Frankreich
Diese Psychiaterin ist die Bannerträgerin der Impfgegner: Martine Wonner will einen Aufstand gegen die «Diktatur» anzetteln

Aus der Macron-Partei geworfen, dafür ein Medienstar geworden: Die französische Abgeordnete verkörpert die ganze Widersprüchlichkeit der Impfskeptiker.

Stefan Brändle, Paris
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Martine Wonner in der Nationalversammlung

Martine Wonner in der Nationalversammlung

Bild: Büro Wonner

Ihre Argumente halten einer näheren Prüfung nicht stand. Aber vielleicht ist das gar nicht so wichtig: Martine Wonner, Frankreichs umstrittenste Abgeordnete, spricht zahllosen Landsleuten aus der Seele, wenn sie Dinge sagt wie: «Das Covid-Zertifikat ermöglicht es der Regierung zu machen, was sie will.»

Im Visier hat die 57-jährige Psychiatrieärztin Emmanuel Macron. Ihm, dem jungen Staatspräsidenten, hatte die Elsässerin 2017 ihren Einstieg in die Politik und gleich auch ihre Wahl in die Nationalversammlung von Paris zu verdanken. Meist vertrat sie dort linke Positionen, etwa gegen das Chemiemittel Glyphosat oder für Asylbewerber.

Mit Beginn der Corona-Krise befürwortete sie gegen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse die Abgabe des umstrittenen Mittels Hydroxychloroquin. Dann warf sie Gesundheitsminister Olivier Véran vor, er wolle Patienten in den Intensivstationen «bewusst sterben lassen». Einmal rief sie mit Berufung auf eine US-Studie ins Rund: «Die Schutzmasken nützen absolut nichts!»

Die Studie gab es indessen gar nicht: Wie sich erwies, war sie vom Verschwörungszirkel QAnon in die Welt gesetzt worden. Der Macron-Partei «La République en marche» reichte es: Sie verbannte Wonner aus ihrer Fraktion.

Wonner ruft zum Sturm aufs Parlament

Heute spricht die Bannerträgerin der französischen Massnahmengegner und Impfskeptiker fast nur noch mit Verschwörungsmedien. Das Ärzte-Kollektiv #NoFakeMed zerzaust ihre Argumente regelmässig und verlangt vom französischen Ärzteverband Sanktionen wegen anhaltender «Desinformation».

Deshalb passt Wonner neuerdings besser auf, was sie sagt. Das neue Covid-Zertifikat lehnt sie dennoch ab, «weil es keine Garantie für die Immunisierung gibt». Bei Demonstrationen der Impfgegner haut sie aber weiter über die Stränge und ruft zum Aufstand auf: «Stürmt die Büros eurer Abgeordneten und sagt ihnen, dass Frankreich ein schönes Land ist und das alles nicht verdient!»

Einige Hitzköpfe schritten darauf zur Tat und randalierten in den Empfangslokalen von Abgeordneten in Versailles oder der Bretagne. Wonner stellte klar, sie sei gegen jede Gewalt. Sie lehne sich aber dagegen auf, dass viele Politiker die Impfgegner wie Aussätzige behandelten. An den Demos, bei denen sie auftritt, tragen einzelne Protestierende einen Judenstern.

Historisch ebenso verquer, prangern die Impfgegner an ihren Umzügen auch eine angebliche «Apartheid» zwischen Geimpften und Nichtgeimpften an. Wonner spricht in einer etwas moderateren Wortwahl von «Segregation». Inhaltlich meint sie dasselbe.

Wie gross der Zulauf der Impfgegner in Frankreich ist, hat sich am vergangenen Wochenende gezeigt. 110000 Menschen gingen im ganzen Land auf die Strasse, um gegen die seit gestern geltenden neuen Bestimmungen – darunter ein Impfzwang für das Gesundheitspersonal – zu demonstrieren.

Vertreten waren bei diesen Massenkundgebungen nicht nur viele Anhänger der Rechtspopulistin Marine Le Pen, sondern auch Grüne, linke «Unbeugsame» und ehemalige Gelbwesten. Neonazis wie bei den deutschen Querdenker-Demos sieht man in Frankreich jedoch kaum. In einem Wortspiel zu «sanitaire» (gesundheitlich) wird der Impfpass vielmehr als «nazitaire» schlechtgemacht.

Mehrheit der Franzosen befürwortet Impfpflicht

Viele Impfgegner fürchten primär den Verlust der landestypischen «liberté», des höchsten französischen Gutes. Deren ebenfalls sehr französische Kehrseite, der autoritäre Staat mit seinem Präsidenten und einer selbstherrlichen Exekutive, ist die erste Zielscheibe von Martine Wonner.

Dabei behauptet die Psychiaterin, sie wisse durchaus zu differenzieren: Die elf staatlich vorgeschriebenen Kinderimpfungen in Frankreich halte sie für sinnvoll. Für die Covid-Vakzine gebe es aber zu wenige Studien.

Auch Macrons Anhänger stellen mögliche Gefahren nicht in Abrede. Doch Wonners Gefolgsleute verweigern die Debatte weitgehend. Zum Teil wohl auch, weil sie klar in der Minderheit sind: 69 Prozent der Franzosen befürworten laut Umfragen das Impfobligatorium für Pflegende.

Auch Martine Wonner flüchtet sich in Verschwörungsthesen voller Zensur und Manipulation, Impfprofiteuren und Lügenpolitiker. «Dieser Diktatur werde ich nicht Komplizin sein», fantasiert die demokratisch gewählte Abgeordnete. Mit dieser Haltung ist sie in Frankreich bei weitem nicht allein.