Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

FRANKREICH: Macrons Schonfrist ist zu Ende

Nach 100 Tagen im Amt hat Präsident Macron schon viel Popularität eingebüsst. Anders als für Barack Obama, wird seine anfangs sehr günstige Position in der politischen Mitte zum Handicap.
Stefan Brändle, Paris
Es wird einsam um den einstigen Shootingstar Emmanuel Macron. (Bild: Charles Platiau/EPA (Paris, 14. Mai 2017))

Es wird einsam um den einstigen Shootingstar Emmanuel Macron. (Bild: Charles Platiau/EPA (Paris, 14. Mai 2017))

Stefan Brändle, Paris

Wenigstens im Ausland wirkt der Macron-Effekt weiter. Laut der amerikanischen Zeitschrift «Fortune» ist der französische Staatschef die weltweit einflussreichste Persönlichkeit unter 40 Jahren, direkt vor Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Bis zu seinem nächsten Geburtstag am 21. Dezember darf der 39-Jährige diesen internationalen Status noch vier Monate lang geniessen.

In Frankreich selbst ist Macron nach seinen ersten 100 Tagen im Elysée-Palast bereits auf dem Boden der Realität gelandet. 62 Prozent der Franzosen sind laut Umfrage «unzufrieden» mit ihm. Die Zustimmungsquote beläuft sich nur noch auf 36 Prozent. Bloss Jacques Chirac (1995 bis 2007 im Amt) war nach seinem Einzug ins Elysée schneller unpopulär geworden. Sogar wenig beliebte Vorgänger wie François Hollande oder Nicolas Sarkozy hatten sich nach Ablauf ihrer 100-tägigen Schonfrist besser gehalten im Amt als Macron.

Erstaunlich ist dessen schrumpfende Quote nur bis zu einem gewissen Grad. Nachdem ihm während des Präsidentschaftswahlkampfes immer wieder das Glück gewinkt hatte, war ein Rückstoss zu erwarten gewesen.

Trotzdem erstaunt Macrons Popularitätseinbruch gerade ausserhalb der Landesgrenzen. Weniger in Frankreich, wo die wirtschaftliche Stimmung nach wie vor gedrückt ist. Macrons Strukturreformen wie etwa die Liberalisierung des Arbeitsrechts werden, wenn überhaupt, frühestens 2019 oder gar 2020 Früchte tragen. Für konjunkturelle Ankurbelungsmassnahmen hat der französische Präsident aber kaum Spielraum: Der Rechnungshof hat kürzlich eruiert, dass Hollande ein bedeutend tieferes Loch in der Staatskasse hinterlassen hat, als er dies angegeben hatte.

Analysiert man die Umfragewerte Macrons etwas genauer, zeigt sich rasch, dass dem Mittepolitiker heute der Wind gleich von seinen beiden Seiten hart ins Gesicht weht. Die Linke, allen vor­an Jean-Luc Mélenchons «Unbeugsame» sowie die militante Gewerkschaft CGT, misstraut dem technokratischen Ex-Banker mehr denn je; für September organisiert sie harten Widerstand gegen das neue Arbeitsrecht. Der Unternehmerverband Medef findet seinerseits immer mehr Haare in Macrons zusammengemixter Wirtschaftssuppe und kritisiert neuerdings seine «negativen Massnahmen» fiskalischer Art.

Damit zeigt sich erstmals ein Effekt, der in dem politisch so polarisierten Frankreich eigentlich auch nicht überraschen kann: Nachdem Macron mit seiner zentristischen Bewegung En Marche bis zur Wahl breitflächig abgesahnt hatte und tief in die Wählerschaften der Sozialisten oder der Bürgerlichen eingedrungen war, wird nun klar, wie labil – nämlich von links wie rechts attackiert – seine Zentrumsposition ist.

Wenig Volksnähe

In der Wirtschaftszeitung «Les Echos» macht der Editorialist Constant Méheut einen wichtigen Unterschied zwischen dem französischen Präsidenten und dem früheren US-Präsidenten Barack Obama aus. Dieser konnte sich nach dem Einstiegserfolg seiner Wahlbewegung «Obama for America» auf die eingespielte Demokratische Partei abstützen, als er im Weissen Haus angelangt war; Macron bekundet hingegen Mühe, seine spontane Internetformation seiner Wahlzeit in eine Partei namens «La République en marche» zu verwandeln.

Zudem scheint er im Amt doch nicht an das Geschick oder die Eleganz seines US-Vorbildes heranzukommen. Mit der Desavouierung des Armeechefs Pierre de Villiers legte Macron eine autoritäre Haltung an den Tag, die zweifellos auf seine Unerfahrenheit oder gar Unsicherheit zurückzuführen ist. Auch schliesst sie, wie Macrons innenpolitische Leitfigur Charles de Gaulle vorgemacht hatte, Volksnähe nicht aus. Macron gibt sich hingegen unnahbar. Am Nationalfeiertag weigerte er sich, seine Landsleute mit dem traditionellen Präsidialinterview in die Sommerferien zu entlassen; schlimmer noch, tat er dies mit dem abgehobenen Argument, seine Gedanken seien «zu komplex» für das TV-Publikum.

Noch ist sein politisches Schicksal nicht besiegelt. Bringt er die Arbeitsmarktreform im Herbst durch, wird er in der Lage bleiben, weitere politische Kastanien aus dem Feuer zu holen und seine Amtszeit erfolgreich zu beschliessen. Aber die Aura eines Shootingstars hat er bereits verloren. Die restlichen 1700 Tage seiner Amtszeit werden kein «Gang über Wasser» mehr sein, wie es anfangs hiess, sondern harte Arbeit. Beinharte Arbeit.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.