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FRANKREICH: Eine Feministin im MeToo-Dilemma

Sie kämpft gegen sexuelle Gewalt, schreibt erotische Bücher und ist bekennende Feministin. Doch nun muss Frauenministerin Marlène Schiappa die eigenen Regierungskollegen gegen Vergewaltigungsvorwürfe verteidigen.
Stefan Brändle, Paris
Die französische Frauenministerin Marlène Schiappa sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, ihre eigenen Ideale zu verraten. (Bild: Christophe Ena/AP (Paris, 18. Mai 2017))

Die französische Frauenministerin Marlène Schiappa sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, ihre eigenen Ideale zu verraten. (Bild: Christophe Ena/AP (Paris, 18. Mai 2017))

Stefan Brändle, Paris

Marlène Schiappa kann – und muss – viel einstecken. In einer Zeitschrift wurde die 35-jährige Feministin mit der imposanten Haarpracht schon als «heisse Pantherin» bezeichnet. Ein Nachrichtenportal nannte sie die «Königin der Schlampen». Das soll ironisch gemeint sein: 1971 hatten in Paris die legendären «343 Schlampen» wie Simone de Beauvoir, Marguerite Duras oder Jeanne Moreau ein Manifest für den Schwangerschaftsabbruch veröffentlicht. Schiappas Etikett bezieht sich aber auch auf Sex­ratgeber wie «Wagen Sie die Liebe mit Molligen», den Schiappa 2010 beim Erotikverlag La Musardine herausgab. Eine über­gewichtige Feministin warf ihr daraufhin vor, sie sei selber sexistisch und unterstelle beleibten Frauen, nachlässig zu sein und «stärker zu riechen».

Als Schiappa im letzten Sommer Staatssekretärin für Gleichberechtigung unter dem neuen Präsidenten Emmanuel Macron wurde, doppelte das grösste Pariser Magazin «L’Express» nach: Die verheiratete Mutter zweier Töchter habe früher unter einem Pseudonym auch sehr erotische Romane wie «Gute Mädchen schlucken nicht» herausgegeben. Die Angesprochene schwieg im beruhigenden Wissen, dass ihr Blog «Maman travaille» («Mama arbeitet») viel bekannter war: Millionen von Französinnen lasen und lesen immer noch ihre Tipps, wie man Kinder erziehen und zugleich arbeiten kann. Oder auch nicht: Schiappa hatte ihren Job bei einer grossen Pariser Werbeagentur gekündigt, weil die Sitzungen regelmässig um 18 Uhr stattfanden – also dann, als sie ihre Töchter eigentlich in der Grundschule abholen musste.

Schiappa war in der Provinzstadt Le Mans für die Sozialisten in die Lokalpolitik eingestiegen. Im Präsidentschaftswahlkampf 2017 wechselte sie ins Macron-Lager. Für den Kandidaten betätigte sie sich als talentierte Saaleinheizerin ohne Furcht und ­Tadel. Auch als Ministerin sitzt Schiappa nicht auf dem Mund. Immer wieder erinnert sie an den verdrängten Umstand, dass in Frankreich jedes Jahr weit über 200 000 Frauen Opfer sexueller oder physischer Gewalt ihrer eigenen Männer werden und dass jährlich über hundert Frauen von ihnen umgebracht werden. «Die Straflosigkeit sexueller Verbrechen in Frankreich muss ein Ende haben», bekräftigt Schiappa seit Ausbruch der Weinstein-­Affäre. In einer stark media­tisierten Affäre um den Tod einer jungen Frau namens Alexia Daval bezichtigte die Ministerin den Ehegatten des «Mordes», noch be­vor die Justiz den Tatbestand ge­nannt, geschweige denn ein Urteil gefällt hatte. Schiappa wurde im ganzen Land der «Vorverur­teilung» gescholten und musste zurückkrebsen.

Enthüllungswelle kollidiert mit Schutz der Privatsphäre

Seither mehren sich die Kritiker. Denn nun nimmt Schiappa zwei Regierungskollegen, die der Vergewaltigung beschuldigt werden, in Schutz. Budgetminister Gérald Darmanin wird von einem Ex-Callgirl vorgehalten, er habe ihr 2009 einen politischen Gefallen geleistet und sie dafür in die bekannte Pariser Swingerbar Les Chandelles eingeladen; danach habe er sich in einem Hotelzimmer an ihr vergangen. Die Justiz ermittelt auch in einer zweiten Sexaffäre des 35-jährigen Ministers – doch die Frauenministerin äussert kein Verständnis für den Standpunkt der Frauen, die von zahlreichen Feministinnen unterstützt werden, sondern pocht stattdessen auf die «Unschuldsvermutung» für Darmanin.

Dann berichtete das Magazin «Ebdo», dass zwei Frauen – unter anderen die Präsidentenenkelin Pascale Mitterrand – auch den po­pulären Umweltminister Nicolas Hulot (62) der Vergewaltigung bezichtigen. Dazu befragt, sinnierte Schiappa nicht mehr über das Ende der Straflosigkeit, sondern betonte den Vorrang der Justiz; diese Woche trat sie demonstrativ an Hulots Seite auf.

In den sozialen Medien ist zu lesen, die Frauenministerin decke ihre Regierungskollegen und strafe ihr Engagement für weibliche Gewaltopfer Lügen. Die Lage stellt sich allerdings komplexer dar. Die beiden Minister verweisen auf die Absenz jeglicher Belege und haben Gegenklage wegen Rufmordes eingereicht. Das einzige, teils verjährte Belastungsmaterial sind offenbar die Aus­sagen der Opfer. Anders ist es im Fall des Islamologen Tarik Ramadan: Er sitzt seit Tagen in einem Pariser Gefängnis, weil die Justiz gegen ihn über materielle Indizien zu verfügen scheint.

Ramadan nimmt Schiappa nicht in Schutz. Warum dann Darmanin, der nicht bestreitet, mit seiner Anklägerin als Vorspiel «Les Chandelles» besucht zu haben? Solche Barbesuche fallen in Paris unter den Schutz der Privatsphäre. Davon profitierten in Paris hauptsächlich Prominente und Politiker, meinen Schiappas Gegner. Aber was, wenn die Vorwürfe nicht zutreffen? Auch wenn später ein Freispruch erfolge, sei die Karriere bereits ruiniert, meint der konservative Philosoph und Exminister Luc Ferry, der sich damit auf Schiappas Seite stellt.

Ihr Positionsbezug in jedem einzelnen Fall scheint nachvollziehbar. Nur mit dem Korpsgeist in der Regierung lässt er sich kaum erklären. Aber das grundsätzliche Dilemma kann die Staatssekre­tärin auch nicht auflösen: Die #MeToo-Enthüllungswelle kollidiert gerade in Paris mit dem Schutz der Privatsphäre – und der Gefahr einer medialen Vorverur­teilung vor jedem Justizentscheid. Das zeigt die verbreitete fran­zösische Kampagne #balanceTonPorc – zu Deutsch «Ver­pfeif dein Schwein». Schiappa hat sich davon nie abgegrenzt. Oder erst, als die beiden Ministerkollegen verpfiffen wurden.

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