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Fingernagel-Zangen und Leichen vor der Zellentür: Ex-IS-Geisel schildert Horrorerlebnisse – und sinnt trotzdem nicht auf Rache

Der Franzose Nicolas Hénin war zehn Monate lang Gefangener des Islamischen Staats. In der Geiselhaft hat er die Überzeugung gewonnen, dass die Justiz die einzige wirksame Waffe gegen Dschihadismus ist – und dass Rache nichts bringt.
Stefan Brändle, Paris
Der Video-Screenshot zeigt IS-Kämpfer, die gefangengenommene syrische Offiziere abführen. Später werden sie enthauptet. (Bild: AP/Keystone, 16. November 2014)

Der Video-Screenshot zeigt IS-Kämpfer, die gefangengenommene syrische Offiziere abführen. Später werden sie enthauptet. (Bild: AP/Keystone, 16. November 2014)

Der Treffpunkt ist präzis gewählt: Das Pariser Bistro hat einen einzigen Eingang, und Nicolas Hénin nimmt mit dem Rücken zur Spiegelwand Platz, sodass er das Kommen und Gehen im Blick behält. Das ist vielleicht besser so: Der 43-jährige Franzose hat, um es vorsichtig auszudrücken, auf keiner Seite Freunde. Für die Dschihadisten ist er ein Todeskandidat, und von Rechtsextremen hat er schon Morddrohungen erhalten.

Aber der Reihe nach. Nicolas Hénin war ein erprobter Kriegsreporter, der fünfzehn Jahre lang über den arabischen Raum berichtete und dabei auch Dschihadisten – oft die gleichen – in Somalia, in Libyen oder im Jemen traf. 2013 wurde Hénin in der syrischen IS-Hochburg Rakka entführt und zehn Monate lang als Geisel gehalten. Dabei lernte er unter anderem den später exekutierten Amerikaner James Foley kennen. Hénin selber wurde andauernd gefoltert.

Dschihadisten legten Leichen vor Hénins Zellentür

Nicolas Hénin (Bild: HO)

Nicolas Hénin (Bild: HO)

Über seine Freilassung redet Hénin ungern, das ist Geheimdienstsache. Auf jeden Fall erkannte er nur einen Monat später seinen Geiselnehmer, den Franzosen Mehdi Nemmouche, wieder. Nemmouche war einer der Attentäter beim Anschlag auf ein jüdisches Museum in Brüssel im Jahr 2014. Vier Menschen starben. Bei Nemmouches Prozess in Belgien trat Hénin Anfang dieses Jahres als Zeuge auf. Dort erzählte er zum ersten Mal, wie ihn sein Geiselwächter malträtierte. «Vorher hatte ich mich dazu sehr zurückgehalten, auch gegenüber meiner eigenen Familie», erzählt Hénin.

«Vor Gericht kam alles heraus, bis zu den Fingernagelzangen und dem Psychoterror. Und seltsam: Nachdem ich seit meiner Freilassung unter Albträumen gelitten hatte, fühlte ich mich nach dieser Zeugenaussage leicht und befreit; erstmals seit langem schlief ich wieder gut.»

Während der Gerichtsverhandlung hat die Ex-Geisel ihrem Peiniger unfreiwillig eine Falle gestellt: Als Hénin erzählte, wie der Sadist eine andere Geisel erniedrigte und sie «mein kleiner Didier» nannte, musste Nemmouche spontan lächeln. Damit hatte er sich selber verraten, nachdem er die Teilnahme an den Geiselaffären kategorisch bestritten hatte. Nemmouche wurde wegen des Museumattentats zu lebenslanger Haft verurteilt. Inzwischen ist er nach Paris überstellt worden, wo er nun auch für seine Dschihad-Untaten geradestehen muss.

Seine eigene zehnmonatige «Haft» nennt Hénin eine «extreme Erfahrung». Absolut unerträglich sei, dass man als Geisel jede Kontrolle über sein Leben verliere. Die Dschihadisten wollten ihn zugrunde richten, unter anderem, indem sie getötete Geiseln mit durchschnittener Kehle vor seine Zellentür legten. «Ich überlebte letztlich nur, weil es mir gelang, ein Mensch zu bleiben», meint Hénin. Und diesem Prinzip folgt er bis heute:

«Mir geht es nicht um Revanche oder Rache. Das wollen die Dschihadisten, und wir dürfen uns nicht in ihr Spiel hineinziehen lassen.»

Als Geisel musste er orange Kleider tragen, weil sich die IS-Wächter für ihre Kumpels im US-Gefängnis Guantánamo rächen wollten.

In Frankreich rufen viele nach Vergeltung für die Pariser Terrorattacken von 2015. Ein Vater, der in der Pariser Bataclan-Mordnacht seine Tochter verloren hatte, twitterte, man solle die in Syrien gefangenen Dschihadisten nicht nach Frankreich ausliefern, sondern vor Ort erschiessen. Hénin mahnte darauf öffentlich, kühlen Kopf zu bewahren. Darauf wurde er beschimpft und via Internet selber zum Abschuss freigegeben. Hénin hat Klage gegen unbekannt eingereicht:

«Ich glaube an die Justiz. Nur sie kann dafür sorgen, dass sich die Gewaltspirale nicht weiterdreht.»

Und weiter: «Auch die Dschihadisten haben für ihre Verbrechen zu zahlen, und wir müssen sie ohne Unterlass bekämpfen. Aber stets mit den Mitteln des Rechtsstaates. Gerade weil die Dschihadisten Panik säen wollen, müssen wir kühlen Kopf bewahren. Wir brauchen keinen Überwachungsstaat, sondern kollektive Wachsamkeit.»

Mit Häftlingen spricht er über alles – ausser Religion

Hénin ist kein Weichling. Er sagt, er wende seit seiner Geiselhaft jede Minute seines Lebens zur Terrorbekämpfung auf. Seinen Job als Reporter hat er an den Nagel gehängt. Heute pendelt der Reserveoffizier zwischen Deutschland und Frankreich, wo er internationale, europäische und frankophone Organisationen in Terrorfragen berät. Er leitet Kurse und tritt in Gefängnissen auf. Mit den gefährdeten oder bereits radikalisierten Häftlingen spricht er über alles – ausser über Religion. Das überlässt er den muslimischen Seelsorgern. «Sie leisten wichtige Arbeit, um die Radikalisierung neuer Häftlinge zu verhindern», sagt Hénin. «Ansonsten setzen die Haftanstalten heute eher auf soziale Integration und psychologische Betreuung als auf Entradikalisierung.»

Die Amerikaner hätten den Versuch bereits völlig aufgegeben, in den Haftanstalten auf religiöse Ausrichtungen einzuwirken. «Ich mag das Wort ‹Deradikalisierung› auch nicht», bekennt Hénin.

«Man kann niemanden deradikalisieren, wenn er nicht selber dazu bereit ist.»

Wie er zu dieser Überzeugung gekommen ist? «Ich hatte zehn Monate lang Zeit, mich aus nächster Nähe mit dem Denken der Dschihadisten zu befassen», antwortet Hénin, der nun selbst auch einmal lächeln muss.

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