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FUKUSHIMA: 2500 werden noch vermisst

Die Menschen in der Region von Fukushima finden den Weg in die Normalität auch fünf Jahre nach der Katastrophe nur in kleinen Schritten.
Angela Köhler/Tokio
Blick auf die nordjapanische Stadt Sendai fünf Jahre nach dem Tsunami: Allein hier starben 2011 940 Menschen. (Bild: epa/Kimimasa Mayama)

Blick auf die nordjapanische Stadt Sendai fünf Jahre nach dem Tsunami: Allein hier starben 2011 940 Menschen. (Bild: epa/Kimimasa Mayama)

Schweigend verbrennen Frauen und Männer in der nordostjapanischen Stadt Sendai Schulranzen, Rucksäcke, Sporttaschen und Musikinstrumente. Drei Tage lang, ein Stück nach dem anderen. Die Sachen waren nach dem verheerenden Erdbeben und dem darauffolgenden Tsunami am 11. März 2011 an die Ufer des Pazifiks geschwemmt worden, von freiwilligen Helfern und Soldaten eingesammelt und von den Behörden bislang in der Hoffnung aufbewahrt, ihre Besitzer oder wenigstens die Hinterbliebenen würden sich melden und die Fundstücke abholen.

Rund 3000 solcher Überbleibsel namenloser Schulkinder hatte das Team um Hiroshi Ogasawara katalogisiert, es wurden Besichtigungen organisiert und verzweifelte Anfragen beantwortet. Seit April vergangenen Jahres aber hatten sich nur noch zwei Interessenten gemeldet. «Deshalb geben wir jetzt auf. Es ist bitter, dass wir so viele persönliche Dinge vernichten müssen», beklagt der 43jährige Beamte.

Hinterbliebene wollen Gewissheit

Zeit kann diese Wunden nicht heilen. Fünf Jahre nach der Katastrophe mit Jahrhundertbeben, Tsunami und dem Atomdesaster im AKW Fukushima ringt die Region im Nordosten Japans noch immer mit ihrem Schicksal, versucht eine Normalität zu finden und ist doch weit davon entfernt. In der Präfektur Miyagi, die zu den drei am heftigsten betroffenen zählt, graben 160 Polizisten an den langen Stränden weiter tapfer nach sterblichen Überresten. Auf den Knien wühlt Tamami Kitamura im schlammigen Wasser und findet einen Knochen, der zu einer menschlichen Hand gehören könnte. «Vielleicht gibt uns das einen Hinweis», hofft die 24-Jährige. «Die Hinterbliebenen wollen doch wenigstens Gewissheit haben.» Neben den 16 000 Toten werden noch immer mehr als 2500 Menschen vermisst. Von ihnen fehlt jede Spur, obwohl Tamami Kitamura und ihre Kollegen die Strände schon mehr als 300mal abgesucht haben.

Furchtbare Ängste

Im März 2011 wusste die Schülerin noch nicht, was sie studieren und später beruflich machen könnte. Das Desaster, die unglaublichen Bilder von der Flut, von schwimmenden Häusern, Autos und Eisenbahnen, von gestrandeten Schiffen und verzweifelten Menschen, die ihre Angehörigen suchen, haben sie tief erschüttert. Die Angst nach dem Unglück im Atomkraftwerk Fukushima, wo Reaktoren kollabierten und niemand ermessen konnte, was wirklich passiert ist, hat in ihr das Bedürfnis geweckt, den Menschen in ihrer Unsicherheit und Verzweiflung eine Stütze zu sein.

Wie diesen Schmerz lindern?

Kitamura schrieb sich an der Polizeiakademie ein, besuchte Vorlesungen eines Professors, der sich in den Unglücksregionen für Ordnung und Recht engagierte. Sie erfuhr von den Problemen in den Notunterkünften, von vielen Fällen von «kodokushi», vom «einsamen Tod» der Menschen, die entwurzelt und meist ohne Verwandte auf engstem Raum und so allein nicht mehr leben wollten. Bei den Berichten der Polizisten vor Ort flossen oft Tränen. Die Schilderung einer Kollegin ging ihr besonders ans Herz. Diese hatte in Trümmern einen Knaben entdeckt, der vor der Leiche seiner kleinen Schwester schluchzte: «Es tut mir so leid, dass ich dich nicht retten konnte.» Wie kann man so einen Schmerz lindern? Im September übernahm Tamami Kitamura ihren ersten Posten an der Iwanuma-Polizeistation, die am 11. März 2011 sechs Kameraden verloren hatte. Seither sucht sie nach Leichen, tröstet die Menschen in den Notunterkünften, in denen auch fünf Jahre danach noch über 200 000 Japaner ausharren müssen. Die junge Frau warnt vor Diebstählen und Betrug, fahndet nach skrupellosen Menschen, die das Leid der Betroffenen ausnutzen.

Stricken als Lebensanker

Auch mit unspektakulären Mitteln nützlich sein, ist die Devise für eine ungewöhnlich Initiative. Ohne grosse Hoffnung hatten sich ein paar Frauen in einem Sammellager für Spenden in Kesennuma umgeschaut, ob es dort etwas Nützliches gibt. Einen Monat nach dem Unglück fanden sie in einem unbeachteten Regal Wolle. Einen ganzen Karton kunterbunter Knäuel zum Stricken, ein deutsches Geschenk mit passenden Nadelsets, wie sich herausstellte.

Die Verwaltung hatte diese Gabe wohl für unpassend erachtet, weil man Essen oder Bekleidung brauchte und keine Hobbyausrüstung. Aber viele Frauen, die in der Turnhalle campierten, waren von dem Fund begeistert. Also rief man die Absenderin der abwegig scheinenden Spende an und bat um Nachschub.

