Geboren am Tag der Katastrophe

Der 11. März 2011 veränderte ihr Leben: Menschen in Japan erzählen, wie sie um Angehörige trauern und welche Hoffnungen sie für die Zukunft haben. Von Angela Köhler

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Geboren am 11. März 2011: Shion mit seiner Mutter Chihiro Naganuma. (Bild: ap/Kyodo)

Geboren am 11. März 2011: Shion mit seiner Mutter Chihiro Naganuma. (Bild: ap/Kyodo)

Sie sagt, er wirke wie ein Samurai. Schon im zarten Alter von zwölf Monaten. Stolz, mutig, ruhig und irgendwie überlegen, behauptet die Mama. Shion Naganuma ist ganz offensichtlich ein besonderes Baby. In jedem Fall sieht der Bub aus wie ein japanisches Muster-Wunschbaby. Dabei wurde er ausgerechnet vor einem Jahr am 11. März in der Stadt Ishinomaki geboren – rund 30 Minuten nach dem Megabeben, mitten in der nordöstlichen Küstenregion, die seither völlig verwüstet ist. Mutter Chihiro lag im Kreisssaal, als die extremen Erdstösse das Spital durchschüttelten. «Ich wurde fast ohnmächtig», erzählt die 28-Jährige. Eine Hebamme habe ihr ins Gesicht geschlagen und sie angefleht, sie möge um Himmels willen wach bleiben. Kurz nach der Geburt brüllte ein Arzt in den Saal, ein Tsunami komme. Mutter und Kind wurden in rasender Eile in eine höhere Etage gerollt, bevor Wasser das Erdgeschoss überflutete.

Der Tsunami forderte 16 000 Opfer

Shion Naganuma erblickte an dem Schicksalstag das Licht der Welt, der Tausenden Menschen das Leben nahm. Gegen 16 000 Opfer forderte diese Naturkatastrophe. Auch die Naganumas trauern um einen Angehörigen. Der 79jährige Urgrossvater des kleinen Shion wurde zwei Monate später erschlagen unter den Ruinen des Wohnhauses gefunden, in dem mehrere Generationen zusammenlebten. «Wäre mein Sohn nicht an diesem Tag zur Welt gekommen, wäre ich vermutlich auch gestorben», schluchzt die junge Frau und streichelt unter Tränen den kleinen Buben. Nach der dramatischen Entbindung folgten weitere quälende Wochen. Eine gefühlte Ewigkeit musste Chihiro Naganuma um ihren Mann bangen. Der Vater von Shion wurde schliesslich auf See von einem Helikopter gerettet. Er hatte auf einer Werft gearbeitet, als die Flutwelle das im Bau befindliche Schiff aufs Meer schleuderte.

Grosse Sehnsucht nach Normalität

Glück und Unglück lagen in diesen Stunden eng beieinander, wie bei den Naganumas auch bei Etsuko Shimosawa. Sie schenkte nur 27 Minuten vor dem desaströsen Beben einem Mädchen das Leben. Während der Erdstösse warf sich eine Krankenschwester auf Mutter und Kind, um sie vor den herunterfallenden Gegenständen zu schützen. Nur unweit von der Klinik entfernt wurde die 58jährige Mutter von Etsuko unter Trümmern begraben. Mit dem Töchterchen Sakura – auf Deutsch Kirschblüte – besucht sie nun regelmässig das Grab und berichtet der Toten, wie die Enkelin gedeiht. «Ich hoffe, Sakura wird ihrem Namen gerecht und bringt angesichts dieses leidvollen Tages anderen Menschen Freude.»

Ein Jahr nach der Tragödie sehnen sich die Menschen in Nordostjapan nach Normalität und sind doch noch so weit davon entfernt. Für die älteren Geburtstagskinder der Katastrophenregion steht morgen Sonntag ein Tag des Innehaltens, der Erinnerung, der Trauer bevor. Yuji Hamada wird 16 Jahre alt. Anders als in früheren Jahren, kann er sich auf seinen Geburtstag nicht freuen, der letzte war so schlimm. Am 11. März 2011 waren seine Mutter und die 13jährige Schwester unterwegs. Sie wollten Kuchen für die Feier kaufen.

