Gastkommentar
Typisch deutsch: Bescheidenheit - ein persönlicher Abschiedsgruss an Angela Merkel

Nach 16 Jahren tritt Deutschlands Kanzlerin von der politischen Bühne. Ihre besonnene Art prägte das Land - und kann als Vorbild für Schweizer Politikerinnen und Politiker dienen.

Peter Hartmeier*
Peter Hartmeier*
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Ruht in sich: Deutschlands Langzeit-Kanzlerin Angela Merkel.

Ruht in sich: Deutschlands Langzeit-Kanzlerin Angela Merkel.

Markus Schreiber / AP

Ich werde Angela Merkel als Bundeskanzlerin vermissen - als Schweizer. Sie bildete einen Massstab, um unsere eigenen Politikerinnen und Politiker zu beurteilen.

Ich werde ihre Bescheidenheit vermissen, ihren Verzicht auf laute Töne, ihren naturwissenschaftlichen Ansatz mit dem sie Krisen zu meistern suchte, und ihre selbstverständliche Verteidigung der parlamentarischen Demokratie.

«Das unruhige Reich» namens Deutschland, vor dem sich unsere Urgrosseltern und Grosseltern noch gefürchtet haben, veränderte sich in den letzten 70 Jahren gründlich. Deutschland ist zu einem stabilisierenden Faktor geworden. Nicht nur wegen Merkel - aber wegen Merkel ganz besonders.

Sie bändigte die Chauvinisten

Ihre verhaltene, subtile Sprache, ihre vorsichtige, seriöse Amtsführung und ihre Fähigkeit chauvinistische Machthaber wie Putin, Erdogan oder Trump durch Ironie ins Leere laufen zu lassen, erweisen sich in der Rückschau als Lehrstunden - gerade auch für Schweizer Politiker, die gerne toben, zuspitzen, provozieren oder hemdsärmelig ihre Selbstdarstellung zelebrieren; der in der Schweiz Mode gewordene Typus des Politikers im Stile eines Andreas Glarner oder einer Tamara Funiciello unterscheidet sich fundamental von einem deutschen Vorbild namens Merkel.

Merkel schuf mit ihrer effizienten Bescheidenheit Vertrauen in die deutsche Demokratie - ähnlich wie ihre sozialdemokratischen Vorgänger Willy Brandt und Helmut Schmidt oder der konservative Helmut Kohl.

Auch die drohende Niederlage wird an Merkel haften bleiben

Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird ihre Partei die Wahlen verlieren; mit diesem Makel wird ihre Regierungstätigkeit in den Geschichtsbüchern verbunden bleiben. Und trotzdem: ihr radikaler Verzicht auf Grossmauligkeit und Egozentrismus müsste nach ihrem Rücktritt zu einem Vorbild für unsere Politiker und Politikerinnen werden.

Unsere Urgrosseltern und Grosseltern würden staunen, wenn sie wüssten, dass ausgerechnet eine deutsche Politikerin zu einer Symbolgestalt für den Wert der Bescheidenheit in der Politik heranwuchs.

*Peter Hartmeier ist Leiter des publizistischen Ausschusses von CH Media

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