«Ganz Frankreich ist bedroht»

84 Todesopfer, ebenso viele Verletzte – und eine Stadt unter Schock: Ein neuer Terroranschlag in Nizza schreckt Frankreich aus der Sommerruhe. Die nationale Einheit hält diesmal nicht lang, werfen doch Rechtspolitiker der Regierung Versagen vor.

Stefan Brändle/Paris
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Die Menschen gedenken der Opfer: Blumen auf der Promenade des Anglais in Nizza. (Bild: epa/Ian Langsdon)

Die Menschen gedenken der Opfer: Blumen auf der Promenade des Anglais in Nizza. (Bild: epa/Ian Langsdon)

Am Tag danach bleibt der Horror nur noch in den Köpfen. Der weisse Lastwagen, der gestern nachmittag weiter auf der Promenade des Anglais stand, ganz banal zwischen Palmen und Kiesstrand, flösste unerträgliche Bilder ein. So unerträglich, dass der TV-Sender France-2 sich entschuldigte, weil er in der Eile einige davon gezeigt hatte. Jetzt zeugen nur noch rote Flecken auf der Chaussee von der Blutspur, die der Amokfahrer über zwei Kilometer entlang der Bucht von Nizza zog.

«Und dann war er da!»

Eine ältere Einwohnerin von Nizza erzählt, wie der Lastwagen auf einer Gegenspur herangerast und die meisten Zuschauer des zu Ende gegangenen Feuerwerks im Rücken erfasst habe. «Ich selbst sah ihn nicht kommen, ich war zum Glück einige Schritt daneben», sagt die Frau. «Er fuhr die Leute um, wie man Getreide mäht.» Ein anderer Beteiligter vergleicht die Szene mit einer «Bowlingkugel, die in die Kegel knallt». Er erzählt, wie der Laster wahllos Menschen und Scooter umgefahren habe, zum Teil auf der Strasse, zum Teil auch auf dem Trottoir; zudem er habe er aus dem Wagenfenster auf Passanten geschossen.

Es war ein schöner Abend gewesen, funkelnd und glitzernd, wie es die Niçois (die Bewohner von Nizza) so gern mögen. Jetzt ist Metropole der Côte d'Azur sprachlos, unter Schock. Vor einem Spital der Stadt, wo gestern noch 50 Verletzte gepflegt wurden, darunter etliche Kinder, berichtet eine am Arm verletzte, schwarz geschminkte Frau, dass die Menge die Bedrohung zuerst mehr gespürt als realisiert habe. «Es ist der Lastwagen», habe dann jemand geschrien. «Und dann war er da…» Sie bricht ab, ihr Freund versucht weiterzusprechen: «Ich habe den Lastwagen gesehen, habe die Gesichter der umgefahrenen Leute gesehen.» Dann versagt auch bei ihm die Sprache.

Ein einzelner wollte den Täter stoppen

Ein einzelner Mann hatte versucht, den Lastwagen zu stoppen, indem er auf das Trittbrett sprang; auch andere rannten dem 19-Tönner nach. Ein Scooterfahrer wurde bei der Verfolgung von den Schüssen aus der Fahrerkabine gestoppt. Weiter vorne schoss der Chauffeur auch auf Polizisten, den Kopf hielt er aus dem Wagenfenster. Er starb im Kugelhagel des Gegenfeuers. Eine Stunde lang kehrten langsam und von überall die Leute zurück – aus Privatwohnungen, in denen sie Schutz gefunden hatten, vom Kiesstrand und sogar aus den Wellen, in die sie gesprungen waren.

Der Appell des Präsidenten

Die provisorische, schreckliche Bilanz: 84 Tote, darunter eine Schweizerin und ein Kind aus der Schweiz, zwei US-Amerikaner, eine Russin, eine Armenierin, ein Ukrainer und ein Tunesier. 50 Opfer schwerverletzt, davon 18 lebensgefährlich. Dutzende von Menschen wurden mit Schock eingeliefert. Einer der wenigen Lichtblicke: Ein Säugling, der in der Massenpanik in seinem Kinderwagen abhanden gekommen war, wurde den Eltern eine Stunde später heil zurückgegeben.

