Frankreich
Macrons «krimineller» Berater: Der Inzest-Skandal um den Anwalt Olivier Duhamel rückt immer näher an den Präsidenten

Was hat Emmanuel Macron gewusst? Frankreichs Staatschef reagierte erst gar nicht, dann umso deutlicher auf die «Affäre Duhamel».

Stefan Brändle aus Paris
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Schweigsamer Präsident: Emmanuel Macron wollte sich lange nicht zum Skandal um seinen Berater äussern.

Schweigsamer Präsident: Emmanuel Macron wollte sich lange nicht zum Skandal um seinen Berater äussern.

Bild: Ena/EPA (Vernon, 12. Januar 2021)

«Papa, ich wollte dir sagen, dass ich mich nach fast 19 Jahren Gedächtnisverlust erinnere, wie du dein noch nicht fünfjähriges Mädchen ‚geliebt’ hattest», schreibt eine Frau auf Twitter. Dann fügt sie an: «Verbrenn in der Hölle!»

So geht es endlos zu auf dem Twitter-Hashtag #MeTooInceste. Anfang Monat hatte die Anwältin Camille Kouchner über den Missbrauch ihres Bruders durch den prominenten Juristen Olivier Duhamel berichtet. Ihr Buch «Die grosse Familie» brach das Gesetz des Schweigens in den Pariser Machtsphären. Duhamel hat alle Ämter niedergelegt.

Nun zeigt sich, dass auch Emmanuel Macron Umgang mit Duhamel pflegte. Der 70-jährige Verfassungsrechtler war schon früh von den Sozialisten ins Macron-Lager übergelaufen. Er beriet den Präsidentschaftskandidaten 2017. Auch nahm er an dessen Wahlfeier in der Pariser Brasserie La Rotonde teil.

Löste in Frankreich eine zweite grosse «MeToo-Welle» aus: Der Anwalt Olivier Duhamel.

Löste in Frankreich eine zweite grosse «MeToo-Welle» aus: Der Anwalt Olivier Duhamel.

Eric Fougere - Corbis / Corbis Entertainment

Er lobte Macron in den höchsten Tönen

In seinen Medienauftritten verglich er Macron mit Charles de Gaulle, was in Paris einer politischen Heiligsprechung gleichkommt. Wenn der Verfassungsrat einen Gesetzestext des jungen Präsidenten skeptisch beäugte, fiel Duhamel mit einer Brandschrift über das höchste Landesgericht her.

Zumindest die politische Beziehung zwischen Macron und Duhamel war sehr eng. «Le Monde» kommentiert, im Elysée-Palast sei man geradezu «erstarrt» wegen der Inzestaffäre. Der Präsident verfolge ihre Entwicklung «wie die Milch auf dem Feuer».

Bisher fragen keine Pariser Medien, wie weit der Präsident von Duhamels pädophilen Neigungen gewusst oder auch nur gehört habe. Zu Macrons Entlastung ist zu sagen, dass in Paris viele einflussreiche Leute im Bild gewesen sein müssen. Duhamels empörte Schwägerin Marie-France Pisier hatte in Paris möglichst viele Bekannte über Duhamels Umtriebe informiert, bevor sie 2011 auf ungeklärte Weise starb.

Privates bleibt in Frankreich privat

Die politische Opposition macht ihrerseits keine Anstalten, sich wegen dieser Affäre auf Macron einzuschiessen. Zu gross ist die allgemeine Verlegenheit über das Ausmass der Inzest-Enthüllungen. Zu gross bleibt in Frankreich auch das Bemühen, das öffentliche und das Privatleben der Bürger strikt zu trennen.

Trotzdem lastet die Duhamel-Affäre schwerer auf Macron, als man im Elysée-Palast zugeben würde. Das zeigt seine widersprüchliche Reaktion: Wie unter Schock schwieg der Präsident fast drei Wochen lang zur Affäre – jetzt wählt er umso stärkere Worte. Als wolle er jeden Mitwisserverdacht von sich weisen, bezeichnet er Duhamel als «Kriminellen»; er lobt den «Mut» der sich outenden Opfer, deren Leben «im Heiligtum des Kinderzimmers zerbrochen» sei. Konkret kündigt Macron an, dass alle französischen Schüler in der Grund- und Mittelschule bei den obligaten Arztbesuchen vertraulich zum Thema Inzest befragt werden sollen. Das Parlament soll die heute zwanzig- und dreissigjährigen Verjährungsfristen revidieren.

Bleibt die Frage, ob Inzest in der Schweiz ähnlich verbreitet ist wie in Frankreich. In der letzten umfassenden Studie gaben 2012 über 6000 Schüler an, zuhause sexuelle Gewalt erlitten zu haben. Laut der Studie der Stiftung Optimus sind pro Schulklasse zwei bis drei Schüler betroffen. Nach Aufbrechen der Duhamel-Affäre erklärte Manon Schick von der Jugendabteilung des Kantons Waadt, es gebe «keinen Grund zu glauben, dass es in der Schweiz weniger Inzest als in Frankreich gebe.».

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