig zu regieren; Linke und Liberale stünden im Dienst feindlicher Mächte, etwa internationaler Konzerne und der EU, für Orbán das «neue Moskau». Seinen Kampf gegen Brüssel sieht er in einer Linie mit dem Aufstand von 1956: «Die Ungarn sind eine Nation der Freiheitskämpfer», sagte er im Vorfeld der Feiern. Orbán kennt keine Skrupel, diesen wichtigen Gedenktag für seine machtpolitischen Interessen zu missbrauchen. Noch sind seine politischen Gegner zersplittert, es fehlt die charismatische Führungsfigur. Es wäre eine Ironie der Geschichte, würde Orbán, der als junger Antikommunist einer der Anführer der demokratischen Revolution von 1989 war, durch eine solche selbst gestürzt.

Die gemeinsame Basis fehlte auch für die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution. Orbáns Hofstaat zelebrierte den Staatsakt gestern unter sich, ein Polizeikordon schirmte das Parlament ab. Als Ehrengast lud der Premier den geistesverwandten polnischen Präsidenten Andrzej Duda ein; hochrangige westliche Vertreter liessen sich in Budapest nicht blicken. Die Regierung rechtfertigte den Ausschluss der Öffentlichkeit mit «erhöhter Terrorgefahr» durch Islamisten, fürchtete aber die Konfrontation mit dem gegnerischen Lager. Linksopposition und Bürgerinitiativen hatten zu Demonstrationen im ganzen Land aufgerufen. «Pfeifen wir Orbán aus, damit er sich der Realität stellen muss», forderte Oppositionspolitiker Péter Juhász.

Freiheitskampf im Blut

Dabei könnte 1956 für Orbán und seiner Art von Einparteienstaat eine Lehre sein. Was damals mit Studentenprotesten begonnen hatte, schwoll innert weniger Tage zu einer breiten Bürgerbewegung an, die der sowjetischen Übermacht den Krieg erklärte: Ab 23. Oktober kämpften mit den Studenten und Intellektuellen auch Arbeiter, Angestellte, darunter viele Frauen und Jugendliche, für Freiheit und Demokratie. Auch die Reformkommunisten und Tausende Soldaten schlossen sich an. Zu keimen begonnen hatte der Aufstand schon Jahre zuvor. 1953 starb der sowjetische Diktator Josef Stalin, sein Nachfolger Nikita Chruschtschow rechnete im Februar 1956 mit seiner Ära ab und leitete eine Tauwetterperiode ein. Im Juni darauf kam es in Budapest zu solidarischen Protesten mit Aufständischen in Polen. «Ruszkik haza!» (Russen nach Hause!), johlte die Menge, holte Stalin vom Denkmalsockel und schleifte den gigantischen Bronzeschädel mit einem Traktor über das Pflaster bis vor das Parlament. Ein stärkeres Symbol für den Sturz eines Systems hätte es im ganzen kommunistischen Ostblock nicht geben können. Doch es blieb eine schöne Illusion, die sich erst 33 Jahre später erfüllen, aber den Ungarn erst einmal einen hohen Preis abverlangen sollte. Als die Regierung des Reformkommunisten Imre Nagy am 1. November beschloss, Ungarn werde aus dem Warschauer Pakt, dem Militärbündnis Osteuropas, austreten, schrillten in Moskau die Alarmglocken. Der Kreml statuierte an den Ungarn ein Exempel und schlug den Aufstand mit 2600 Panzern und 100 000 im Land stationierten Rotarmisten nieder. Nach 13 Tagen lag der Freiheitskampf im Blut, Premier Nagy wurde von den Sowjets nach einem Schauprozess hingerichtet. Ihm folgte der intrigante, moskautreue Apparatschik János Kádár als neuer Parteichef, der mit seinem gemässigten «Gulaschkommunismus» das Land befriedete und 30 Jahre lang regierte. Kádár, der Verräter der Revolution, starb kurz vor der Wende im Juli 1989. Nagy, die tragische Symbolfigur der Revolution, wurde im gleichen Jahr rehabilitiert und zum Freiheitshelden geadelt. Initiator dieser Geste war ein gewisser Viktor Orbán.

Die Wut über die Untätigkeit des Westens ist in Ungarn bis heute nicht abgeklungen. Der US-Sender «Radio Free Europe» hatte Hoffnung auf militärischen Beistand gemacht, der freilich nie kam. Den Nato-Staaten, allen voran den USA, war die Aufrechterhaltung der Friedensordnung wichtiger als der Freiheitskampf eines einzelnen, kleinen Volkes.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.