Fernöstliche Wahl mit Sprengkraft

In Taiwan, dem Inselstaat vor dem chinesischen Festland, wird heute das Präsidentenamt neu besetzt. Es zeichnet sich ein Regierungswechsel ab. Die erste Frau in diesem Amt, so sie tatsächlich gewählt wird, will Peking die Stirn bieten.

Finn Mayer-Kuckuk
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TAIPEH. Alles fing mit einem Anruf an. «Wir stürmen das Parlament, du musst unbedingt kommen», ruft eine Freundin von Wang Yen-chen in ihr Handy, dann legt sie auf. Als der Wirtschaftsstudent an dem rotbraunen Gebäude der Hauptstadt Taipeh ankommt, stehen die Gittertore offen, die Polizei hat bereits kapituliert. Der intellektuelle, feingliedrige Wang gehört fortan zu gut 300 jungen Leuten, die das Parlament dreieinhalb Wochen besetzt halten. Nur an zwei Tagen macht er Pause, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen und zu duschen. «Die Sache brannte uns auf der Seele. Eine weitere Annäherung an Festlandchina konnten wir nicht zulassen.»

Die Ereignisse des Frühjahrs 2014 werden heute dazu beitragen, eine Wahl zu entscheiden. Denn so wie Wang denken viele Taiwaner: Ihre Heimat hat sich schon zu sehr in die Umarmung der kommunistischen Regierung in Peking begeben. Schuld ist nach Ansicht vieler die bisherige Regierung. «Präsident Ma Yingjeou hat die Beziehungen zu China stark in den Mittelpunkt gestellt», sagt der Politologe Yu Chen-hua von der National Chengchi University in Taipeh. «Das droht zum Stolperstein für seine Partei zu werden.» Ma wollte damit die Wirtschaft ankurbeln. Stattdessen hat die Annäherungspolitik Vorbehalte in der Bevölkerung ausgelöst.

Seit 1949 heikle Lage

Die neue Stimmung dürfte sich im Wahlergebnis spiegeln. Der frisch politisierte Student Wang hat sich einer neugegründeten Partei angeschlossen: Die New Power Party (NPP) tritt mit der Forderung nach völliger Unabhängigkeit der Insel an. Ihr Chef ist Freddy Lim, ein Rockstar, der bei den jungen Leuten bekannter ist als mancher Spitzenkandidat der etablierten Parteien.

Eine Mehrheit wird heute aber wohl für die grosse Oppositionspartei stimmen – und damit erstmals eine Frau ins Präsidentenamt wählen: Tsai Ing-wen, 59, ist Spitzenkandidatin der Demokratisch-Progressiven Partei (DPP). Sie vertritt einen Kurs der Stärke gegenüber China und spricht nationalistische Gefühle an. In Umfragen unterstützt über die Hälfte der Wähler diese Linie, bei den unter 30-Jährigen sind es mehr als 60 Prozent.

Die komplizierte Situation zwischen Taiwan und China ist nach 1949 entstanden. Die Kommunisten haben damals nach einem Bürgerkrieg die Macht im Land an sich gerissen. Die nationalkonservative Regierung ist zusammen mit der herrschenden Elite nach Taiwan geflohen. Seitdem lebt dort die alte Republik fort. Seit 1992 herrscht die Sprachregelung, es gebe nur «ein China», ohne zu sagen, welches jetzt das eigentliche China sei. Taiwan hat sich nie zu einem unabhängigen Staat erklärt.

Taiwan hat nur 23 Millionen Einwohner gegenüber 1400 Millionen auf dem kommunistisch regierten Festland. China, zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt, tritt zudem immer selbstbewusster auf. Präsident Xi Jinping ist ein Machtpolitiker, der politische Hindernisse rücksichtslos aus dem Weg räumt. Für den Fall, dass Taiwan sich für unabhängig erklärt, steht die chinesische Drohung eines militärischen Angriffs im Raum.

Taiwans Wirtschaft hängt unterdessen ganz vom Wohl und Wehe des Festlands ab. Die eigenen Unternehmer haben in den letzten Jahren vorrangig in China investiert. Wegen der jüngsten Turbulenzen der chinesischen Wirtschaft ist Taiwan für ein Quartal in die Rezession gefallen. Sanktionen Pekings wären katastrophal.

Junge wollen Unabhängigkeit

Der 25jährige Wang ist sich all dessen bewusst – schliesslich hat er inzwischen einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften. Er hat sich dennoch der NPP angeschlossen, die Taiwans formale Unabhängigkeit fordert. «Wir müssen eine Grenze ziehen, wie weit wir eine Vermischung mit China zulassen», sagt er. «Bisher hat die Regierung noch längst nicht ausgetestet, wie weit wir Peking die Stirn bieten können.»

Nach über sechs Jahrzehnten der Trennung haben sich die Mentalitäten auseinanderentwickelt. Während Wangs Eltern sich noch eher als Chinesen gesehen haben, versteht sich Wang stolz als Taiwaner. Eine erfolgreiche Wiedervereinigung hält er für ausgeschlossen.

Diese Haltung ist typisch für die junge Generation. Sie sind die Wähler von Tsai Ing-wen, die in Umfragen mit guten zwanzig Prozentpunkten führt. Sie strebt keine sofortige Unabhängigkeit an, akzeptiert aber, dass es zwei Länder gibt: China und Taiwan. Das birgt Sprengstoff. Auf Tsai kommt die Aufgabe zu, die heiklen Beziehungen zu Xi Jinping mit den hohen Erwartungen ihrer Wähler zu vereinbaren.

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