Frankreich steht unter Schock

In zehn Minuten erschiessen zwei Attentäter zwölf Menschen. Nach dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» werden die Sicherheitsvorkehrungen massiv verstärkt.

Stefan Brändle/Paris
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Die Attentäter steigen aus dem Fluchtauto aus und beschiessen eine Polizeipatrouille. (Bild: afp/Anne Gelbard)

Die Attentäter steigen aus dem Fluchtauto aus und beschiessen eine Polizeipatrouille. (Bild: afp/Anne Gelbard)

Das Viertel südlich der Metrostation Richard-Lenoir ist an normalen Tagen still und verlassen. Doch dieser Mittwoch geht nicht als normaler Tag in die französische Geschichte ein. Mehrere Schüsse knallten durch die Gassen, gut hörbar waren Rufe wie «Allahu Akbar» – Gott ist grösser. Drei vermummte Männer waren vor der Redaktion von «Charlie Hebdo» vorgefahren; zwei erzwangen mit Kalaschnikows Zutritt zu den Büros, wo um elf Uhr eine Redaktionskonferenz stattfand. Mit ihren schweren Waffen erschossen die Täter Zeichner und Journalisten, darunter Chefredaktor Stéphane Charbonnier, der sich unter dem Kürzel Charb als Mohammed-Karikaturist einen Namen gemacht hatte. Unter den Opfern sind auch die dri landesweit bekannten Karikaturisten Cabu, Wolinski und Tignous.

Täter auf der Flucht, aber identifiziert

Während des Anschlages riefen die Täter laut Augenzeugen auch: «Wir haben den Propheten Mohammed gerächt.» Nach der zehnminütigen Schiesserei verliessen die Attentäter den Ort des Blutbades. Als sie in einer Einbahnstrasse davonfahren wollten, versperrte ihnen eine herbeieilende Polizeipatrouille zuerst den Weg; sie hatte aber den schweren Waffen nichts entgegenzusetzen und musste mit ihrem Fahrzeug zurückweichen. Nur 100 Meter später sahen die Männer einen weiteren Sicherheitsbeamten. Sie liefen auf ihn zu. Gemäss einem im Internet zu sehenden Video hob dieser die Hand und fragte: «Wollen Sie mich töten?» Einer der Täter antwortete: «Ist gut, Chef» – und schoss dem Polizisten in den Kopf. Der schwarze Citroën fuhr darauf zur Porte de Pantin am Stadtrand von Paris; dort nahmen die Täter eine Geisel und setzten sich Richtung Banlieue ab. Vorläufige Bilanz: zwölf Tote, darunter zwei Wachpolizisten, vier Schwerverletzte.

Am Abend meldeten französische Medien unter Berufung auf Ermittler, die Polizei habe die drei mutmasslichen Attentäter identifiziert. Darunter seien zwei in Paris geborene, algerisch-stämmige Brüder namens Saïd und Chérif Kouachi im Alter von 34 und 32 Jahren mit französischem Pass. Der Jüngere ist angeblich als Unterstützer einer Terrororganisation vorbestraft. Der Dritte im Bunde soll ein 18-Jähriger namens Hamyd Mourad ohne festen Wohnsitz sein. «La Libération» meldete unter Berufung auf Polizeikreise, die Polizei kenne den Aufenthaltsort der Gesuchten.

Wie auf einem Filmdreh

Der blutigste Terroranschlag Frankreichs seit je bewirkte landesweit schockierte Reaktionen. Staatschef François Hollande sprach von einer «Barbarei». Er bestimmte den Donnerstag zum «Tag der nationalen Trauer». Die Republik sei im Herzen getroffen, bleibe aber geeint, um die Meinungsfreiheit zu verteidigen, sagte er am Fernsehen: «Nichts wird uns davon abbringen können.» Premier Manuel Valls löste eine Fahndung mit 3000 Polizisten aus. Zudem hob er das Antiterror-Dispositiv auf höchste Stufe. Der Grossraum Paris steht nun unter «Attentatsalarm». Die Bewachung exponierter öffentlicher Orte wurde verstärkt.

Für die Redaktion von «Charlie Hebdo» kommen die Massnahmen zu spät. Das kleine Satiremagazin mit starkem Linksdrall hatte seit 2013 schon Sonderschutz genossen, nachdem es einmal mehr Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte. «Charb» wollte mit diesen bewusst unflätigen Zeichnungen ein Zeichen setzen, dass man vor religiösen Eiferern nicht weiche. Mit der Zeit hatten die Anarchos von «Charlie» aber selbst genug von der ständigen Polizeiüberwachung; einige konnten sich nur noch mit persönlichem Geleitschutz bewegen. So war die Redaktion gestern nicht mehr rund um die Uhr geschützt. Mitarbeiter einer benachbarten Presseagentur filmten die Attacke mit Handys von ihren Bürofenstern aus. Anwohner sagten, sie hätten zuerst an einen Filmdreh geglaubt. Erst als die Flammen aus den Gewehrläufen geschossen seien, hätten sie den Ernst der Lage erkannt.

In Paris fanden am Abend Solidaritätskundgebungen statt. Rufe erklangen, «Charlie Hebdo» müsse so rasch wie möglich wieder erscheinen. Zu sehen war an den Treffen auch die Titelseite der neuen «Charlie»-Ausgabe. Darauf prangt Starautor Michel Houellebecq, der zufällig am gleichen Tag seinen sechsten Roman «Soumission» vorgelegt hat – die deutsche Version «Unterwerfung» erscheint in einer Woche. Das Buch schildert die Wahl eines moslemischen Präsidenten 2022 in Paris und die folgende Islamisierung Frankreichs unter der Überschrift «Die Vorhersagen des Zauberers Houellebecq». Nur den Terroranschlag hatten weder er noch «Charlie» vorhergesehen.