Frankreichs Sozialisten droht die Spaltung

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Wahlkampf Mit Manuel Valls hat der bisher prominenteste Vertreter der Parti Socialiste (PS) erklärt, er werde bei den Präsidentschaftswahlen von Ende April für den Parteilosen Macron stimmen. Es gehe darum, einen ­Wahlsieg ­Marine Le Pens zu verhindern, und dazu sei Macron angesichts aller Umfragen mit Abstand am ehesten in der Lage.

Mit fliegenden Fahnen zu Macron

Vor Valls hatten sich schon andere Sozialisten wie Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian für Macron ausgesprochen. Mit Valls bricht allerdings der ganze rechte PS-Flügel ab, um mit fliegenden Fahnen zu Macron überzulaufen. Desavouiert ist der im Januar in Primärwahl bestimmte PS-Kandidat Benoît Hamon, der in den Umfragen schon auf den fünften Platz zurückgefallen ist. Noch am Vortag hatte er sich in Berlin die Unterstützung durch den SPD-Frontrunner Martin Schulz geholt und Kanzlerin Angela Merkel getroffen.

Der Abfall von Valls trifft den offiziellen PS-Kandidaten Benoît Hamon mit voller Wucht. Der Vertreter des linken Parteiflügels warf seinem Parteifreund Wortbruch vor: Valls hatte sich in der – von ihm verlorenen – Primärwahl im Januar verpflichtet, den nachmaligen Sieger zu «unterstützen und sich in seiner Kampagne zu engagieren». Hamons Anhänger schimpfen Valls einen «Verräter» und «Mann ohne Ehre»; ein Parteimitglied reichte gestern sogar Klage gegen ihn wegen «politischer Veruntreuung» ein.

«Ein vergiftetes Geschenk»

Macron reagierte verhalten. Er dankte Valls zwar für den Sukkurs, betonte aber, er trete für die «Erneuerung der Gesichter und Praktiken» ein. Am Vortag hatte er erklärt, wer ihn wirklich unterstützen wolle, könne dies nicht unter einem alten Parteisignet tun. Obwohl sich Macron als «weder links noch rechts» positioniert, zeigt er zunehmend Mühe, sich der fast zu starken Unterstützung durch die Sozialisten zu erwehren. Das trägt ihm den Vorwurf ein, er sei gar kein Erneuerer, sondern fahre den gleichen Kurs wie der unpopuläre Präsident François Hollande und Ex-Premier Valls. Einzelne Medien nennen Valls’ Stellungsbezug gar ein «vergiftetes Geschenk» für Macron. (sbp)

Hinweis

In gut einem Monat wählt Frankreich einen neuen Präsidenten oder erstmals eine Präsidentin. Wohin steuert das Land? Stefan Brändle, Frankreich-Korrespondent, ist am Mittwoch, 5. April 2017, Gast eines öffentlichen Podiums im Musical Theater Storchen in St. Gallen. Nach einem Kurzreferat des Korrespondenten folgt eine Diskussion mit Vincent Kaufmann, Professor für französische Sprache und Literatur an der HSG und Leiter des MCM-Instituts für Medienmanagement, Tagblatt-Chefredaktor Stefan Schmid und Jürg Ackermann, Blattmacher und stellvertretender Chefredaktor. Beginn ist um 18.30 Uhr, im Anschluss wird ein Apéro riche serviert. Tickets gibt es auf www.tagblatt.ch/vortrag oder unter Telefon 071 272 72 11. (red)