Frankreichs ruhender Pol

Die Räumung des Flüchtlingslagers in Calais, die Terrorbekämpfung im Land, der Erfolg der Fussball-EM: Dies alles ist das Werk von Innenminister Bernard Cazeneuve.

Stefan Brändle/Paris
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800 Journalisten, Fotografen und Kameraleute aus der ganzen Welt waren letzte Woche nach Calais gereist, um die Auflösung des strittigen Flüchtlingslagers am Rand der Hafenstadt mitzuverfolgen. Und natürlich hofften sie auf «action» – sei es durch Flüchtlinge, sei es durch militante Autonomisten der Bewegung No Border, die im «Dschungel», wie das Lager genannt wurde, die Gegenwehr planten.

Allein, die Räumung erfolgte ohne Zwischenfälle. Die Sudanesen, Afghanen oder Iraker verliessen ihre Zelte und Baracken, stellten sich in Warteschlangen und stiegen nach der Erledigung einiger Formalitäten in einen der Dutzenden Cars, die sie in 280 Auffanglager in ganz Frankreich brachten – zum Teil über tausend Kilometer entfernt.

Bernard Cazeneuve meidet das Rampenlicht

Zum Wochenende hin konnte die nordfranzösische Präfektin dann bekanntgeben, dass 5600 Migranten, unter ihnen zahlreiche Minderjährige, an ihrem Ziel angekommen seien. Die Operation sei ein «voller Erfolg». Sie war aber auch generalstabsmässig geplant worden.

Doch der zuständige General schweigt dazu. Innenminister Bernard Cazeneuve meidet das Rampenlicht. Der relativ kleingewachsene Polizeichef Frankreichs – «167 Zentimeter ohne Absätze», meint er mit trockenem Humor in Abgrenzung zum früheren Innenminister Nicolas Sarkozy – wälzt lieber bis spät in die Nacht Dossiers, während seine Amtskollegen in den TV-Studios brillieren. «Die sprechen sicher noch zu den Videokameras, wenn sie ihr Auto nachts in der Tiefgarage abstellen», scherzt der 53jährige Vater von zwei Kindern, ohne das Gesicht zu verziehen. Deshalb nennen ihn seine Mitarbeiter «R2D2», also so wie den kleinen Roboter der Star-Wars-Serie.

Mitte 2014 stieg Bernard Cazeneuve, fast noch unbekannt, zum Innenminister auf. Als die Rechtsopposition das vermeintliche Leichtgewicht mit dem britischen Phlegma bei seinem ersten Parlamentsauftritt ausbuhte, konterte er so ungerührt wie immer: «Sie freuen sich offensichtlich, mich hier zu sehen. Seien Sie unbesorgt, ich werde Sie nicht enttäuschen.» Das bewies er wenige Monate später, als die Charlie-Hebdo-Anschläge mit zwölf Toten Frankreich erschütterten. Cazeneuve reagierte kaltblütig und entschlossen, indem er den von Hollande beschlossenen Ausnahmezustand umsetzte. Über 3000 Hausdurchsuchungen ordnete er an, elf teilweise weit fortgeschrittene Attentatsprojekte vereitelten seine Leute. Dabei lässt sich Cazeneuve nie zu übereilten Aktionen oder Aussagen hinreissen. Auch nach den Bataclan-Anschlägen mit 90 Toten von Ende Jahr wahrte Cazeneuve als einer von wenigen an der Staatsspitze ruhig Blut.

Den Schutz der nachfolgenden Umweltkonferenz von Paris organisierte er mit der gleichen Umsicht wie die Fussball-EM: Die Polizei markierte Präsenz, ohne damit die ausländischen Fans abzuschrecken. Nur die Hooligan-Gefahr vernachlässigte Cazeneuve zuerst, weil er dermassen mit Terrorabwehr beschäftigt war.

«Meine Herrin ist die Republik Frankreich.»

Bernard Cazeneuve ist mittlerweile ein Schwergewicht der Regierung. Deshalb versucht Hollande, ihn als Joker für seine Wiederwahl zu vereinnahmen. Der aufrechte Minister bleibt seinem Parteifreund loyal verbunden, aber er macht immer wieder klar, dass er letztlich nicht dem Präsidenten dient: «Meine Herrin ist die Republik Frankreich.» Der Innenminister hegt selbst keine präsidialen Ambitionen, auch wenn er einer der populärsten Minister ist.

Im Unterschied zu anderen Spitzenpolitikern kennt er seine Grenzen. Er weiss, dass er die gewaltigen Herausforderungen, die der Terror und die Flüchtlinge darstellen, nicht im Alleingang lösen kann. Aber zumindest hat er Frankreich wieder in etwas geordnetere und ruhigere Bahnen gelenkt. Und das ist schon viel.