Geburt eines neuen Staates in Afrika

Nach 20 Jahren Krieg gegen die Zentralregierung im Norden feiert Südsudan heute seine Unabhängigkeit. Erdöl, sein einziger Reichtum, ist auch ein früher Fluch für den neuen Staat. Die beidseitige Abhängigkeit vom «Schwarzen Gold» macht die Nachbarschaft zum Norden konfliktträchtig.

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Überschäumende Freude in Juba. Doch die Probleme im Aufbau des neuen Staates Südsudan und mit dem Nachbarn im Norden könnten die Menschen schnell einholen. (Bild: ap/Pete Muller)

Überschäumende Freude in Juba. Doch die Probleme im Aufbau des neuen Staates Südsudan und mit dem Nachbarn im Norden könnten die Menschen schnell einholen. (Bild: ap/Pete Muller)

Im Zentrum von Juba, der jüngsten Hauptstadt der Welt, steht die grosse Ehrentribüne für die vielen Staatsgäste, die zu den Unabhängigkeitsfeiern geladen sind. In Sichtweite der Ehrenplätze, gleich neben dem Denkmal für John Garang, die grosse Uhr, die über Monate die Tage und Stunden bis zur Unabhägigkeit heruntergezählt hatte. Garang war der Vorkämpfer für die Unabhängigkeit Südsudans und 2005 bei einem Helikopterabsturz ums Leben gekommen.

Zwei Millionen Kriegsopfer

Heute wird Südsudan zum 54. Staat Afrikas proklamiert – und löst sich offiziell vom sudanesischen Norden und der Regierung in Khartum. Im Zentrum der Stadt steht, neben dem Denkmal von John Garang, die grosse Ehrentribüne für die vielen Staatsgäste der Unabhängigkeitsfeiern.

Mehr als 95 Prozent der vier Millionen wahlberechtigten Südsudanesen hatten zu Jahresbeginn in einer Volksabstimmung für die Unabhängigkeit der ölreichen, aber ansonsten bitterarmen Region votiert. Der Urnengang war Teil eines 2005 zwischen dem islamischen Norden und dem christlichen Süden geschlossenen Friedensabkommens, das einen mehr als 20 Jahre langen Bürgerkrieg beendete. Insgesamt waren in diesem Krieg über zwei Millionen Menschen gestorben.

Boom-Town mit Sorgen

Nun hat sich Juba feingemacht. 2005 war es noch einer der unwirtlichsten Orte der Welt und kaum mehr als eine Ansammlung von Lehmhütten und Schotterpisten. Im gesamten Südsudan gab es damals ganze vier Kilometer geteerte Strasse – in einem Gebiet von der doppelten Grösse Deutschlands.

Kaum eine andere Stadt ist in Afrika in den letzten fünf Jahren so rasant gewachsen wie die neue Hauptstadt des 196. Staates der Welt. Wo einst Gewitterregen die Sandpisten in riesige Seenlandschaften verwandelten, gibt es heute zumindest ein paar geteerte Strassen – die grösste führt am Präsidentenpalast vorbei, einem frisch renovierten Kolonialgebäude. Seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags ist die nahe der Grenze zu Uganda und Kenia gelegene neue Hauptstadt nicht wiederzuerkennen.

Mit dem Aufschwung kommen allerdings auch viele neue Probleme. In der ganzen Region hat es zuletzt nur eine einzige grössere Privatinvestition gegeben: Der südafrikanische Bierkonzern SAB Miller hat vor zwei Jahren etwa 45 Millionen US-Dollar in eine neue Brauerei gesteckt, die für die Bierherstellung mehr Strom erzeugt als ganz Juba für seine 750 000 Menschen. Aber die meisten Einwohner leben trotz des vom Ölreichtum geschürten Baubooms noch immer in traditionellen Lehmhütten mit Strohdach. Hochhäuser gibt es keine.

Ein neuer, härterer Kampf

Mit der Unabhängigkeit des neuen Staates kämpfen die einstigen Rebellen der SPLM nun auch nicht mehr gegen das arabische Regime im Norden – sondern gegen die Löcher in den Strassen und den eklatanten Mangel an Strom und Wasser. Es ist ein ungleich schwierigerer Kampf: Wie so oft in Afrika endet der «Neue Sudan», den seine Politiker den Menschen versprochen haben, gleich hinter dem modernen Regierungsviertel im Herzen der Stadt.

Fast alles Geld ist in den Aufbau der Hauptstadt geflossen – der Rest des Landes ist darob vergessen worden. Die vielen Hilfsorganisationen aus aller Welt klagen über das Schneckentempo der neuen Regierung. Einen echten Anreiz zur Eile haben die neuen Machthaber aber auch nicht.

Die Hilfe aus dem Ausland scheint für den Süden so sicher einzutreffen wie die Regenzeit. Fast 20 Jahre lang haben die Vereinten Nationen Südsudan während des Bürgerkriegs durchgefüttert – eine Gegend, die zu den fruchtbarsten in Afrika zählt.

Streit um die Ölgewinne

Doch die Landwirtschaft scheint den früheren Rebellen nicht am Herzen zu liegen. Immerhin hat der Süden in den vergangenen fünf Jahren etwa sechs Milliarden US-Dollar vom Norden aus den zur Hälfte geteilten Öleinnahmen erhalten. Obwohl 80 Prozent der gesamtsudanesischen Ölvorkommen im neuen Staat liegen, wurden die Einnahmen bisher 50 zu 50 geteilt, weil die Pipelines alle durch den Norden laufen – in die Hafenstadt Port Sudan.

Nun gibt es heftigen Streit über den künftigen Verteilungsschlüssel der Ölgewinne, die sowohl für den Norden wie den Süden überlebenswichtig sind. Schon weil Khartum immer wieder mit der Sperrung der Leitungen droht, will der Süden so schnell wie möglich eine neue Leitung an die Küste Kenias bauen. Doch das wird Jahre dauern – und sehr viel Geld kosten.

Schon jetzt droht der Ölreichtum aber auch im Süden die Sitten zu verderben – die Korruption steigt. Eignung und Erfahrung spielen bei der Postenvergabe kaum eine Rolle. Einziges Einstellungskriterium in der Verwaltung ist oft die familiäre Bande zu einem der Führer der regierenden Befreiungsbewegung SPLM. Auch versucht die Volksgruppe der Dinka, die grösste von fast 500 im neuen Staat, sich die lukrativsten Posten im Staatssektor zu sichern. Und schliesslich fehlen die benötigten Fachkräfte. Das einzige Handwerk, das viele Südsudanesen erlernt haben, ist der bewaffnete Kampf.

John Garangs Mahnung

Genau davor hatte John Garang gewarnt. «Jedes Wort des Friedensvertrags mit dem Norden muss in die Tat umgesetzt werden», steht auf einer Betonplatte an seinem Grab. Garang wusste, dass Hass auf den Norden nicht reichen wird, um die vielen Völker des Südens zu vereinen. Sie müssen zeigen, dass sie nicht nur kämpfen, sondern auch bauen können.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt