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Frankreichs vergessene Soldaten

Im blutigen Unabhängigkeitskrieg von 1954 bis 1962 kämpften Tausende Algerier auf der Seite ihrer Kolonialherren. Nach dem Krieg wurden die sogenannten Harkis in ihrer Heimat verfolgt. In Frankreich kämpfen sie bis heute um Anerkennung.
Stefan Brändle, Le Vigeant
Harkis während des Algerien-Kriegs hoch zu Ross. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1959. (Bild: Jean-Louis Swiners/Getty)

Harkis während des Algerien-Kriegs hoch zu Ross. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1959. (Bild: Jean-Louis Swiners/Getty)

Nein, der Mann auf dem Traktor weiss auch nicht, wo das Durchgangslager der Harkis war. Er weiss nicht einmal, dass es hier einmal eins gab. Seltsam, die vierzig Baracken sind erst vor drei Jahren abgerissen worden. Die damalige Bürgermeisterin von Le Vigeant bezeichnete sie als «Schandfleck». Jetzt sind die Behelfsunterkünfte hier in der Vienne (Westfrankreich) schon wieder vergessen. Im Rathaus meint man fast, ein Unwort in den Mund zu nehmen, wenn man sich nach dem ehemaligen Harki-Lager erkundigt. Die Empfangsdame meint unwirsch: «Suchen Sie bei der Kartbahn südlich der letzten Häuser.» Dann bricht sie das Gespräch ab.

Mit Hilfe alter Schwarz-Weiss-Fotos, in deren Hintergrund noch stehende Bauernhöfe auszumachen sind, lässt sich der Standort der einstigen Baracken drei Kilometer weiter in der Heckenlandschaft finden: Im kniehohen Gras rosten noch ein paar Eisenbetonpfeiler vor sich hin. Es sind letzte Spuren einer Vergangenheit, über die Frankreich am liebsten den Schleier ausbreiten würde.

Als Landesverräter verschrien

Die Harkis waren im Algerienkrieg (1954–1962, siehe Kasten) die Hilfstruppen der Kolonialfranzosen gegen die algerische Befreiungsfront FLN. Sie waren Algerier, rund 300000 dürften gegen die eigenen Landsleute gekämpft haben, in speziellen Regimentern, die von französischen Offizieren geführt wurden. Die meist bäuerlichen Harkis betätigten sich als Frontkämpfer und Ortsaufseher, sie leisteten Hilfs- und Spitzeldienste. Nur die wenigsten traten aus Überzeugung in die französische Armee ein; häufiger gab es Zwang und Druck durch französische Anwerber, die durch die Dörfer zogen. Manchmal gab materielle Not den Ausschlag, manchmal der Umstand, dass bereits ein Vater oder ein Bruder unter den Kolonialherren Dienst leistete.

Nach der Unabhängigkeit Algeriens kamen die Harkis vom Regen in die Traufe, verfolgte sie das siegreiche FLN-Re­gime doch als Landesverräter. An die 100000 Harkis wurden zwischen März und November 1962 regelrecht abgeschlachtet. Der französische Präsident Charles de Gaulle weigerte sich im Juli jenes Jahres, die verfolgten Hilfstruppen nach Frankreich zu überführen. «Wir können doch nicht alle Muslime aufnehmen, die sich in ihrem Land nicht mit ihrer Regierung verstehen», sagte der General. Dass letztlich doch mehrere zehntausend Harkis nach Frankreich kamen, war vor allem jenen französischen Offizieren zu verdanken, die genau wussten, dass es für ihre Soldaten den sicheren Tod bedeuten würde, in Algerien zu bleiben.

In Frankreich kamen die Harkis in Durchgangslager, viele davon in Südfrankreich, aber auch weiter im Norden. «Man wählte bewusst verlassene Gegenden, entfernte sie möglichst weit weg von der Bevölkerung», meint die Harki-Forscherin Fatima Besnaci-Lancou, die selbst als Kind nach Frankreich gekommen war. «Während die Franzosen in uns halbwertige Algerier sahen, beschimpften uns die Algerier als Kollaborateure der Franzosen. Wir hatten – und haben – den Status von Aussätzigen.»

Ersichtlich wird das auch im kleinen Harki-Friedhof von Le Vigeant. An ihn wagten die Behörden keine Hand zu legen. Gut versteckt am Rande eines Gehölzes, beherbergt er ein Dutzend Gräber. Die Steinplatten liegen unausgerichtet wie hingeworfen da, nur durch ein paar Zaunstangen geschützt. Auf einer verwitterten Inschrift in Arabisch lässt sich noch das Datum 1965 entziffern.

