Für viele ein Hoffnungsträger

In Griechenland haben sich die Parteien nach Tagen äusserst zäher Verhandlungen auf Lukas Papademos als neuen Ministerpräsidenten geeinigt.

Corinna Jessen
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Muss Griechenland retten: Der neue Regierungschef Lukas Papademos. (Bild: epa/Orestis Panagiotou)

Muss Griechenland retten: Der neue Regierungschef Lukas Papademos. (Bild: epa/Orestis Panagiotou)

ATHEN. «Lange haben wir ihn gesucht, jetzt haben wir ihn gefunden: Jemanden, der Griechisch spricht, aber kein Grieche ist.» Für Vassilis Manolas ist klar, dass Lukas Papademos keine griechischen Interessen vertreten wird. Der Bäcker im Athener Vorort Marousi diskutiert jeden Morgen die politischen Ereignisse mit seinen Kunden. Vier Tage lang haben sie auf die ununterbrochenen Sondersendungen im Fernsehen gestarrt. Verfolgt, wie nach einem beispiellosen Hickhack zwischen den Parteien schliesslich doch der erste auf einer langen Liste von Kandidaten für das Amt gewonnen werden konnte – für das Amt, das eigentlich keiner wollen kann.

International angesehen

Nach vier Tagen äusserst zäher Verhandlungen haben sich die sozialistische Pasok und die konservative Nea Dimokratia also doch auf Lukas Papademos als neuen Ministerpräsidenten geeinigt. Die kleine Rechts-aussen- Partei Laos beteiligt sich ebenfalls an der neuen Regierung. Papademos, früherer Vizechef der Europäischen Zentralbank, wird einer Übergangsregierung vorstehen, die das internationale Vertrauen in das hochverschuldete Land wiederherstellen soll. Bis zu Neuwahlen voraussichtlich im Frühjahr muss sie Verträge ratifizieren, die Griechenland weitere Hilfskredite und einen Schuldenschnitt von 50 Prozent bringen – und die dazugehörigen Sparmassnahmen verabschieden. Letzteres ist die grosse innenpolitische Herausforderung.

Papademos ist eine der international angesehensten Persönlichkeiten, die das Land zu bieten hat. Der Bankenexperte gehört zu den Architekten des Beitritts Griechenlands zur Eurozone und hat das Land schon einmal vor dem Bankrott gerettet, 1994. Damals gelang das aber aus eigener Kraft, heute hängt das Land am Tropf von EU und IWF.

Einigkeit beschworen

Die neue Regierung muss also in einem Land harte Sparmassnahmen mitverantworten, das bereits in einer tiefen Rezession steckt. Viele Griechen aber, die schon durch die Sparrunden der letzten zwei Jahre um gut 30 Prozent ihrer Einkommen gebracht worden sind, sehen keinen Sinn mehr darin, sich kaputtzusparen.

Die oppositionelle Nea Dimokratia wollte genau damit nicht in Verbindung gebracht werden. Nur unter der erdrückenden Gefahr, dass das Land ohne neues Geld schon im Dezember zahlungsunfähig ist und dann möglicherweise auch nicht mehr in der Eurozone verbleiben kann, hat sie der Koalitionsregierung zugestimmt.

«Es sind die Politiker beider Parteien», sagt Christos Panagopoulos, Geschäftsführer der Mediengruppe Skai, «von denen es abhängt, ob Papademos erfolgreich sein kann oder nicht. Sie können ihn stützen – oder bekämpfen, weil sie einen solchen Neuanfang möglicherweise als Gefahr empfinden.» Deshalb hat Papademos gestern auch gleich höchst eindringlich die Einigkeit beschworen – an der es bei seiner Ernennung gemangelt hatte. Nur dann sei er optimistisch, die griechische Wirtschaft wieder auf die Beine bringen zu können. Doch die Bedingungen, die Papademos den Parteien anfänglich gestellt hatte, sind ihm nur sehr halbherzig erfüllt worden. Wahrscheinlich bekommt seine Regierung nicht, wie von ihm gewünscht, mehr Zeit für ihre Arbeit, und die Besetzung des Finanzministeriums überliess er schliesslich doch den Politikern.

Der verlängerte Arm Brüssels?

«Die haben den Griechen bisher nicht die volle Wahrheit gesagt», sagt Panagopoulos, «und diese Wahrheit lautet: Wir müssen unsere Denkweise ändern, uns durch mehr Produktivität und Exporte auf eigene Beine stellen. Wir können nicht weiter auf Pump leben.» Für ihn ist Papademos der Garant dafür, dass «der Versuch unternommen wird, im Euro zu bleiben». Tatsächlich ist Papademos für viele Hoffnungsträger für eine europäische Perspektive, für andere aber der verlängerte Arm Brüssels, der das Land weiter in die Rezession treibt.