«Nur ich habe überlebt – ist das fair?»

Yuji selbst verliess in dem Moment, als das mächtige Beben mit einer Stärke von neun die Pazifikküste erschütterte, gerade die Schule. Er sah das Auto mit Mutter und Schwester noch die Strasse herauffahren, auf ihn zu, und dahinter einen riesigen dunklen Schatten. Die Menschen schrien «Tsunami!». In Panik rief er der Mutter nach: «Fahr, fahr, ich renne in die zweite Etage.» Sie hörte ihn nicht.

Und bevor Yuji die erste Stufe erreichte, wurde er von der ersten Monsterwelle erfasst. Dann war alles schwarz um ihn herum. Der Knabe kam in einem Rettungswagen wieder zu Bewusstsein. «Ich dachte nur an Mutter und Schwester.» Dann erfuhr er, dass ihr Auto im Verkehrschaos steckenblieb und von der Wasserflut überrollt wurde. In einem Bestattungsinstitut konnte er nur noch die Leichen identifizieren. «Meine Mutter sah so sanftmütig wie immer aus, aber im Gesicht meiner Schwester war Entsetzen abzulesen.» Er habe sich schmerzhaft einsam gefühlt, sagt Yuji Hamada leise. Er lebt jetzt mit seiner 62jährigen Grossmutter, einem Onkel und dessen vierköpfiger Familie in einer entfernten Stadt zusammen und fragt sich immer wieder, warum er als einziger der drei überlebt hat. «Es ist nicht so, dass ich sterben möchte», sinniert der Teenager. «Aber es ist nicht fair, dass nur die beiden getötet wurden und ich überlebt habe.» Monate brauchte Yuji, um in der neuen Schule überhaupt ein Wort zu sagen. Ganz langsam machte er sich mit seinen Klassenkameraden bekannt. «Sie können nicht verstehen, was der Tsunami mir angetan hat.»

Still und tapfer realisieren die Angehörigen der Opfer, was sie verloren haben, und versuchen, ihr Leben neu zu ordnen. Schwer fällt das vor allem den Kindern, deren Eltern ums Leben gekommen sind. In den drei Präfekturen, die am härtesten von dem grossen ostjapanischen Beben getroffen wurden, haben 1580 Mädchen und Buben einen Elternteil eingebüsst oder wurden gar Vollwaisen. Der siebenjährige Sora Sasaki, der nun bei seinen Grosseltern lebt, trauert um seine Mutter. Die geschiedene, alleinerziehende Versicherungsagentin war am 11. März mit ihrem Auto unterwegs, als die gigantischen Wellen sie mit sich rissen. Erst Monate nach der Katastrophe wurde die entstellte Leiche gefunden.

Vergeblich auf ein Wunder gehofft

Bis September hatten der Knabe und seine Grosseltern noch auf ein Wunder gehofft. Dann kam mit der Urne die traurige Gewissheit. Sora habe erstarrt auf das Gefäss mit der Asche seiner Mutter geschaut, erzählt die Grossmutter. «Ich hasse Tsunami», war seine erste Reaktion. Dann wurde – wie in Japan üblich – die Urne neben dem Bild der Verstorbenen feierlich auf dem Hausaltar plaziert. Sora legte Blumen und die Lieblingsspeisen der Toten davor, zündete Weihrauch an. «Willkommen zu Hause, Mama, ich hoffe, Du ruhst hier in Frieden.» Er weinte nicht. Jeden Abend setzt sich Sora vor den Familienaltar, schaut auf das Foto seiner Mutter und sagt ihr gute Nacht.

