Fünf Kilo Getreide gegen die Armut

Nach 20 Jahren der wirtschaftlichen Liberalisierung versucht Indien nun, der weiter grassierenden Armut mit verbilligter Nahrung für 800 Millionen Menschen beizukommen. Experten bleiben jedoch skeptisch.

Willi Germund
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BANGKOK. Die 20jährige Armeena Bibi hockt im Schatten eines Baumes nahe dem Dorfplatz von Katna und pflegt ihr Kapital. Sie kämmt ihr pechschwarzes, nahezu hüftlanges Haar. Die alleinstehende Mutter einer vierjährigen Tochter sagt: «Wir verwahren jedes Haar, dass in der Bürste hängen bleibt», erzählt die schlanke junge Frau, «ich kann es verkaufen. Händler zahlen 1500 Rupien (17 Euro) pro Kilo.»

Freude und Skepsis

Die junge Frau kennt bereits die wichtigsten Einzelheiten des neuen Gesetzes, welches das Unterhaus des indischen Parlaments am Montag verabschiedet hat. Danach sollen 800 Millionen der 1,2 Milliarden Inder monatlich fünf Kilogramm Getreide zum Spottpreis von ein bis drei Rupien pro Kilo erhalten. Das Vorhaben wird etwa 18 Milliarden Dollar kosten. Armeena Bibi freut sich zwar darüber, aber auch die versprochene Menge wird ihren Monatsbedarf nicht ganz decken. Aus Erfahrung rechnet sie zudem damit, diese fünf Kilogramm nicht regelmässig zu erhalten. «Bei anderen Programmen kassieren auch immer zuerst Mittelsmänner ab», sagt sie.

Doch das Gesetz bedeutet, eine Sorge weniger zu haben. Denn eine plötzliche Kinderkrankheit, ein Unfall oder ein Unwetter, das ihre Hütte beschädigt, birgt die Gefahr, sie in einen Kreislauf von Schulden und Krediten zu stürzen, dem sie kaum mehr entkommen kann.

Trotz Reformen arm

Vor über 20 Jahren hat Indien seine Wirtschaft liberalisiert. Und gut zehn Jahre währte der Boom, den dies auslöste, mit jährlichen Wachstumsraten von acht Prozent. Damit gehört die grösste Demokratie der Welt nun auch zu den grössten Wirtschaftsnationen. Inzwischen aber ist das Land wieder auf sein «klassisches» Wachstum von etwa vier Prozent aus den Zeiten vor den Reformen zurückgefallen. Von der Armut betroffen sind laut unterschiedlichen Quellen noch immer zischen 30 und 60 Prozent der Bevölkerung.

Kritik an Indiens Politikern

Amartya Sen, Nobelpreisträger für Wirtschaft und einer der klügsten Köpfe des Landes, liest mit seinem Buch «An Uncertain Glory» den Politikern die Leviten. «Die Lebensqualität der unteren Hälfte der indischen Bevölkerung ist, wenn überhaupt, kaum besser als bei der armen Bevölkerung in Afrika», schreibt Sen. Tatsächlich stellt Indien weltweit ein Drittel aller totgeborenen und ein Drittel aller unterernährten Kinder. Selbst Bangladesh, einer der ärmsten Staaten der Welt, habe mit seinem langsamen Wachstum und seinem niedrigeren Einkommensniveau mehr für die Lebensqualität seiner Bevölkerung getan, sagt Sen: «Das rasante Wirtschaftswachstum während der vergangenen 20 Jahre hat in Indien nicht gereicht, um die Unterernährung von Kindern in Indien zu reduzieren.»

So versucht nun die Kongress-Partei, die sich in Jahrzehnten an der Macht wenig um die Abschaffung der Armut gekümmert hat, aus der Not politischen Profit zu schlagen. Sie präsentiert sich wenige Monate vor den Wahlen als Kämpferin gegen das Elend.

Billiges Getreide genügt nicht

Das Gesetz muss noch das indische Oberhaus passieren, bevor die ersten Säcke voll billigem Getreide ausgeliefert werden können. Und die junge Mutter Armeena Bibi weiss auch genau, dass sich damit an ihrem Schicksal nichts ändern wird. «Wir werden arm bleiben», sagt die 20-Jährige und zeigt auf ihre Tochter: «Nur eines könnte helfen. Sie müsste eine gute Ausbildung bekommen.» Statt dessen wird das Mädchen wie ihre Mutter wohl im Alter mit 14 Jahren die Schule verlassen und heiraten. «Daran ändern auch fünf Kilo billiges Getreide nichts», sagt Armeena Bibi.