Für viele die letzte Hoffnung

In dem zwischen Russland und der EU schwankenden Land wird morgen das Staatsoberhaupt neu gewählt. Die Oppositionskandidatin Maia Sandu will es von Korruption und dem Einfluss von Oligarchen befreien.

Paul Flückiger/Chisinau
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Vitalie Braniste hat Ringe unter den Augen. Seit einem Monat steht der IT-Spezialist um fünf Uhr auf, um die wichtigsten Besorgungen zu tätigen. Danach fährt er zum Wahlstab von Maia Sandu. Sie will als Kandidatin der ausserparlamentarischen Opposition sowie der Protestbewegung Würde und Wahrheit Moldawien vom Einfluss der Oligarchen säubern. «Ich bin hier, weil ich mein Vaterland nicht verlassen will», sagt Vitalie. Jeder vierte Moldawier arbeitet heute in Russland oder in der EU. Um dagegen etwas zu tun, macht er bis spätabends in den sozialen Medien Wahlkampf für Sandu. Der Maschinenbauingenieur Alexander hat sich im Büro der frisch gegründeten Sandu-Partei Tat und Solidarität (PAS) für eine Wahlbeobachterschulung eingefunden. «Zweimal habe ich gegen den Bankenskandal und den Klau von einer Milliarde Dollar demonstriert, nun will ich endlich eine EU-Integration», sagt der 29-Jährige.

Dass es bei der ersten Volkswahl des Präsidenten seit 20 Jahren mit rechten Dingen zugeht, ist nicht nur für die PAS-Aktivisten zweifelhaft. «Der Friedhof hat schon gewählt», sagt die Sozialarbeiterin Dina und verweist auf Berichte, wonach auf den Wahllisten Tausende Verstorbene figurieren.

Aus Washington zurück nach Moldawien

Wen die Toten wählen, ist indes spätestens seit Donnerstagabend unklar. Drei Tage vor der ersten Wahlrunde hat nämlich der pro-europäische Regierungskandidat Marian Lupu überraschend das Handtuch geworfen. Die Verantwortung für sein Land habe ihn dazu gezwungen, erklärte er am Staatsfernsehen. Neben ihm sass der Vizechef seiner Demokratischen Partei und zugleich der mächtigste Oligarch des Landes, Vladimir Plahotniuc, und sagte, man wolle mit dem Schritt die anderen proeuropäischen Kandidaten stärken.

«Ich beisse nicht in diesen vergifteten Apfel», konterte Sandu über die sozialen Medien. Man habe Hinweise erhalten, dass Lupus Parteigänger und von der Regierung finanziell abhängige Bürgermeister angehalten würden, statt Lupu den prorussischen Präsidentschaftskandidaten Igor Dodon zu wählen.

Sandu gilt vielen Moldawiern als letzte Hoffnung. Vor vier Jahren hatte sich die 44jährige Ökonomin von einem Posten bei der Weltbank in Washington weglocken lassen, um in der Regierung des inzwischen wegen Korruption verurteilten Vlad Filat Bildungsministerin zu werden. Nach Bekanntwerden des Bankenskandals, bei dem drei Banken um rund eine Milliarde Dollar geprellt wurden, trat sie entrüstet aus. «Ich bin sauber und muss mich deshalb vor niemandem fürchten», sagt Sandu im Gespräch mit dieser Zeitung. Lupus Demokratische Partei und die Sozialisten arbeiteten de facto zusammen, um das Land auszurauben. Heute sei es dringender denn je, das Vertrauen der Moldawier in den Staat wieder herzustellen. «Wir brauchen einen neuen Politikertyp, der sich für das Wohl des Landes und eine ehrliche EU-Integration einsetzt», sagt Sandu.

Bisher wählte das Parlament das Staatsoberhaupt, das ein vor allem repräsentatives, aber mit ein paar wichtigen Vetorechten ausgestattetes Amt wahrnimmt. Dass es das Volk nun wieder wählen kann, hat die Sache nicht transparenter gemacht. Wahlgeschenke werden verteilt, Kandidaten kurz vor dem Ziel ausgeschlossen, mehrere haben sich auch selbst aus dem Rennen genommen. Der Rückzug Lupus irritiert, da er gute Umfragewerte hatte. Nun kandidieren noch neun Anwärter für das Präsidentenamt. In den Umfragen führt der prorussische Sozialistenchef und frühere kommunistische Wirtschaftsminister Igor Dodon vor der proeuropäischen Oppositionskandidatin Sandu. Dazu kommt eine Reihe weiterer pro-europäischer Kandidaten mit Anteilen von unter drei Prozent.

Oligarch Plahotniuc soll die Fäden ziehen

«Sie sind im Rennen, um Maia Sandus Resultat nach unten zu drücken», sagte der Politologe Igor Botan. Nach Lupus Rückzug sei ein Wahlsieg Dodons bereits in der ersten Runde denkbar. «Der Rückzug war ein genau kalkulierter Schritt», sagt Botan und zeigt auf, wie der Oligarch Plahotniuc mit der von ihm kontrollierten proeuropäischen Regierung künftig sowohl in Brüssel wie in Moskau Geld abschöpfen kann. Dodon hat am Donnerstag die Lupu-Anhänger aufgefordert, für ihn zu stimmen. «Ich werde der Präsident des ganzen Landes sein.» Maia Sandu hat inzwischen Strassenproteste angedroht, falls es morgen Anzeichen für Wahlfälschungen gibt.

Brisant ist das Verhältnis zu Russland auch wegen des russischsprachigen Gebiets Transnistrien, das sich Anfang der 1990er-Jahre von Moldawien abgespalten hat. Russland hat «Friedenstruppen» in der abtrünnigen Region stationiert.