Flüchtlingsstau am Ärmelkanal

Sie haben sich durch die Wüste und über das Meer gekämpft. Aber auf ihrem Weg nach England bleiben die Migranten am Ärmelkanal stecken. Im französischen Calais spitzt sich ihre Situation dramatisch zu. – Immer weniger schaffen auch die letzte Etappe.

Stefan Brändle
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Warten auf die Nacht und auf die Chance, unbemerkt einen der Lastwagen zu erreichen, die per Fähre nach England übersetzen. (Bild: epa/Etienne Laurent)

Warten auf die Nacht und auf die Chance, unbemerkt einen der Lastwagen zu erreichen, die per Fähre nach England übersetzen. (Bild: epa/Etienne Laurent)

Reglos sitzt der Mann vor dem fünf Meter hohen Zaun, den Blick durch die Maschen auf das Meer gerichtet. Vielleicht träumt er von seinem Eldorado, dem nur 33 Kilometer entfernten England, wo er Aufnahme und Arbeit zu finden hofft. Vielleicht plant er auch den nächsten Einsatz und überlegt sich jeden Handgriff, nachts, beim Sprung über den Stacheldraht und dann auf einen der Sattelschlepper, die langsam durch das riesige Hafengelände von Calais kurven, um sich auf die Fähre nach Dover einzuschiffen.

Traumland England

Niemand hier an der Carnot-Schleuse interessiert sich für den Migranten auf der Parkbank. Wie er warten derzeit mehr als tausend in Calais auf den grossen Sprung. Und jeden Tag werden es mehr. Am Sonntag demonstrierten vor dem Rathaus 300 Rechtsextreme des Vereins «Sauvons Calais» (Retten wir Calais), dessen Anführer ein Hakenkreuz auf seiner Brust tätowiert hat. «Sie verdrecken die Stadt», hiess es auf einem Transparent, auf einem anderen: «Werfen wir sie raus!»

Mehr Einwohner berührt indes das harte Los der Flüchtlinge; einzelne Familien haben einen Somalier, Iraker oder Afghanen bei sich aufgenommen. Die schweigende Mehrheit schaut gar nicht mehr auf, wenn ihnen die dunkelhäutigen Männer auf dem Trottoir entgegenkommen. «Sie wirken erschöpft, werden aber nie aggressiv», meint der Wirt im Bistro La Nex, wo einzelne Flüchtlinge ihre Handybatterien aufladen kommen.

Bei Lidl, dem billigsten Laden im Ort, decken sie sich mit Hühnerfleisch, Biskuits und Tee ein. Auch Omar und Asim, zwei Eritreer, schultern dicke Einkaufstaschen. Auf dem Rückweg erzählen sie, wie sie durch den Sudan und die Sahara flüchteten. Ein Schlepper brachte sie an den gefürchteten libyschen Milizen vorbei ans Mittelmeer; dort setzten sie im Gummiboot nach Italien über und gelangten ohne Polizeikontrolle nach Nordfrankreich. Ihr Ziel: London.

England gewähre Flüchtlingen Asyl, bilde sie aus und gebe ihnen Arbeit, meint Asim, der sein Alter mit 17 angibt. Während er in Frankreich nur Probleme mit der Polizei und der Sprache vorhersieht, radebrecht er voller Überzeugung: «England is very nice for us.»

Ein würdiges Leben für die Kinder

Die beiden Ostafrikaner schlagen einen Weg über ein stillgelegtes Eisenbahngleis ein. An einem halb versumpften Stadtkanal seifen sich ein paar Männer unter einem Abflussrohr ein. «Manchmal kommt Wasser», erklärt Omar, «manchmal aber auch giftige Chemie aus der Farbenfabrik dort drüben.» Aber die Migranten, die hier in den Sanddünen leben, halten es ohne Waschmöglichkeit nicht aus. «Ohne Wasser bekommst du die Krätze», erklärt der 43jährige Riese. Er hat seine drei Kinder in Eritrea zurückgelassen, will aber nur wegen ihnen nach England. «Ich bin zu alt, um mich um meine Zukunft zu sorgen, aber ich will, dass meine Kinder nach Europa kommen und ein würdiges Leben führen können.»

Auf dem Weg über die verrosteten Schienen kommen zahlreiche Männer entgegen. «Sie gehen an eine Demonstration gegen die Leute, die uns nicht wollen», meint Asim. Die beiden Eritreer gehen allerdings nicht hin. Sie seien sich nicht gewöhnt, politische Parolen zu skandieren, meint Omar. In ihrer Hauptstadt Asmara lande man schnell im Gefängnis, wenn man etwas Falsches sage. «Nein», korrigiert Asim sarkastisch, «schon wenn man was Falsches denkt.»

Am Stadtrand schlüpfen Omar und Asim durch ein Loch im Maschendraht: «Willkommen im Dschungel – so heisst unser Lager.» Es geht durch dichtes Gebüsch, auf dem Kleider zum Trocknen ausgebreitet sind. In einer improvisierten Küche reinigt eine junge Frau einen Esstopf.