Weder Wohnung noch Arbeit

Dank der rührenden Grosseltern kann er wieder schlafen und nun sogar schon wieder lachen. Andere Überlebende sind schwer traumatisiert. Zu den 16 000 Toten, deren Leben unmittelbar durch den Tsunami zerstört wurde, und den 3300 noch immer Vermissten kamen in den zurückliegenden Monaten noch über 1300 Opfer, die ihren Verletzungen erlagen, an Erschöpfung starben oder sich aus Verzweiflung das Leben nahmen. Die Lage im Nordosten Japans bleibt angespannt bis kritisch, die Stimmung ist niedergeschlagen. Die Menschen können nicht verstehen, was ihnen passiert ist, aber sie versuchen, es nicht zu zeigen. 8000 Einwohner haben ihre Häuser verloren oder mussten aus der Sperrzone fliehen, in beengte Verwandtenwohnungen oder Notquartiere.

Nur wenige konnten eine vernünftige Bleibe oder einen Job finden, die meisten wissen nicht, wie es weitergeht. Das Desaster hat ganze Gemeinden völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Aus der Stadt Futaba, wo einer der havarierten Reaktoren steht, sind alle Einwohner geflohen. Bürgermeister Katsutaka Idogawa beklagt die schmerzliche Ungewissheit, die auch ein Jahr nach der Katastrophe anhält: «Wir befinden uns auf einer Reise, von der wir nicht wissen, ob sie jemals enden wird.»

Eine Stadt in der Sperrzone

Katsunobu Sakurai schüttelt noch immer den Kopf. Er habe sich nicht vorstellen können, dass so etwas in einer modernen Gesellschaft vorkomme. «Der Unfall im Atomkraftwerk hat das Leben so vieler Menschen plötzlich um 180 Grad gedreht», beschreibt der Bürgermeister von Minamisoma die Befindlichkeit. Seine Stadt von ehemals 70 000 Einwohnern liegt heute in der Sperrzone, eine Steinwüste aus Betonskeletten, Geröll und Müll. Die Aufräumarbeiten gehen nur schleppend voran. Ein Jahr danach sind in den Unglücksgebieten nur fünf Prozent des Schutts beseitigt.

Wenn sich schon die einstigen Bewohner nicht mehr in ihre Heimat wagen, bleiben natürlich auch die Touristen dem Nordosten Japans weiträumig fern. Die Hotels sind leer, die noblen Ryokan-Herbergen verlassen, selbst die preiswerten Minshoku-Unterkünfte sind verwaist. Vor dem Unglück war diese Region mit malerischen Landschaften, Felsenküsten, Bergen, heissen Quellen, spektakulären Laubfärbungen und archäologischen Grabungsstätten ein populäres Ziel der in Japan so beliebten Schul- und Betriebsausflüge.

Kollaps der regionalen Wirtschaft

Die gesamte Region wird nach dem Motto «Wer macht schon Ferien in Tschernobyl» gemieden. Selbst früher so populäre Städte wie das historische Aizuwakamatsu, in das «vorher» jedes Jahr allein mehr als 500 Schulen pilgerten, erhielten nur Absagen. Vor allem Fukushima ist am Ende, nicht nur das AKW. Nach Erdbeben, Tsunami und Atomhavarie folgt die ökonomische Katastrophe: der völlige Zusammenbruch des Fremdenverkehrs und des Absatzes von Lebensmitteln aus diesem auf Landwirtschaft und Tourismus fixierten Raum. Nicht nur Hotelbesitzer, auch Souvenirläden, Bauern, Fischer, Tofuhersteller und Sakebrauer stehen vor dem Ruin. Die regionalen Spezialitäten wie Rindfleisch und Obst will keiner mehr essen. Der Markenname Fukushima – der eigentlich «Glückliche Insel» bedeutet – ist derzeit unverkäuflich. EU-Diplomat Albrecht Rothacher ist am Ende einer Visite erschüttert: «Man kann diese Präfektur eigentlich nur noch umbenennen.»

Trauer um Angehörige: Die Shimosawas mit ihrer kleinen Tochter Sakura. (Bild: ap/Kyodo)

Trauer um Angehörige: Die Shimosawas mit ihrer kleinen Tochter Sakura. (Bild: ap/Kyodo)

Öde und Trümmer, wie hier in der Präfektur Iwate, sind bis heute geblieben. (Bild: ap/Koji Sasahara)

Öde und Trümmer, wie hier in der Präfektur Iwate, sind bis heute geblieben. (Bild: ap/Koji Sasahara)

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