Fluchtziel Grossbritannien

Da der Ansturm jener Flüchtlinge, die nach Grossbritannien wollen, immer grösser wird, wollen französische und britische Behörden bei deren Abwehr jetzt enger zusammenarbeiten. Der Eurotunnel soll unpassierbar werden.

Jochen Wittmann
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LONDON. Nun hat sich von seinem Staatsbesuch in Vietnam gestern auch der britische Premierminister David Cameron zur Flüchtlingskrise am Ärmelkanal zu Wort gemeldet. Grossbritannien werde angesichts der chaotischen Lage um Calais härter gegen illegal eingewanderte Migranten vorgehen, erklärte er. Man werde sie ausweisen, «damit die Leute wissen, dass dies kein sicherer Hafen ist». Schon jetzt würden Gesetze verabschiedet, die das Bleiben erschwerten. Es müsse aber noch mehr geschehen.

Frankreich und Grossbritannien müssten Hand in Hand arbeiten, um die Grenze zu schützen, sagte Cameron. Er spreche regelmässig mit dem französischen Präsidenten Hollande über die Lage. Es sei «unglaublich wichtig», die Grenzkontrollen auf der französischen Seite des Kanals zu haben. Schon am Mittwoch hatte Camerons Innenministerin Theresa May schärfere Massnahmen gegen die Flüchtlinge angekündigt.

Calais' Bürgermeisterin Natacha Bouchart hatte Grossbritannien im Frühjahr vorgeworfen, sich zu wenig zu engagieren, nur weil die Grenze auf französischem Boden sei.

Wieder ein Todesopfer

Auch in der Nacht auf gestern hatten erneut zahlreiche Flüchtlinge versucht, durch den Eurotunnel unter dem Ärmelkanal von Frankreich nach Grossbritannien zu gelangen. Beim Versuch, diese Fluchtroute benutzen zu können, war es am Vortag zum neunte Todesfall seit Anfang Juni gekommen. Ein Flüchtling aus Sudan, männlich, zwischen 25 und 30 Jahre alt, war von einem Lastwagen überfahren worden. Wie er, hatten es in der Nacht auf Mittwoch rund 1500 Flüchtlinge versucht, durch den Tunnel ins Königreich zu gelangen. Mindestens 148 von ihnen waren dabei auch erfolgreich: In Folkestone angekommen, beantragten sie Asyl. Andere, vermuten die britischen Behörden, sind nach ihrer Ankunft in Grossbritannien untergetaucht.

Immer mehr Flüchtlinge

Die Situation im nordfranzösischen Fährhafen Calais und im nahegelegenen Coquelles, wo der Eurotunnel beginnt, hat sich weiter verschärft. Waren es im Januar nur rund 600 Flüchtlinge, die in Calais gestrandet waren, so sind es mittlerweile bis zu 5000 Menschen, die auf eine Gelegenheit warten, nach Grossbritannien zu kommen. Sie versuchen, die Absperrzäune zu überwinden, um in Lastwagen einzubrechen oder auf fahrende Züge aufzuspringen. Insgesamt hat es in diesem Jahr, so der Betreiber Eurotunnel, etwa 37 000 Versuche gegeben, auf die andere Seite des Ärmelkanals zu gelangen. Das Risiko für Leib und Leben ist gross, aber der Preis, im Königreich Asyl beantragen zu können, scheint es vielen Flüchtlingen wert. In den letzten Tagen und Nächten wurde der Ansturm immer grösser. In der Nacht zum Dienstag führte die französische Polizei rund 2000 Eindringlinge vom Gelände des Eurotunnels ab – und liess sie draussen wieder frei. Kein Wunder, dass in der Nacht darauf die Flüchtlinge erneut ihr Glück versuchten.

Ein neuer Zaun wird gebaut

Mit dem Katz-und-Maus-Spiel soll nun Schluss sein, wie die britische Innenministerin Theresa May am Mittwoch verkündet hatte. Sie hatte in Gesprächen mit ihrem französischen Amtskollegen Bernard Cazeneuve eine Änderung der bisherigen Praxis erreicht. Künftig sollen nicht mehr alle aufgegriffenen Flüchtlinge wieder laufengelassen, sondern einige von ihnen in ihre Heimat, hauptsächlich westafrikanische Länder, abgeschoben werden. «Das ist ein bedeutender Schritt vorwärts», sagte May, weil es deutlich mache, dass die Leute nach ihrer gefährlichen Reise bis Calais kein Leben in Grossbritannien erwarten können, sondern stattdessen wieder zurückgeschickt werden. Darüber hinaus kündigte die Innenministerin weitere Massnahmen an. Umgerechnet etwas über zehn Millionen Franken will die britische Regierung in einen zwei Kilometer langen Hochsicherheitszaun investieren, der die Anlage in Coquelles schützen soll. Britische Polizisten und verdeckte Ermittler sollen mit französischen Sicherheitskräften vor Ort zusammenarbeiten, um den Schleuserbanden das Handwerk zu legen.

Ruf nach Armee-Einsatz

Der Ansturm der Flüchtlinge, der immer wieder zu Schliessungen des Eurotunnels und zu Störungen beim Fährbetrieb führt, hat auf der britischen Seite teils zu einem Verkehrschaos geführt. Weite Teile der Autobahn M20, die nach Dover führt, wurden geschlossen und in einen Parkplatz für Lastwagen verwandelt. Der Verband der Speditionsunternehmer schätzt, dass der Industrie pro Tag ein Schaden von 750 000 Pfund entsteht. Der Chef der rechtspopulistischen Partei Ukip, Nigel Farage, rief dazu auf, die Armee einzusetzen, um die ins Land kommenden Lastwagen nach illegalen Immigranten zu durchsuchen.