Das wilde Lager ist eigentlich ein Fussballplatz. An den Seitenlinien reihen sich blaue Zelte von «Médecins du Monde» auf. Humanitäre Helfer sind aber nicht zu sehen. Spannung liegt in der Luft. Die Polizei kann den Platz jederzeit räumen kommen. Ausserdem kam es hier unlängst zu einem Streit, bei dem etliche Flüchtlinge durch Messerstiche verletzt wurden. Warum? «Die Sudanesen kontrollierten die besten Standplätze, wo man auf die Laster aufspringen kann», erklärt Asim. Am Nordende des Fussballfeldes klettert der junge Eritreer die Böschung hinauf. Bewachsene Sanddünen erstrecken sich bis zum Meer, unterbrochen von der Nationalstrasse N216, der Zufahrt zum Fährhafen. Bei den Verkehrskreiseln müssen die Laster bremsen. «Dort warten wir nachts hinter den Büschen, um aufzuspringen.»

Grenzort wird zur Sackgasse

Asim hat es zweimal versucht. Erfolglos, war danach leicht verletzt. Der schlaksige Bursche wirkt nicht wie ein Stuntman. Er sagt es nicht, aber man spürt seinen Zweifel. Die Chauffeure wappnen sich immer besser, denn sie zahlen eine saftige Busse von mehr als tausend Pfund, wenn sie in Dover mit Migranten an Bord erwischt werden. Sie installieren Kameras hinter ihrem Gefährt, sie bewaffnen sich mit Schlagstöcken.

Früher schafften es jede Nacht etwa zwanzig Flüchtlinge ins gelobte England. Das entspricht etwa der Zahl der täglichen Ankünfte in Calais. Jetzt gelingt die Kanalüberquerung nach Polizeischätzungen nur noch einer Handvoll Migranten pro Tag; durch den hoch gesicherten Eisenbahntunnel unter dem Meer versuchen sie es gar nicht mehr erst. So stauen sie sich in den wilden Lagern in der und um die Stadt. Calais, der wenig einladende Grenzort, wo Reisende kaum je halt machen, ist für sie zur Sackgasse geworden.

Vor einer Woche entlud sich die Spannung auf eine neue Art. Mehrere hundert Migranten drangen in die bewehrte Hafenzone ein. «Dort rannten sie durch», weiss Asim und zeigt auf eine Einfahrt mit dem Schild: «Get your passport ready – halten Sie Ihren Pass bereit». Grossbritannien ist schliesslich kein Schengenland. Wer eine Reservation hat, benützt die linke Fahrbahn, die anderen die rechte. Die Migranten haben weder Pass noch Reservation, aber den Mut der Verzweiflung: Sie überrannten die Sperren und liefen direkt auf die Fähren zu.

Im letzten Moment konnte das Personal die Ladebrücken hochziehen. Die Migranten standen am Ende der Kais, wussten nicht weiter und liessen sich von der Polizei abtransportieren. Die allermeisten kamen wieder frei: Wer nicht die Dummheit begeht, einen Pass vorzuzeigen, kann nicht in das Ersteintrittsland wie Italien oder Griechenland zurückgeführt werden. Nachts kann er den Sprung über den Kanal erneut versuchen.

Asylrecht harmonisieren

Die absurde Situation dieser Sisyphus-Migranten im Herzen von Europa ruft nach einer Revision und einer Harmonisierung des europäischen Asylrechts. Die Briten wollen aber nicht. Sie schenken Calais bloss die Umzäunungen des letzten Nato-Gipfels. Die konservative Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchard, verweigerte den Migranten jahrelang jede Hilfe. Doch vor einer Woche setzte sie im fernen Paris durch, dass die Flüchtlinge wenigstens tagsüber ein Empfangsareal erhalten. Dort sollen sie essen und sich waschen können; überdies wird die UNO-Flüchtlingsagentur UNHCR ein Büro einrichten, das laut ihrem Delegierten William Spindler eine korrekte Auskunft über die Realität in England vermitteln soll.

Es soll den Flüchtlingen klarmachen, dass man es als Migrant jenseits des Ärmelkanals nicht unbedingt leichter hat als im Rest Europas. Bei Asim und Omar ist die Botschaft noch nicht angekommen. Sie interessieren sich nicht für das UNHCR, sondern für den Wetterbericht. «Heute Nacht soll es bewölkt sein», freut sich Asim. «Da sehen uns die Chauffeure nicht, wenn wir auf die Laster klettern.»

Von einem Leben in Würde abgeschnitten – im Lager wie am Hefen. (Bild: epa, ap)

Von einem Leben in Würde abgeschnitten – im Lager wie am Hefen. (Bild: epa, ap)

epa04342626 Eritrean migrants get up in the early morning in a camp of Eritrean migrants in Calais, France, 06 August 2014, who are trying to find a way to travel to England. For the past few days, migrants from Sudan and from Eritrea have fought against each other resulting in over 50 persons among them to be injured. According to an Eritrean migrant, the fight started after some Sudanese men attacked Eritrean women, the men then acting in retaliation. The region Prefect has estimated the overall number of migrants to be around 1200 people. Migrants have settled in Calais as a last stop before trying to travel to England. EPA/ETIENNE LAURENT (Bild: ETIENNE LAURENT (EPA))

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