Präsident François Hollande wandte sich wie schon bei den Terroranschlägen des vergangenen Novembers noch in der Nacht an die Fernsehnation. Er erklärte, der verfassungsrechtliche Ausnahmezustand werde um drei Monate verlängert. Noch am Tag zuvor hatte er dessen Aussetzung für Ende Juli angekündigt, dazu den Abbau der «Operation Sentinelle» (Militärpatrouillen) von 12 000 auf 7000 Soldaten. Jetzt korrigierte sich Hollande bereits wieder: Das Dispositiv werde, so sagte er, «auf hohem Niveau operativ bleiben». Ausserdem werde er zusätzliche Reservisten der Armee aufbieten. Der Anschlag von Nizza zeige nach den Attentaten von Paris, dass «ganz Frankreich bedroht» sei, führte der 61jährige Sozialist weiter aus. Jetzt müsse das Land «absolute Wachsamkeit und totale Entschlossenheit an den Tag legen».

Schwere Vorwürfe an die Regierung

Mit seinem Appell zum nationalen Schulterschluss war es allerdings nicht weit her. Bei den Anschlägen gegen Charlie Hebdo im Januar 2015 waren in Paris Millionen vereint auf die Strasse gegangen; bei den Bataclan-Attentaten des 13. November hatte die «union sacrée» noch tagelang gehalten. Jetzt aber griff der konservative Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, die Linksregierung in Paris nur Stunden nach dem Attentat auf der Promenade des Anglais frontal an. Er habe von der Regierung seit langem Verstärkung verlangt, meinte er, um zu fragen, wie der Lastwagen in die geschützte Zone habe gelangen können. «Gab es keinen Sicherheitsbereich?», frage Estrosi in die Fernsehkameras. «Und wie viele Polizisten waren überhaupt im Einsatz?»

«Ohnmacht und Blindheit»

Auch der konservative Abgeordnete Georges Fenech bezichtigte die Regierung der «Ohnmacht und Blindheit». «Die Operation Sentinelle regelt nichts», kritisierte der Autor eines brandneuen Parlamentsberichts, der eklatante Mängel bei der Terrorfahndung in Frankreich enthüllt hatte. Am Rande der parlamentarischen Anhörung war durch ein Versehen an die Öffentlichkeit gedrungen, dass auch an den Olympischen Spielen von Rio im August ein Anschlag auf die französische Sportdelegation geplant war. Als Urheber soll der Geheimdienst einen Brasilianer eruiert haben. Mehr ist zu diesem vereitelten Anschlagsprojekt allerdings nicht zu erfahren.

In Nizza hatte der Amokfahrer laut unbestätigten Medienmeldungen Zufahrt zur Schutzzone erhalten, weil er dem Wachpersonal vorgaukelte, er habe Glaces zu liefern. Die Polizei untersuchte gestern auch seine Wohnung. Sie sprengte ein Paket in einem verlassenen Lieferwagen im Ostteil von Nizza. In welchem Zusammenhang dieser Polizeieinsatz zum Terroranschlag stand, wurde vorerst nicht angegeben. Die Frau des Attentäters (siehe dazu Porträt) befand sich gestern in Polizeigewahrsam.

Die Stadtbehörden von Nizza wusste seit langem um die Terrorgefahr. Unter den 350 000 Einwohner hatte die Polizei in den letzten Jahren zahllose Jihadisten ermittelt. In einem Fall reiste eine ganze elfköpfige Familie unter Führung der Grossmutter in den Krieg nach Syrien. Im umliegenden Departement Alpes-Maritimes wurden seit den Pariser Attentaten 50 Radikalislamisten festgenommen. Einige planten gerade einen Anschlag auf den Karneval von Nizza.

Präsident François Hollande. (Bild: ap)

Präsident François Hollande. (Bild: ap)