Martina Umemura war überglücklich. Die Deutsche, die 1987 als Medizinstudentin nach Japan kam, heiratete und mit ihrem japanischen Mann und zwei Söhnen in Kyoto lebt, hatte die Erdbebenopfer im Fernsehen gesehen. «Ich wollte etwas tun, das diese Menschen von ihren Schmerzen ablenkt.» Martina Umemura besuchte den zerstörten Ort und gab Kurse im Stricken.

Aus Hobby wird Arbeitsplatz

Zuerst war es nur ein Zeitvertreib im tristen Notunterkunftsalltag, aber immer mehr Frauen klagten, dass sie keinen Job finden und Geld verdienen müssen. «Wenn wir die Techniken verbessern, können wir aus dem Hobby einen Arbeitsplatz machen», befand die Deutsche und gründete im März 2012 das «Umemura Martina Kesennuma Atelier». Anfangs produzierte das Miniunternehmen Socken und Nackenwärmer, die in Warenhäusern als «made im Katastrophengebiet» angeboten wurden. Das Sortiment wurde schnell erweitert, die Frauen stellen mittlerweile Pullover und Strickjacken her, die sie zum stolzen Preis von umgerechnet 600 bis 1500 Euro verkaufen können. 2013 wurde ein eigener Laden eröffnet. Das florierende Strickgeschäft beschäftigt jetzt über 30 Frauen und hat mehr als 140 feste Kunden, die regelmässig Ware nach Mass bestellen. So verweisen die Frauen auf volle Auftragsbücher für die kommenden zwei Jahre. Die selbst für Japan hohen Preise der handgestrickten Waren verkörpern auch eine Art Solidarität. «Heute profitieren wir noch vom Katastrophenbonus. Wir werden jedoch Qualität und Design weiter verbessern, um dieses Niveau halten zu können.»

Existenzielle Sorgen

Für Keiko Ito, die zu den Gründern des Strickshops gehört, ist das Stricken ein Lebensanker. Vor der Naturtragödie hatte sie in einer Fischverarbeitungsfabrik gearbeitet, die der Tsunami völlig zerstörte. «Mit diesem neuen Arbeitsplatz werde ich als 52-Jährige nicht mehr gezwungen, meine Heimatstadt zu verlassen.»

Dennoch plagen die Strickerinnen existenzielle Sorgen. Sie müssen ihren Workshop am Pazifik räumen. Die Küste soll zum Katastrophenschutz aufgeschüttet werden, um bei ähnlichen Flutwellen nicht erneut überschwemmt zu werden. Die verantwortlichen Experten möchten nicht wieder bittere Vorwürfe hören, sie seien zu sorglos gewesen und zu spät gekommen.

Der Forscher klagt sich selbst an

Hilflos musste auch der Tsunami-Experte Fumihiko Imamura vor fünf Jahren im Fernsehen anschauen, wie die tödlichen Wellen den Norden Japans verwüsteten. An Bord eines TV-Helikopters besichtigte der Professor zwei Tage nach der Katastrophe das Gebiet. «Der tragische Anblick von plattgewalzten Häusern und Trümmern, wohin das Auge blickte, machten mich sprachlos.»

Imamura, dessen Universität direkt im Krisengebiet liegt, hatte in Tokio an einem Regierungsprojekt gearbeitet, um Vorhersagen und Notpläne für Naturkatastrophen in genau dieser Region anhand historischer Daten und neuer Erkenntnisse zu aktualisieren. Das Erdbeben kam für den Wissenschafter zu früh, die Ergebnisse waren zwar aufgelistet, aber noch nicht für die Desasterprävention nutzbar. Der Professor erinnert sich an weiche Knie und Angst, mit den Einwohnern zu sprechen. «Als Tsunami-Forscher war ich geschockt und beschämt zugleich.» Ohne Antworten stand er den Fragen und verbalen Angriffen gegenüber. «Warum konnte das passieren, die Fluchtpläne waren untauglich.» Imamura klagt sich selbst an: «Ich wusste keinen Trost, die Menschen hatten unseren Prognosen geglaubt.»

Die Expertisen waren in diesem Ort von Wellen mit maximal 50 Zentimeter Höhe ausgegangen. Tatsächlich erreichten die Brecher 30 Meter und wälzten sich auf 110 Kilometer Uferlinie bis zu zehn Kilometer ins Land. Das Erdbeben vor fünf Jahren war mit der Stärke neun das mächtigste jemals registrierte in Japan und das viertstärkste weltweit. Die meisten der bisher über 16 000 geborgenen Opfer sind ertrunken, weil sie mit einer solchen Naturkraft nicht gerechnet hatten. Der Professor weiss heute: «Wenn unsere Fallwahrscheinlichkeiten früher aktualisiert worden wären, hätten sich die Menschen ganz anders verhalten und sich vielleicht retten können.»

Die hohen Wellen schlagen am 11. März 2011 mit voller Wucht aufs Festland auf. (Bild: ap/Mainichi Shimbun, Tomohiko Kano)

Die hohen Wellen schlagen am 11. März 2011 mit voller Wucht aufs Festland auf. (Bild: ap/Mainichi Shimbun, Tomohiko Kano)

Experten untersuchen nach dem Unglück die Reaktoren in Fukushima. (Bild: ap/Toru Hanai)

Experten untersuchen nach dem Unglück die Reaktoren in Fukushima. (Bild: ap/Toru Hanai)

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