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Englands feiner Hausbesetzer

Seinen Ministerposten hat Boris Johnson aufgegeben. Aus der dazugehörigen Residenz mag er aber nicht ausziehen.
Sebastian Borger
Boris Johnson verlässt seine Residenz in Carlton Gardens in London. (Bild: Dan Kitwood/Getty; 18. Juli 2018)

Boris Johnson verlässt seine Residenz in Carlton Gardens in London. (Bild: Dan Kitwood/Getty; 18. Juli 2018)

«Es ist noch nicht zu spät, um den Brexit zu retten.» Mit diesem Satz meldete sich Boris Johnson letzte Woche im Unterhaus zurück. Mehr als eine Woche lang hatte der als Aussenminister zurückgetretene Politiker geschwiegen, ehe er Premierministerin Theresa Mays Pläne für den EU-Austritt Grossbritanniens angriff.

Vielleicht lag die ungewöhnlich lange Schweigeperiode an privaten Schwierigkeiten – der 54-Jährige braucht nämlich nicht nur ein neues Büro, sondern vor allem eine Unterkunft für sich und seine umfangreiche Familie. Das liegt daran, dass dem Aussenminister Ihrer Majestät eine edle Residenz mitten in London zusteht. Manche von Johnsons Vorgängern lebten im Bewusstsein der Kurzlebigkeit politischer Ämter und verzichteten deshalb auf die fürstliche und gleichzeitig spottbillige Unterbringung.

Nicht so der frühere Londoner Bürgermeister, der von sich selbst glaubt, er sei wie kaum ein anderer zu Mays Nachfolge in der Downing Street prädestiniert. Stolz tauschten Johnson und seine Frau Marina Wheeler, eine Rechtsanwältin, samt den gemeinsamen vier Kindern vor zwei Jahren ihr geräumiges Haus im Nordlondoner Stadtteil Islington gegen die Minister-Residenz ein.

Die wurde in den 1820er-Jahren vom berühmten Architekten John Nash gebaut als Teil eines Ensembles, das bis heute die Paradestrasse The Mall überragt und den Blick in den St. James’s Park bietet. Das Anwesen liegt an der feinen Adresse Carlton House Terrace und trägt natürlich die Nummer eins. Frühere Nachbarn waren im 19. Jahrhundert der legendäre Aussen- und Premierminister Lord Palmerston und im Zweiten Weltkrieg General Charles de Gaulle, der spätere Präsident Frankreichs.

Verzweifelt auf der Suche nach einer
adäquaten Unterkunft

In solch historischer Umgebung fühlte sich der blonde Wuschelkopf, der von seiner Familie Al, vom Rest der Welt stets nur Boris genannt wird, sichtbar wohl. Gern empfing er in den repräsentativen Gemächern auch ausländische Gäste wie im Vorjahr den damaligen Aussenminister und jetzigen Bundeskanzler Österreichs, Sebastian Kurz.

Aus und vorbei. Verzweifelt, so scheint es, sind Johnson und seine Frau nun auf der Suche nach einer adäquaten Unterkunft, schliesslich pocht schon Nachfolger Jeremy Hunt an die Tür. Das Islingtoner Haus ist zu lukrativem Preis langfristig vermietet und deshalb keine Option. Sollte der einstige Brexit-Vormann etwa über einen Austritt, diesmal aus der Regierung, entschieden haben, ohne die Konsequenzen so recht zu bedenken?

Schon wettern politische Kontrahenten wie die Labour-Abgeordnete Catherine West, der Ex-Minister gleiche «einem steuerfinanzierten Hausbesetzer»; Johnson solle sich endlich davonscheren. Der Betroffene dürfte sich in einem alten Bonmot bestätigt fühlen. Im Leben, so hat Johnson in ähnlicher Lage einmal gesagt, gebe es «keine Desaster, nur Chancen. Und natürlich Chancen für neue Desaster.»

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