FRANKREICH: Der wunde Punkt des Front National

Marine Le Pen startet an diesem Wochenende an einem Parteitag ihre Präsidentschaftskampagne. Zu reden gibt in Frankreich aktuell aber vor allem ein Spielfilm, der sich das doppelte Spiel von Frankreichs Rechtsextremen vornimmt.

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Der Film «Chez nous» (Bei uns) kommt in Frankreich - und eventuell auch in anderen Ländern - zwar erst am 22. Februar in die Kinos. Doch die fiktive Geschichte einer jungen Krankenschwester, die sich in einem ehemaligen Grubenrevier Nordfrankreichs zu einer lokalen Kandidatur für die Rechtsextremisten überreden lässt, sorgt bereits für Schlagzeilen. Und im Front National (FN) für heisse Köpfe, obwohl sie den Film noch gar nicht gesehen haben.

Nach der Erstausstrahlung des zweiminütigen Trailers meinte Parteivize Florian Philippot, es sei «skandalös», dass dieser «Anti-FN-Film» mitten in der Präsidentschaftskampagne erscheine. Ein bretonischer Regionalchef der Partei fügte mit abschätzigem Verweis auf die linksurbane «Bourgeois-Bohème» an, es handle sich um einen «Bobo-Film mit Bobos für Bobos». Gilbert Collard, einer der beiden rechtspopulisistischen Abgeordneten in der Nationalversammlung, bezeichnet die Filmemacher gar als «Schüler Goebbels’», die auf Kosten der Steuerzahler einen «Propagandafilm» gegen den Front National gedreht hätten.

«Patriotischer Block» symbolisiert den FN

Die virulenten Reaktionen offenbaren vor allem, dass der belgische Regisseur Lucas Belvaux bei den Frontisten ganz offensichtlich einen wunden Punkt getroffen hat. Dabei hat die auf einem Krimi basierende Story des Drehbuch-Co-Autors Jérôme Leroy selbst ihre Mängel. Bis zum Schluss bleibt unplausibel, warum sich die unpolitische Krankenschwester Pauline für den «Patriotischen Block» – alias Front National – engagieren lässt.

Der Vater der Protagonistin ist ein Kommunist, der den alten Bergbauzeiten nachhängt, und die junge Frau (gespielt von Emilie Duquenne) kümmert sich in der Tristesse des industriellen Nordens nicht nur um Senioren in ihren zerfallenden Arbeiterhäuschen, sondern wie selbstverständlich auch um Einwandererfamilien der Banlieue-Zone. Überzeugender ist die Rolle des ambivalenten Hausarztes Ber­thier (André Dussollier), der Pauline in die «nationale Volksbewegung» holt – so nennt sich die Fassaden-Organisation offiziell. Ihr Pendant in der realen Politik ist die «marineblaue Sammlungsbewegung» (RBM) von Marine Le Pen, die auf das Flammen-Logo des Front National verzichtet und dafür wie die Sozialisten eine Rose zum Emblem gewählt hat, um zusätzliche Wähler anzuziehen. «Chez nous» entlarvt über diese Maskerade das Doppelspiel der Wirklichkeit: Die RBM will nicht mit der Stammpartei gleichgesetzt werden, doch die angegebene Telefonnummer auf der Homepage ist die gleiche wie jene des Front National.

Frappierende Ähnlichkeit mit Marine Le Pen

Im Film versteht sich Pauline anfangs sehr gut mit der Parteichefin, die mit ihrer blonden Haartracht wie ein Double Marine Le Pens wirkt. Zu zweifeln beginnt die energische Krankenschwester erst, als sie als Bürgermeisterkandidatin keine Einsicht in das Wahlprogramm erhält, das sie verfechten soll. Diese Vorschläge seien unwichtig, meint der Doktor. Entscheidend sei: «Wir sind fast an der Macht angelangt – und dafür kämpfe ich seit 40 Jahren!»

Um dieses Zieles willen hält der kultivierte Hausarzt Pauline von einem Neonazi-Schlägertrupp fern. Berthier selbst vermeidet nach aussen jeden Kontakt zu diesem bewaffneten Kommando, das Migranten und Maghrebiner jagt; bei Bedarf setzt er es aber für seine Zwecke ein. Der Film schlägt damit einen direkten Bezug von der unfassbaren «nationalen Volksbewegung», die sich «weder links noch rechts» nennt, bis zu den brauen Schlägern.

Von diesen Hintergrundverbindungen ist im Trailer noch nicht einmal die Rede. Es lässt sich leicht ausmalen, wie die Exponenten des Front National reagieren werden, wenn sie den ganzen Film gesehen haben.

Stefan Brändle/Paris