Frankreich holt eine Debatte nach

Drei Monate nach den Pariser Attentaten hinterfragt der französische Linksintellektuelle Emmanuel Todd die Grosskundgebungen unter der Devise «Je suis Charlie». Sie seien hysterisch und heuchlerisch gewesen. Dies bleibt nicht unwidersprochen.

Stefan Brändle
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PARIS. Er schwieg verdächtig lang: Emmanuel Todd, einer der profiliertesten und temperamentvollsten Denker Frankreichs, äusserte sich bislang nicht zu den Terroranschlägen, bei denen im Januar in der Redaktion von «Charlie Hebdo» und in einem jüdischen Supermarkt 17 Menschen getötet worden waren. Er blieb den Grosskundgebungen fern, er nahm an keinen Talkshows teil und er nahm keine Anrufe von Journalisten entgegen.

Kundgebung der Mittelklasse

Untätig blieb Todd gleichwohl nicht. Im stillen Kämmerlein tat der 63jährige Soziologe das, was er schon immer getan hatte: Er sichtete Karten, Zahlen und Statistiken – diesmal zu den Solidaritätskundgebungen unter der Devise «Je suis Charlie». Dann griff Todd in die Tasten. Das in dieser Woche erschienene Ergebnis seiner Arbeit, ein 250seitiger Essay mit dem harmlos klingenden Titel «Wer ist Charlie?» ist soziologisches Dynamit. Der Pariser Bilderstürmer unterstellt der Linken, seinem eigenen politischen Lager, eine «hysterische» Reaktion in einem «katholisch-reaktionären» Geiste «à la Vichy», also des französischen Vichy-Regimes während des Zweiten Weltkriegs.

Todds empirischer Beleg: Die meisten Kundgebungsteilnehmer stammten, so eruierte er, aus der gehobenen Mittelklasse, und zwar in Regionen und Städten, die historisch gegen den Laizismus, d. h. gegen die Trennung von Kirche und Staat, und für den Katholizismus eingetreten seien. Unter den landesweit vier Millionen «Charlie»-Demonstranten hätten sich mehr Kaderangestellte als Arbeiter befunden, bilanziert Todd.

Viel Widerspruch

Der eigenwillige Demograph sieht darin ein Zeichen, wie sehr sich die Linke von der Arbeiterklasse in den Immigrantenvorstädten – und damit auch von ihrem Gleichheitsideal – entfernt habe. Präsident François Hollande decke lieber blasphemische Mohammed-Karikaturen als «die zentrale Figur einer schwachen und diskriminierten Gruppe», wettert Todd, der damit den Propheten und die Moslems meint.

Mit seinen Thesen ist Todd über Nacht auf alle Pariser Titelseiten und in alle Medienkanäle geraten. Und fast überall stösst er auf Widerspruch: Die «Charlie»-Umzüge – insgesamt die grössten Demonstrationen in der Geschichte Frankreichs – seien nicht «hysterisch» gewesen, sondern sehr ruhig verlaufen, entgegnet etwa der Chefredaktor der «Libération», Laurent Joffrin. Auch fixiere sich Todd zu sehr auf die Partei Hollandes, dem er 2012 noch seine Stimme gegeben habe. Die Psychoanalytikerin Julia Kristeva billigt dem streitbaren Soziologen einzig zu, dass er nicht nur die Banlieue-Jugendlichen verteidige, sondern auch vor ihrem zunehmenden Antisemitismus warne. Todd meint in seinem Essay in der Tat, der Anschlag vom 9. Januar auf den jüdischen Supermarkt sei eigentlich gravierender gewesen als das «Charlie»-Attentat zwei Tage zuvor.

Auf den Aspekt des Terrors geht Todd auch nach dem neuesten Anschlag in Texas nicht gross ein. Er wirft den Millionen von «Charlie»-Solidarischen vielmehr vor, sie hätten sich von einigen «Gestörten» ins Bockshorn jagen lassen. Zudem moniert er, der kollektive Zwang zum nationalen Schulterschluss sei nach den Anschlägen in Paris so stark gewesen, dass er gar nicht erst versucht habe, seine abweichende Meinung kundzutun. Das spräche Bände über die selektive Wahrnehmung der Meinungsäusserungsfreiheit all der vielen «Charlies».

Endlich eine Debatte

Dank Todd holt das attentatsversehrte Frankreich immerhin eine Debatte nach, die andernorts längst geführt wird. In den USA protestierten mittlerweile über 200 Schriftsteller wie Peter Carey und Michael Ondaatje gegen die am Dienstag erfolgte Verleihung des PEN-Schriftstellerpreises an «Charlie Hebdo» im Namen der Meinungsäusserungsfreiheit. Sie werfen dem Pariser Blatt «kulturelle Intoleranz» vor. Wie sehr die Attentate in Paris nachwirken, zeigt derweil auch die in vieler – auch finanzieller – Hinsicht gespaltene «Charlie Hebdo»-Redaktion. Der am 7. Januar verletzte Hauptzeichner Renald Luzier («Luz») gab dieser Tage bekannt, dass er es müde sei, Mohammed zu karikieren.

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