Flüchtlingslager auf dem Boulevard

Wegen der Räumung des Flüchtlingslagers in Calais weichen viele Migranten nach Paris aus: Auf den grossen Strassen der Hauptstadt entstehen seit einigen Tagen ausgedehnte Zeltlager.

Stefan Brändle/Paris
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Nächste Woche in Stalingrad! Dieser Losung folgen anscheinend viele Flüchtlinge aus dem Lager in Calais, das derzeit auf Anordnung der Regierung geschleift wird. Gut tausend Migranten haben in den letzten paar Tagen im Pariser Viertel mit der Metrostation Stalingrad ihre Zelte aufgeschlagen, täglich kommen weitere dazu.

300 Kilometer vom Ärmelkanal weg gibt es keine Sanddünen und Möwen: In Paris pulsiert das Hauptstadtleben. Oben rumpelt die Hochbahn-Metrolinie 2 vorbei, unten dröhnen Busse und Lastwagen haarscharf an den Zelten vorbei, die sich auf dem Mittelstreifen des Boulevard de la Villette aneinanderdrängen. Wenn eine Rotlichtwelle gerade den Verkehr anhält, starren aus den Schlitzen in den Zelten Kinderaugen durch den Abgasnebel.

Immer mehr Flüchtlinge drängen nach Paris

Hafiz wäre gerne nach England oder in die Schweiz gegangen. «Aber nach London schafft man es heute nicht mehr», sagt der 24jährige Afghane, der nicht viel von Europa weiss. «Mein Nachbar hier hat es in der Schweiz versucht, doch die Polizei hat ihn nach Frankreich zurückgebracht.» Doch jetzt ist Schluss mit Reden. Die Sonne blitzt durch die Wolken, Hafiz muss nasse Wäsche auf der Absperrung des Metroeingangs aufhängen.

Berater von Präsident François Hollande bestreiten, die Auflösung des «Dschungels» von Calais habe zu einer Absetzbewegung nach Paris geführt. Die ebenfalls sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo zweifelt aber nicht daran: Die Zahl der Flüchtlinge in den Strassen von Paris ist binnen Wochenfrist von 2000 auf 3000 hochgeschnellt.

Im September hatte die Polizei bei «Stalingrad» bereits ein wildes Camp aufgelöst und nach eigenen Angaben 2083 Personen in Auffangzentren gebracht, wo über Asyl oder Ausweisung entschieden wird. «Eine Stunde später waren sie wieder hier», schimpft eine ältere Anwohnerin, um erhobenen Hauptes anzufügen: «Mehr habe ich nicht zu sagen.» Dann brummelt sie doch noch: «Was das nur kostet!»

Damit meint die Dame wohl das städtische Auffanglager, das Hidalgo im Nachbarbezirk bauen lässt. Es ist für 400 Personen gedacht, ausbaubar auf 600, und soll in den nächsten Tagen eröffnet werden. Das Problem: Es reicht bei weitem nicht, alle neu angekommenen Migranten und Flüchtlinge aufzunehmen.

«Sollen sie doch beim Elysée-Palast campieren!»

Vom Stalingrad-Platz aus dehnt sich das Zeltlager über Hunderte von Metern auf der Avenue de Flandre aus, während nirgends Polizisten oder humanitäre Helfer zu sehen sind. Zwei Welten leben nebeneinander, ohne sich zu berühren: Auf dem Mittelstreifen logieren Sudanesen und Eritreer, für die eine paar Toilettenkabinen hingestellt und Hydranten geöffnet wurden, auf den Trottoirs gehen die Bewohner des 19. Arrondissements scheinbar wie immer ihrem Alltag nach. Vor einer Blumenhandlung ereifert sich aber eine Kundin, warum man die Migranten nur in dieses arme Einwandererviertel lasse: «Sollen sie doch beim Elysée-Palast campieren, bei Monsieur Hollande, und rundum in den schönen Vierteln! Aber dort lässt man sie nicht hin. Hier halten es die Anwohner nicht mehr aus. Sie werden sehen, die werden alle Le Pen wählen. Meine Stimme kriegen die Sozialisten auch nicht länger.»

Hollande, der vor den Präsidentschaftswahlen unter starkem Druck ist, lässt über die Polizei ausrichten, «Stalingrad» werde ebenfalls geräumt – und zwar schon «in den nächsten Tagen». Nur, die Betroffenen glauben nicht daran. Im Café «Formidable» gleich bei einem Metroausgang meint der Kellner resigniert, der Umsatz des Lokals sei in den vergangenen Wochen um die Hälfte eingebrochen. Nein, formidabel ist die Lage nicht, in «Stalingrad».

Jaden, ein Sudanese, der in Calais war, sagt, er werde wohl noch lange von Lager zu Lager ziehen. Auf die Frage, wie es in Paris im Vergleich zu Calais sei, ruft er aus: «Phantastisch!» Das muss sudanesischer Sarkasmus sein. «Wir haben fast kein Wasser und müssen darauf hoffen, dass die humanitären Organisationen uns zu essen bringen», erklärt dann der Sudanese Jaden, dem offensichtlich gar nicht zum Lachen zumute ist.

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