«Der Krieg war schrecklich, die Rache ebenso»

1965, das ist schon über 50 Jahre her. Was ist aus den Harkis geworden, die das Lager von Le Vigeant überlebt haben? «Ich kenne keine mehr», meint der Historiker Jean-Luc Gillard, einer von wenigen, die sich in der Vienne um das Thema Harki kümmern. Die Zahl der heute in Frankreich lebenden Harkis und ihrer Nachfahren der zweiten und der dritten Generation schätzt er auf 500000. «Wer im Lager von Le Vigeant gewesen ist, geht aus keinem öffentlichen Geschichtsarchiv hervor», sagt er. «Wer davon heute noch am Leben ist, noch weniger.» Nur ein Name fällt dem Lokalhistoriker ein: In Châtellerault, 100 Kilometer nördlich von Le Vigeant, wohnt ein gewisser Boumédienne Bouhassoun. Dieser altgediente Harki war zwar nicht selber in dem Lager gewesen, aber seine inzwischen verstorbene Frau Aïcha. In seinem geräumigen Wohnhaus erzählt der 79-jährige rundum freundliche Veteran des Algerienkrieges, die Lebensbedingungen im Lager seien korrekt gewesen. Die Insassen hätten über Strom und fliessend Wasser verfügt. «Die Männer erhielten eine Schnellbleiche als Bauarbeiter, um dann auf alle Landesgegenden verteilt zu werden. Sie waren auf sich allein gestellt und mussten mit anderen algerischen Saisonarbeitern zusammenarbeiten, die mit dem FLN sympathisierten und die Harkis oft mit dem Tod bedrohten», erzählt Bouhassoun. Er sei «stolz», auf der Seite der Franzosen Krieg geführt zu haben.

Der Algerier fühlt sich Frankreich verbunden, weil sein Offizier alles darangesetzt habe, dass «seine» Harkis nach Kriegsende zusammen mit den «pieds-noirs», französischen Kolonialrückkehrern, aus Algier fliehen konnten. «Schreiben Sie, dass uns ein gewisser Jacques Lallemand gerettet hat. Ihm sind wir zu ewigem Dank verpflichtet», meint Bouhassoun unter Tränen. Einem Bruder hätten die FLN-Schergen die Augen ausgestochen, bevor sie ihn umgebracht hätten, berichtet er. «Der Krieg war schrecklich, die Rache ebenso. Heute müssen wir diese Gefühle hinter uns lassen.»

«Brosamen» für Veteranen und ihre Nachfahren

Der algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika hat allerdings unlängst klar­gemacht, dass sein Land «noch nicht bereit» sei, sich mit den Harkis zu versöhnen. In Frankreich entdecken die französischen Politiker jeweils vor den Wahlen, dass eine halbe Million Harki-Nachfahren im Land leben. Die Präsidenten Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy und François Hollande fanden in ihren Kampagnen jeweils Worte der «nationalen Anerkennung» für die Leistung der Harkis im Algerienkrieg. Nach den Wahlen gerieten die Aussagen wie ihre Adressaten wieder in Vergessenheit.

Emmanuel Macron hatte in seinem Präsidentschaftswahlkampf seinerseits eine Harki-Delegation empfangen und ihr auch eine «materielle» Anerkennung in Aussicht gestellt. Nach seiner Wahl im Mai 2017 richtete er zu diesem Zweck eine Kommission ein. Aufgrund ihrer Empfehlung hat die Regierung am Dienstag die Schaffung eines auf vier Jahre angesetzten Hilfsfonds über 40 Millionen angekündigt. Das seien blosse «Brosamen», klagt Boaza Gasmi, Präsident des nationalen Harki-Verbindungskomitees (CNLH), am Telefon; gerechtfertigt wäre für ihn eher ein Beitrag von 40 Milliarden Euro, namentlich für die Rentenansprüche der Harkis. «Wir wollen keine Sozialhilfe, wir wollen wie Kriegsveteranen und ihre Nachfahren behandelt werden.»

Die Schweiz vermittelte

Der Algerien-Krieg zwischen 1954 und 1962 stellt eine Zäsur in der Geschichte Frankreichs dar. Im November 1954 startete die Nationale Befreiungsfront Algeriens (FLN) eine Offensive mit Terroranschlägen gegen die europäischen Kolonialherren. Für die Franzosen war Algerien integraler Bestandteil ihres Landes, und so antworteten sie mit brutaler Repression gegen Algerier, die der FLN angehörten oder die sie verdächtigten, Teil der Unabhängigkeitsbewegung zu sein. Dazu gehörte die systematische Anwendung von Folter. In Frankreich führte die durch den Krieg verschärfte Wirtschaftskrise zum Ende der Vierten Republik. Sie mündete in der Gründung der Fünften Republik unter dem Weltkriegsgeneral Charles De Gaulle, der 1958 an die Macht gekommen war, als das Militär in Algerien revoltierte und De Gaulles Einsetzung in Paris forderte. Über die Zahl der Toten im Algerien-Krieg gibt es widersprüchliche Angaben. Schätzungen gehen von bis zu 1,5 Millionen toten Algeriern aus, davon 300 000 FLN-Kämpfer. Auf der französischen Seite sollen etwas über 17 000 Soldaten ums Leben gekommen sein. Der Krieg endete am 18. März 1962 mit dem Abkommen von Evian, in dem Frankreich die Unabhängigkeit Algeriens akzeptierte. Die Verhandlungen wurden vom Schweizer Diplomaten Olivier Long begleitet. Die Schweiz war bereits 1960 von beiden Konfliktparteien um ihre Guten Dienste gebeten worden. Treffen zwischen Algeriern und Franzosen fanden unter anderem auch in Luzern und Neuenburg statt. (dlw)

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