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FRANKREICH: Mord an einer Jüdin in Paris: Der Antisemitismus grassiert in den Banlieues

Der Mord an einer jüdischen Rentnerin wirft ein Schlaglicht auf den «islamischen Antisemitismus». Viele Juden ziehen aus den Banlieue-Siedlungen in Paris aus oder emigrieren ganz nach Israel.
Stefan Brändle, Paris
Mireille Knolls Wohnungstür im 11. Arrondissement in Paris. (Bild: E. Laurent/EPA (27. März 2018))

Mireille Knolls Wohnungstür im 11. Arrondissement in Paris. (Bild: E. Laurent/EPA (27. März 2018))

Stefan Brändle, Paris

Mireille Knoll war vom Leben nicht verwöhnt. Die 85-jährige Französin lebte mittellos in einer Sozialwohnung im 11. Arrondissement (Stadtbezirk) von Paris und litt unter Parkinson. Als jüdisches Kind hatte sie im Zweiten Weltkrieg die Verfolgungen durch die deutschen Besatzer miterlebt; der grössten Razzia der franzö­sischen Polizei im Pariser Winter-Velodrom, aus dem 1942 über 13 000 Juden in die Vernichtungslager deportiert wurden, entging sie ganz knapp.

Am vergangenen Freitag wurde Mireille Knoll mit elf Messer­stichen auf ihrem Bett vorge­funden. Die Wohnung stand in Flammen. Der mutmassliche ­Täter wurde schnell gefasst. Es handelt sich um einen 29-jährigen Maghrebiner, der seit seiner Kindheit im gleichen Wohnblock lebte und von der im Viertel als herzensgut bekannten Mireille Knoll gemäss einem Familien­angehörigen des Opfers «wie ein Sohn» behandelt wurde. Wegen sexueller Gewalt an der zwölf­jährigen Tochter von Knolls Pflegerin hatte er vor einem halben Jahr eine Haftstrafe abgesessen. Ein 22-jähriger Obdachloser ­wurde inzwischen als möglicher Komplize festgenommen. Er soll den Ermittlern erklärt haben, sein Kumpel habe bei der Tat «Allahu Akbar» gerufen.

Antisemitismus hat sein Gesicht gewandelt

Der Fall erinnert an den gewaltsamen Tod einer anderen jüdischen Seniorin: Sarah Halimi (65) war vor einem Jahr in Paris ebenfalls von einem muslimischen Nachbarn misshandelt und über den Balkon in den Tod gestürzt worden. Er habe den «Teufel» ausgetrieben, meinte der west­afrikanische Täter, der seither in Haft sitzt.

Die Staatsanwaltschaft ging zuerst von einem psychiatrischen oder nachbarschaftlichen Konflikt aus; erst nach Protesten der jüdischen Gemeinschaft wurde eine mögliche antisemitische Motivation in den Tatbestand aufgenommen. Die Ermordung von Mireille Knoll war in vielen französischen Medien tagelang kein Thema. Sie waren zweifellos von dem jüngsten Terroranschlag am Freitag in Carcassonne (Südfrankreich) absorbiert. Trotzdem erhebt der jüdische Dachrat Crif den Vorwurf, dass die Öffentlichkeit die Mordtat in Paris ver­dränge und das antisemitische Motiv vernachlässige.

Der Antisemitismus hat in Frankreich sein Gesicht gewandelt: Er entstammt nicht mehr wie in den Neunzigerjahren dem rechtsextremistischen Milieu, sondern grassiert vor allem unter muslimischen Jugendlichen. In einzelnen Banlieue-Schulen weigern sich heute Zehn- oder Zwölfjährige, über den Holocaust zu sprechen. Wer die Kippa trägt, riskiert Beschimpfungen und Schläge.

Frankreichs Juden ziehen deshalb, wenn sie es sich leisten können, in die besseren Viertel im Westen von Paris. Rund 40 000 französische Juden – die mit einer halben Million Vertretern ihre grösste Glaubensgemeinschaft in Europa bilden – sind im ver­gangenen Jahrzehnt nach Israel ausgewandert. Unter den Verbleibenden herrscht Angst. Und dazu Verzweiflung: Gerade die sefardischen Juden aus Algerien fühlen sich den muslimischen Maghrebinern kulturell verbunden.

Physische Attacken haben zugenommen

Der Nahostkonflikt und die diversen Intifadas haben aber bis in die Banlieue-Siedlungen Spuren hinterlassen. Nach den Anschlägen am 11. September 2001 trugen Einwandererkinder stolz T-Shirts mit Bin-Laden-Konterfei. Solche Äusserungen sind zwar heute durch neue Gesetze gegen die «Verherrlichung des Terrorismus» verboten. Der Judenhass hat in den Einwandererghettos aber nur noch zugenommen.

Die Diskriminierung, die muslimische Jugendliche bei der Job- oder Wohnungssuche er­fahren, richtet sich nicht mehr nur gegen Symbole des franzö­sischen Staates, sondern zunehmend auch gegen die Juden. Das sei «das Werk der Islamisten», wiederholte der der israelischen Rechten nahestehende Abgeordnete Meyer Habib nach der Ermordung von Mireille Knoll.

Wie sehr viele Politiker äusserte Präsident Emmanuel Macron seine Bestürzung über das «scheussliche Verbrechen»; er verspricht «totale Entschlossenheit im Kampf gegen den Anti­semitismus». Vor wenigen Tagen erst hat sein Premierminister Edouard Philippe ein neues Gesetz vorgestellt, das vorab die ­judenfeindlichen Hasstiraden im Internet ins Visier nimmt.

Die antisemitischen Delikte wie etwa Attacken auf Synagogen haben in Frankreich in den letzten drei Jahren insgesamt abgenommen. Doch die physischen Gewaltakte nehmen zu – und offensichtlich gerade auch gegen ältere Bürger. Die jüdische Gemeinschaft hat deshalb für Mittwoch zu einem Protestmarsch in Paris aufgerufen.

Kommentar: Die Saat der Salafisten

Vor einem Jahr ermordete wohl ein Westafrikaner die jüdische Rentnerin Sarah Halimi in Paris durch einen Wurf vom Balkon. Am vergangenen Freitag brachte ein Maghrebiner vermutlich die Holocaust-Überlebende Mireille Knoll mit Messerstichen um, wobei er «Allahu Akbar» gerufen haben soll.

Die jüdische Gemeinschaft ist verängstigt, und in den Medien wird debattiert: Wer war da am Werk? Die zwei Mordtaten erscheinen wie das Konzentrat einer Ideologie, die nicht nur in Afghanistan oder Syrien wütet und die nicht nur Terrorakte auslöst: Sie nistet sich auch zunehmend in den Banlieue-Vierteln der französischen Einwandererzone ein. Diese Ideologie ist brutal, antisemitisch, pathologisch und kriminell – genau wie die Morde an zwei älteren Menschen, die nach der Verfolgung durch die Nazis nun eine neue Form der Bedrohung erfahren.

Diese islamistische Ideologie wirkt in Frankreich offenbar so stark, dass sie sich langsam verselbstständigt: Sie findet labile und randständige Helfershelfer, die von sich aus zur Tat schreiten. In der Pariser S-Kartei für Gefährder finden sich über 10 000 Namen. Das ist nicht nur für die Juden Frankreichs ungemütlich.

Stefan Brändle, Paris

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