Furcht vor der grossen Flucht

Hunderttausende sind aus Libyen geflohen – «Gast»-Arbeiter, gemeinhin Wirtschaftsflüchtlinge genannt. Ihnen könnten aber Tausende von Gadhafi in die Flucht geschlagene Rebellen folgen.

Walter Brehm
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In dichten Reihen stehen die Zelte des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Ras Ajdir an der tunesisch-libyschen Grenze. (Bild: epa/Ciro Fusco)

In dichten Reihen stehen die Zelte des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Ras Ajdir an der tunesisch-libyschen Grenze. (Bild: epa/Ciro Fusco)

Die Rebellen in Libyen sind der Verzweiflung nahe. Nicht einmal mehr Tobruk und Benghasi – die Hochburgen der Revolte gegen Diktator Gadhafi – sind sicher in ihrer Hand. Die Staatengemeinschaft, die sich dieser Tage kaum als solche erweist, berät noch immer über eine Flugverbotszone für Gadhafis Kampfjets. Die Mittelmeeranrainer Italien, Spanien und Malta fürchten aber vor allem eines – die Massenflucht aus Libyen nach Europa. Die aber hat noch gar nicht begonnen, und niemand scheint über den Zusammenhang zwischen der immer wahrscheinlicher werdenden Niederlage der libyschen Rebellen und der so gefürchteten Flüchtlingswelle nachzudenken.

Elend – weit weg von Europa…

Flüchtlingselend gibt es aber wohl. Allerdings nicht primär an den Ufern europäischer Vorposten wie Lampedusa. Die über 5000 jungen Männer, die dort, seit der Aufstand in Libyen im Februar begonnen hat, strandeten, sind vor allem Tunesier. Immer noch ohne Brot und Arbeit, interpretieren sie ihre neue Freiheit auch als Reisefreiheit – um dorthin zu gehen, woher die Gäste der Luxushotels an Tunesiens Küste herkommen.

Das libysche Elend zeigt sich vorerst weit weg von Europa, an der Grenze zu Tunesien im Lager Ras Ajdir. Etwa 220 000 Menschen sind bisher aus Gadhafis Reich geflohen – und von Tunesien fraglos aufgenommen worden. «Gast»-Arbeiter, die für libysche oder internationale Firmen gearbeitet haben, und dazu viele, die schon in Libyen Flüchtlinge waren und bisher vom Gadhafi-Regime an der Weiterreise nach Europa gehindert worden waren.

Hier, im riesigen Auffanglager Ras Ajdir, sind Helfer der Internationalen Migrationsorganisation (IOM) und von etwa 70 Hilfsorganisationen mit Gestrandeten aus 32 Nationen konfrontiert – vor allem aus arabischen Staaten, Schwarzafrika und Asien. Und in den kommenden Wochen werden mindestens weitere 200 000 Menschen erwartet.

…kommt durch Zögern näher

In dieser Prognose aber noch immer nicht mitgezählt sind jene, die nach einer möglichen Niederlage gegen Gadhafi Libyen verlassen müssen, wollen sie nicht dessen Folter- und Mordbanden zum Opfer fallen. Diese Menschen wird dann niemand als Wirtschaftsflüchtlinge sehen können. Aber so weit ist es noch nicht.

Noch betrifft das Elend nur jene, die sich mit viel Hoffnung auf ein besseres Leben für ihre Familien zu Hause in Libyen als Billigarbeiter verdingt hatten – Wirtschaftsflüchtlinge eben. Etwa der Bauarbeiter Mohammed Aboka. Er wartet auf die Weiterreise – wohin, weiss er allerdings nicht. Aboka ist Somali. «Ich kann nicht zurück nach Mogadiscio, wo ich her- komme. Wenn ich dorthin gehe, werde ich getötet – von islamistischen Fanatikern oder Clan-Milizen», erzählt er einem Reporter der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Aboka ist einer von Hunderten Somali in Ras Ajdir. Andere hatten mehr Glück – etwa die 25 000 Chinesen, die von ihrer Regierung schnell nach Hause geflogen wurden. Oder ähnliches Pech wie Tausende aus Bangladesh, deren Regierung sich kaum um sie kümmert. Allesamt Opfer des späten Endes guter Geschäfte mit Libyens Machthaber – auch von Europäern.

Aber die Massenflucht Einheimischer aus Libyen gibt es noch nicht. Sie wird aber mit jedem Tag wahrscheinlicher, an dem Gadhafis Schergen ungestört von EU und UNO wüten können.