Flüchtlinge besser behandeln

Ein Gericht in Lille weist die französische Regierung an, den Tausenden von Flüchtlingen am Ärmelkanal «elementarste Rechte» einzuräumen. Zum Beispiel einen Wasseranschluss.

Stefan Brändle
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Mehr Sumpf als Flüchtlingslager: Im «neuen Dschungel» müssen Flüchtlinge ohne hygienische Einrichtungen und medizinische Hilfe auskommen. (Bild: epa/Yoan Valat)

Mehr Sumpf als Flüchtlingslager: Im «neuen Dschungel» müssen Flüchtlinge ohne hygienische Einrichtungen und medizinische Hilfe auskommen. (Bild: epa/Yoan Valat)

PARIS. In den Sanddünen beim Fährhafen von Calais sitzen derzeit 6000 Migranten in einem wilden Lager mit dem Übernamen «Neuer Dschungel» fest. Ihre Zahl hat sich in wenigen Wochen verdoppelt.

Denn wegen der verstärkten Sperren gelingt es den vorwiegend jungen Männern kaum mehr, in Sattelschleppern auf der Fähre oder im Eurostar-Zug durch den Ärmelkanaltunnel nach England zu gelangen. In der vergangenen Woche schaffte es nach Angaben humanitärer Verbände kein einziger Migrant.

Verzweiflung und Spannungen

England hat seine Grenzen dichtgemacht und zahlt lieber einen Millionenbeitrag an die Kosten für die Abschottung des Fährhafens und des Bahnhofs in Calais. Bei den immer gewagteren Versuchen der Migranten, doch noch nach Grossbritannien zu kommen, sind in den vergangenen Wochen 15 von ihnen ums Leben gekommen.

Die aussichtslose Lage für die Migranten, die nach einer langen und gefährlichen Reise aus dem Mittleren Osten oder Afrika kurz vor ihrem Reiseziel in Calais gestrandet sind, lässt viele verzweifeln. Im Lager nehmen Spannungen zu und brechen öfters während der Dunkelheit aus. Dazu kommen missliche hygienische Bedingungen.

Klage der Hilfswerke

Hilfswerke wie Caritas und «Ärzte der Welt» haben deshalb den französischen Staat wegen «anhaltender Verletzung fundamentaler Rechte» angezeigt. Für ihre Klage führten sie an, es fehle an Frischwasser, Duschen, Toiletten und Abfallsammelstellen. Das angerufene Verwaltungsgericht in der nordfranzösischen Metropole Lille gab ihnen nun teilweise recht.

«Es obliegt den Behörden, sicherzustellen, dass die elementarsten Rechte dieser Personen gewährleistet werden», erklärte das Gericht in seinem Urteil. Konkret fordert es die örtliche Präfektur auf, binnen acht Tagen zehn zusätzliche Wasserstellen mit je fünf Wasserhähnen einzurichten, dazu 50 Toiletten, eine Kehrichtabfuhr sowie «einen oder mehrere Zugänge» zu Notfalldiensten. Bis heute müssen zudem die minderjährigen «Dschungel»-Bewohner registriert werden.

Abgelehnte Forderungen

Abgelehnt wurden hingegen weitergehende Forderungen der Hilfswerke, den 6000 Migranten leeren Wohnraum in Calais zur Verfügung zu stellen und ihnen zweimal am Tag eine Mahlzeit auszugeben. Derzeit werden einmal am Tag 2500 Mahlzeiten verteilt.

Kein Paradies in Britannien

Die Regierung in Paris hatte schon im voraus den Bau eines festen Zeltlagers für 1500 Personen bis Januar angekündigt. Die Unterkunft von 200 Frauen und Kindern soll ebenfalls verbessert werden. Innenminister Bernard Cazeneuve liess am Dienstag 300 Migranten auf freiwilliger Basis auf Asylzentren in ganz Frankreich verteilen. Ähnliche Operationen hatte er im Oktober zuerst mit 300 und dann mit 400 Migranten durchgeführt.

Die Rechtsopposition kritisierte, dass zu dem Zweck teure Kleinflugzeuge benutzt wurden. Die Hilfswerke versuchen derweil Flüchtlinge davon zu überzeugen, dass sie auf der anderen Seite des Ärmelkanals nicht das Paradies erwartet.