Frankreich zeigt Flagge

Mit einer bewegenden Gedenkfeier hat Frankreich der Todesopfer der Pariser Terroranschläge gedacht. Viele Franzosen haben aus diesem Anlass die Trikolore in die Fenster gehängt.

Stefan Brändle
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PARIS. Der Moment war ergreifend – und genau zwölf Minuten lang. So viel Zeit nahm es in Anspruch, die Namen der 130 Todesopfer der Anschläge vom 13. November zu verlesen. Zwei Stimmen wechselten sich ab, Vornamen, Namen und Alter der Opfer zu nennen. Im kalten Hof des Invalidendoms kamen vielen der 2000 Gäste immer wieder die Tränen, während die Aufzählung nicht enden wollte.

Eingerahmt wurde die schlichte Zeremonie durch zwei Chansons von Jacques Brel und Barbara sowie eine Bach-Suite – und zum Schluss natürlich durch die Marseillaise, in die alle Anwesenden einstimmten. «Es ist die Musik, die die Terroristen nicht ausstehen können», erklärte Präsident François Hollande in seiner Ansprache, an das Blutbad im Bataclan-Saal während eines Rockkonzerts erinnernd. «Sie haben den Kult des Todes, aber wir haben die Liebe zum Leben. Wir werden noch mehr Lieder singen, mehr Konzerte und Aufführungen machen.»

Martialische Worte

Zugleich wählte Hollande schon im ersten Satz sehr deutliche, ja martialische Worte an die Adresse der «Horde von Mördern», die einen «Akt des Krieges» begangen habe. «Diese Bewährungsprobe hat uns schwer getroffen, aber sie wird uns stärker machen. Frankreich wird die fanatische Armee, die diese Verbrechen begangen hat, zerstören.»

Vor der Gedenkfeier hatte Hollande seine Landsleute gebeten, ihre Fenster und Balkone mit der rot-weiss-blauen Trikolore zu beflaggen. Er benützte das Wort «pavoiser», das im übertragenen Sinn auch «stolz sein» bedeutet. Und vielleicht brauchten die Franzosen diesen «patriotischen Schub» – so der Chronist Alain Duhamel –, um den ersten Schrecken und die tiefste Trauer zu überwinden.

Ob Trikolore, Marseillaise oder markige Worte des Staatschefs: Frankreich lebte schon immer mit und zum Teil von seinen nationalen Symbolen. Und wegen der für die Republik so wichtigen Revolution von 1789 hat auch die Linke keine Berührungsängste. Die Linken-Politikerin Raquel Garrido etwa umrahmte ihren Internetauftritt in den drei Nationalfarben, und der bekannte Sänger Magyd Cherfi, der aus Algerien stammt und sich als Anarchist bezeichnet, trug gestern symbolisch die Trikolore zu einem bezeichnenden Twitterkommentar: «Sie ist alles, was uns hochzuheben bleibt.»

Banlieue-Ghettos kaum beflaggt

Schaute man sich die Häuserfassaden an, drängte sich jedoch der gleiche, fast schon soziologische Befund wie bei den «Charlie-Hebdo»-Attentaten vom Januar auf: Ganze Banlieue-Quartiere nahmen kaum an der Trikolore-Aktion teil. An den riesigen Wohnsilos war grossenteils keine einzige Flagge zu sehen. Das muss nicht unbedingt auf die Absenz patriotischer Gefühle oder Anteilnahme für die Opferfamilien schliessen lassen – zeugt aber einmal mehr vom tiefen Graben, der sich um die Banlieue-Ghettos zieht und die französische Gesellschaft spaltet. Bezeichnenderweise wurde dieser Umstand in den Medien völlig ausgeblendet.

Möglicherweise fällt das Abseitsstehen ganzer Wohngebiete diesmal weniger auf, da sich auch andere Franzosen weigerten, Hollandes Appell zu folgen. Im «Le Parisien» erklärte ein Beamter, er lasse sich von der Regierung nicht vorschreiben, was er zu tun habe. Eine 73jährige Dame verwahrte sich gegen «den Eindruck einer politischen Vereinnahmung».

Auf Hollande ausgerichtet

In der Tat war die ganze Gedenkfeier ganz auf Hollandes Auftritt ausgerichtet. Er erhielt – oder gab sich – als einziger das Wort; alle anderen Politiker, Ex-Präsidenten oder Parteichefs – unter ihnen Nicolas Sarkozy und Marine Le Pen – hatten nur eine stumme Statistenrolle. Auch schwenkten die TV-Kameras kaum je auf sie. Die Erklärung – alle Fernsehbilder wurden von der Armee geliefert. Die grossen Sender hatten erfolglos dagegen protestiert; Hollandes Pressedienst machte den nationalen Ausnahmezustand geltend. Zutreffender wäre wohl die Erklärung, dass Regionalwahlen bevorstehen, in denen das Hollande-Lager mit einer neuen Niederlage rechnen muss.

Immerhin verbucht der Präsident seit den Terroranschlägen ein Umfrageplus von sieben Prozent. In den Wahlumfragen liegt aber weiter der rechte Front National (FN) mit knapp 30 Prozent der Stimmen vor den konservativen Republikanern mit rund 28 Prozent und weit vor den Sozialisten mit 22 Prozent. Mehrere FN-Spitzenkandidaten haben erstmals reelle Chancen, den Vorsitz einer Region zu übernehmen. Eine Woche vor dem ersten Wahlgang ist das Interesse der Franzosen an den Regionalwahlen allerdings minim.