«Geblieben ist die Angst»

US-Präsident Barack Obama will das Einwanderungsrecht im Alleingang reformieren. Profitieren davon können Millionen von illegal in den USA lebenden Einwanderern.

Thomas Spang
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WASHINGTON Maria Jiminez – Namen geändert – hat diesem Moment über Jahre ängstlich entgegengefiebert, zusammen mit Ehemann Antonio und den beiden Kindern Federico und Julia, die in den USA zur Welt gekommen sind. In der Nacht auf heute hat Präsident Obama zur besten Sendezeit über das Schicksal der mehr als elf Millionen Einwanderer ohne Papiere gesprochen.

Vor der live übertragenen Ansprache sickerten aus dem Weissen Haus bereits Einzelheiten durch. Demnach wollte der Präsident bis zu fünf Millionen Einwanderer ohne legalen Aufenthaltsstatus vor der Abschiebung schützen. In den Genuss davon kommen beispielsweise Eltern, die länger als fünf Jahre unbescholten in den USA leben und deren Kinder Amerikaner sind.

«Wir hoffen und beten, dass es nicht bei leeren Versprechen bleibt», sagt Maria, die vor 15 Jahren ihr Heimatdorf in Guatemala verliess und durch den Rio Grande in das gelobte Land kam. Seitdem macht sie alles richtig. Sie lernte Englisch, arbeitete sich von einer Putzstelle zur Besitzerin eines kleinen Reinigungsdienstes hoch. Sie heiratete einen Dachdecker, brachte die Kinder zur Welt, zahlt Steuern und Sozialversicherungen und lebt in einem Vorort von Washington in einem Haus, das sie mit einem Bankkredit finanzieren konnte.

Latino-Lobby macht Druck

Was blieb, ist die Angst, von ihren Kindern getrennt zu werden. «Wir sind immer eine Geschwindigkeits-Überschreitung weit davon weg, deportiert zu werden», sagt Maria. Ihre Situation teilen Millionen Latino-Familien. In den letzten Jahren ist es in den USA für Einwanderer ohne Papiere schwieriger geworden. «Nie wurden so viele Leute abgeschoben wie unter Obama», klagt Ehemann Antonio. Jährlich rund 400 000 Menschen.

Als Obama den bereits vor den Kongresswahlen erwarteten Exekutivbefehl zum Abschiebestop aus politischen Gründen aufschob, begannen nicht nur die Jiminez' den Glauben an den «Yes We Can»-Präsidenten zu verlieren. Die gut organisierte Latino-Lobby lief Sturm und drohte den Demokraten, die Freundschaft zu kündigen. Ein starkes Druckmittel, da es angesichts des Bevölkerungswandels 2016 so gut wie unmöglich sein wird, die Präsidentschaftswahlen ohne die Latinos zu gewinnen.

Zerstrittene Republikaner

Das macht den Alleingang Obamas für die Republikaner so brisant, die in diesem Thema tief gespalten sind. Sie stehen vor dem Problem, die Emotionen auf dem rechten Flügel so kanalisieren zu müssen, dass sich republikanische Kandidaten bei den Latinos nicht dauerhaft unbeliebt machen. Schon wurden Rufe laut, der Regierung den Geldhahn abzudrehen und ein Amtsenthebungsverfahren gegen Obama anzustreben. Besonnenere Kräfte in der Partei wissen, dass sie sich damit auf dünnem Eis bewegen. Schliesslich hatten Präsidenten wie John F. Kennedy, Ronald Reagan und George Bush senior dieselben Exekutivvollmachten ausgespielt, um Millionen Einwanderern ohne Papiere ein Aufenthaltsrecht zu verschaffen. Kommt hinzu, dass die Experten im Weissen Haus wochenlang an einer rechtlich wasserdichten Vorlage gearbeitet haben.

Wenn die Familie Jiminez am nächsten Donnerstag «Thanksgiving» feiert, dann tut sie das erstmals ohne die Sorge, auseinandergerissen zu werden. «Wir haben allen Grund, dankbar zu sein», sagt Maria, die sich in Geduld üben musste. «Änderungen kommen nicht über Nacht, und das ist ein Schritt nach vorn.»