Frankreichs Armee «am Anschlag»

Terrorabwehr im Daueralarm, dazu Militäreinsätze von Afrika bis Syrien: Die französische Armee stösst an ihre Grenzen. Am Nationalfeiertag kündigte Präsident François Hollande eine Neugewichtung der Militäreinsätze an.

Stefan Brändle
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François Hollande auf der Fahrt zur Tribüne für die Truppenparade. (Bild: epa/Thibault Camus)

François Hollande auf der Fahrt zur Tribüne für die Truppenparade. (Bild: epa/Thibault Camus)

PARIS. Die traditionelle Truppenparade des «Quatorze Juillet» ist für einmal von neuseeländischen Maori-Kriegern angeführt worden. Der Barfuss-Marsch der tätowierten Ehrengäste sollte versinnbildlichen, dass die französische Armee wie die Republik keinen nationalistischen, sondern einen universellen Anspruch hat.

Auch die Linke begeht den auf den revolutionären Bastille-Sturm zurückgehenden 14. Juli mit Inbrunst, und der Sozialist Hollande zeigte sich stolz, die «herrliche Parade» abzunehmen.

Erschöpft und ausgelaugt

Weniger herrlich ist bei genauerem Hinsehen aber der Zustand der Armee. Unter dem Mantel der Verschwiegenheit erklären Soldaten und Offiziere in den Medien, die Einheiten seien müde, erschöpft und ausgelaugt von den sich überlagernden Spezialmissionen. 32 000 Männer und Frauen sind im Dauereinsatz – was auch für die vom Bestand her grösste europäische Berufsarmee nicht leicht zu verkraften ist.

Seit den Terroranschlägen vom Januar 2015 gegen das Satireblatt Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt läuft in Frankreich die Operation Sentinelle. Nicht minder heikel sind die Missionen im Sahelgebiet sowie in Syrien und Irak. Dazu kommen Beteiligungen an Uno-Missionen in Libanon und an EU-Operationen vor Somalia; Tausende von Soldaten sind zudem in afrikanischen, arabischen und deutschen Garnisonen stationiert, ebenso viele in den französischen Überseegebieten.

Bodentruppen für Irak?

Generalstabschef Pierre de Villiers schätzt ebenfalls, Luftwaffe, Marine und Armee befänden sich «ständig am Anschlag». Vor allem die gefährliche Operation Barkhane in den fünf Sahelstaaten Mali, Mauretanien, Tschad, Niger und Burkina Faso absorbiert viel Energie. Die Islamisten in der Region wurden zwar 2013 zurückgeschlagen; doch der geplante Rückzug der Franzosen verzögert sich immer mehr. Die in die Wüste geflüchteten Jihad-Gruppen sind in den letzten Wochen sogar wieder aktiver geworden, weshalb die 3500 französischen Elitesoldaten das riesige, brütend heisse Gebiet kaum mehr kontrollieren.

Präsident François Hollande bestätigte gestern zudem, dass in Irak nicht mehr nur Rafale-Kampfjets, sondern bald auch französische Soldaten am Boden zum Einsatz kommen sollen. Ob es sich dabei wirklich nur um «Militärberater» handelt, wie Hollande beteuert, wird teils bezweifelt; auf jeden Fall sollen französische Soldaten die irakische Armee bei der Rückeroberung von Städten wie Mossul unterstützen.

Antiterror-Kampf neu aufstellen

Um etwas Druck von den «Opex», den Auslandeinsätzen, zu nehmen, hat Hollande schon vor einiger Zeit eingewilligt, dass die französische Operation Sangaris (ursprünglich 2500 Mann) in der Zentralafrikanischen Republik bis zum Jahresende eingestellt werden soll. In Frankreich selbst will er auch die Operation Sentinelle – sichtbar vor allem mit den Militärpatrouillen bei öffentlichen Orten wie Bahnhöfen und Flughäfen – leicht abbauen. Ihr Bestand soll von 12 000 stufenweise auf 7000 Soldaten gesenkt werden, erklärte der Präsident.

Hollande gab ferner bekannt, dass der verfassungsrechtliche Ausnahmezustand, in dem Frankreich seit den Terroranschlägen des letzten November im Bataclan-Lokal lebt, am 26. Juli auslaufen wird. Dieser Schritt war nach dem Ende der Fussball-EM und der derzeit laufenden Tour de France erwartet worden. Hollande sagte zwar, die Terrorgefahr sei «nicht am Abnehmen». Inzwischen habe seine Regierung jedoch Polizei und Nachrichtendienste verstärkt. Das Antiterror-Dispositiv bleibe auf der höchsten Alarmstufe.

Dies bedingt eine Neuorganisation der Sentinelle-Mission. Ein Parlamentsbericht hatte ihr bereits eine «beschränkte Wirkung für die nationale Sicherheit» attestiert. Auch General de Villiers räumt ein, die – für die Soldaten oft aufreibende – Dauerwache etwa vor wenig besuchten Orten sei «zu statisch»; besser wäre es, mit weniger Soldaten «mehr Mobilität und Überraschungseffekt» zu bewirken.

Engpässe sukzessive beheben

Die aktuellen Engpässe in der französischen Armee sollen ab 2017 sukzessive behoben werden. Unter dem Eindruck der Terroranschläge hatte Hollande eine wehrpolitische Kehrtwende vollzogen und den Abbau der Armeebestände in einem ersten Schritt gestoppt; insgesamt sind derzeit 15 000 neue Posten besetzt. Auch der Rüstungsetat Frankreichs ist im Steigen begriffen. Hollande begrüsste auch ausdrücklich, dass Deutschland wieder grössere Verteidigungsanstrengungen unternehmen will.